Ist kein Code auch eine Lösung?

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"Ich kann eine Anwendung bauen, ohne eine Zeile Code zu schreiben - das ist, was No Code ist." So beschreibt Sebastian Schrötel das Versprechen, nicht nur von SAPs eigenem Tool Build, sondern der ganzen Idee hinter Low und No Code. Mit SAPs eigener Entwicklungsumgebung Build, die im November 2022 vorgestellt wurde, sollen sich sogar komplexe S/4HANA-Apps komplett grafisch entwickeln lassen.

"Es wird Dinge geben, die von Low-Code-Plattformen übernommen werden", sagte Mendix-CTO Johan den Haan im Gespräch mit Golem.de-Redakteur Oliver Nickel (g+). Eine existenzielle Gefahr für seinen Berufsstand sieht er aber nicht: "Ich bin auch selbst im Herzen Programmierer und hoffe darauf, dass wir das Handwerk des Programmierens weiterhin wertschätzen werden." Das Wichtigste sei, zu wissen, wann man Code braucht und wann nicht.

"Wir möchten eine Demokratisierung von Softwareentwicklung erreichen"

Sebastian Schrötel stellte SAP Build beim Gespräch für Chefs von Devs nicht allein vor, sondern wurde von seinem Kollegen Gero Decker unterstützt. Der wechselte 2021 mit dem Aufkauf der Prozessanalysten Signavio zu SAP und hat uns noch etwas mehr aus der Low- und No-Code-Praxis zu berichten:

Golem.de: Woher wissen die No-Code-Nutzer, welcher Prozess verbesserungsbedürftig ist?

Gero Decker: Ich muss zum einen die Möglichkeit haben, Veränderungen schnell umsetzen zu können. Da ist die Kreativität des sogenannten Business Experts immer willkommen. Aber sie muss auf Zahlen und Daten basieren. Bei SAP Signavio haben wir zum Beispiel ein Tool, mit dem ich im Schnitt in 14 Minuten 60 bis 70 Prozent dessen durchleuchten kann, was im Unternehmen an Prozessen stattfindet, und das dann mit Benchmarks zusammenbringen kann.

Golem.de: Haben Sie dafür ein praktisches Beispiel?

Gero Decker: Letztens hatte ich den Fall bei einem Automobilhersteller, der beim Verbauen von Fensterscheiben Schwankungen im Produktionstempo bemerkte. Schauen wir uns nur diesen einen Task an, sehen wir eine Normalverteilung und haben daraus nichts gelernt. Dann aber haben wir angefangen, uns den kompletten Prozess mit Process Mining anzugucken. Dadurch sehen wir auch die Schritte, die davor und hinter diesem einen Task passieren. Und schon erkennen wir, wer hätte es gedacht, eine Korrelation zwischen dem Tempo beim Verbauen der Schreiben und dem, was davor passiert ist. Diese Muster können Sie dann schnell identifizieren und entsprechend korrigierend eingreifen.

Golem.de: Bei diesem Beispiel muss trotz aller Automatisierung aber noch immer ein Mensch den Prozess verstehen.

Gero Decker: Wissen Sie, wir reden heute viel über autonom fahrende Autos. Ich werde häufig gefragt: Wann reden wir über das autonome Unternehmen, wo sich alles von allein regelt, wo Prozesse sozusagen magisch wie von Geisterhand entstehen? Ich erwidere dann immer: Das kommt erst in 100 Jahren - dann kann mich niemand zur Rechenschaft ziehen, wenn meine Vorhersage falsch war. [lacht] Aber ja: Menschen müssen heutzutage die Prozesse verstehen.

Golem.de: Aber wenn wir bei der Science-Fiction-Firma bleiben, in der Maschinen alles selbst machen: Wie skeptisch sind Kunden, dass ihnen womöglich zu viel abgenommen wird?

Gero Decker: Wenn es ihr Leben einfacher macht, sind die Leute sehr schnell begeistert. Beim ersten Gedanken daran gefällt das der IT vielleicht nicht. Aber das ändert sich in dem Moment, in dem sie merkt, dass sich ihre Beziehung mit dem Fachbereich zum Positiven verändert. Es ist nämlich nicht wie bei Excel-Tabellen, wo die IT keine Kontrolle mehr darüber hat, welche Daten durchs System fließen. Wir sind so weit gekommen, dass wir das Beste aus beiden Welten zusammenführen: Der Kreativität der Leute freien Lauf lassen, ohne dass das in einem unkontrollierten Rahmen stattfindet.

Sebastian Schrötel: Diese Beziehung zwischen IT und Anwendern hat sich in größeren Organisationen leider eingeschlichen. Fachabteilungen möchten da noch einen Button "drangenäht" haben, die IT sagt: "Wir haben zu viel zu tun", und dann muss die Fachabteilung drei Monate auf den Button warten. In Zukunft wird es eher so sein, dass die IT sagt: "Baut euch das bitte selbst und wenn ihr fertig seid, schauen wir noch mal drüber und deployen es dann produktiv. Und wenn ihr noch einen Button wollt, näht ihn einfach selbst dran."

Das ist eine ganz große Veränderung - und zwar auch in unternehmenskultureller Hinsicht. Die Fachabteilung ist nicht mehr der Bittsteller an die IT und die IT ist nicht mehr nur der zentrale Erfüllungsgehilfe, der immer auch ein wenig mauert. Es ist eine eher kollaborative Beziehung. Gleichzeitig werden aber auch die Mitarbeiter*innen befähigt, ihre eigene Arbeitsumgebung verbessern zu können. Sie müssen nicht mehr alles von Hand erledigen oder zig E-Mails schreiben, damit ihnen geholfen wird.

Golem.de: Wie sehr musste sich die Kultur auch bei SAP ändern, um so ein Produkt zu entwickeln?

Sebastian Schrötel: Es gibt mehrere Facetten, wo wir auch als SAP viel gelernt haben. Unsere eigene IT ist immer einer der frühesten Kunden von unseren Produkten. Da haben wir diesen kulturellen Wandel gut verfolgen können. Wir haben also diese Transformation bereits hinter uns. Es war eine hervorragende Lernerfahrung, die wir wiederum auch in die Produktentwicklungsabteilung hineingenommen haben.

Golem.de: Jetzt muss diese Erfahrung nur beim Kunden ankommen.

Sebastian Schrötel: Unsere Kunden können diese Software bis zu einer gewissen Funktionalität kostenlos nutzen. Wir möchten eine Demokratisierung von Softwareentwicklung erreichen. Was Mitarbeiter*innen mit Low Code machen können, kann nur funktionieren, wenn es freien Zugriff auf Tools und Trainingsmaterial gibt.

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