Lola: Könnte die Vergangenheit unsere Gegenwart verhindern?

"Ground Control to Major Tom." Am 1. Oktober 1938 sehen und hören wir David Bowie diese Zeilen aus seinem Song Space Oddity(öffnet im neuen Fenster) singen, den er eigentlich erst viele Jahrzehnte später schreiben würde. Sein Antlitz erscheint auf einem linsenförmig gewölbten, runden Bildschirm in milchig ausgeblichenem Schwarz-Weiß. Der Screen ist umgeben von Metallkäfigen, Lampen und einer Funkapparatur. Vor diesem Gebilde mit integriertem Retro-Fernseher dreht sich seine Erbauerin, Thomasina Hanbury (Emma Appleton), begeistert zu ihrer Schwester Martha (Stefanie Martini) um: "Es funktioniert. Wir sehen in die Zukunft."
Gleichzeitig sehen wir als Zuschauer in die Vergangenheit. Alles, was wir in dem Film Lola miterleben, wird uns als nachträglicher Zusammenschnitt privater Aufnahmen dieser beiden Geschwister, angereichert mit historischem Archivmaterial, im Found-Footage-Format(öffnet im neuen Fenster) vorgeführt. Eine fiktive Dokumentation, die als Stilmittel vorgaukelt, während echter Ereignisse beiläufig mitgefilmt worden zu sein, als zwei Schwestern mit einem selbstgebauten Gerät Funk- und Fernsehsignale aus der Zukunft empfingen.
Zu Beginn verrät eine Texteinblendung, das Material sei im Jahr 2021 auf einem Landgut im britischen Sussex in einem Lager voller Filmrollen gefunden und wahrscheinlich 1941 als der Film, den wir jetzt sehen, zusammengestellt worden. Von einer Schwester für die andere, wie uns Martha in einem an Thomasina gerichteten Monolog verrät. Darin erfahren wir außerdem, dass sich seit Inbetriebnahme von Lola – die eingangs beschriebene Maschine wurde nach der verstorbenen Mutter der Protagonistinnen benannt – etwas Schreckliches ereignet haben muss.

Wir nehmen nicht zu viel vorweg, wenn wir hier schon einmal grob beschreiben, was im Kern die Haupterzählung des Films ist, ohne Szenen im Detail zu schildern. Unter dem Decknamen Engel von Portobello beginnen die Hanbury-Schwestern nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, Lolas hellseherische Fähigkeiten erst als Frühwarnsystem vor deutschen Bombardements, später als Hilfsmittel für komplexere kriegstaktische Schachzüge einzusetzen. Dabei hilft ihnen der britische Lieutenant Sebastian Holloway (Rory Fleck Byrne), der ihrer Untergrundoperation schon früh im Film auf die Schliche kommt und sich sogleich in Martha verliebt.
Was für uns Zuschauer den Vorteil mit sich bringt, dass von da an meistens noch eine dritte Person mit dabei ist, um die 16-mm-Bolex-Kamera der Schwestern zu halten, die im Film dank des Know-hows aus der Zukunft per DIY-Addon um synchrone Tonaufnahmefähigkeit bereichert wurde.
Anstatt den analogen Schwarz-Weiß-Look der kontinuierlich durchgezogenen Found-Footage-Ästhetik nachträglich digital zu kreieren, drehten Regisseur Andrew Legge und Kamerafrau Oona Menges(öffnet im neuen Fenster) unter anderem selbst auf eben genau dieser Bolex-Kamera, die wir manchmal kurz im Film zu Gesicht bekommen.
Kubrick und eine Kamera mit Uhrwerk
Zusätzlich verwendete das Team verschiedene Arriflex- und Arricam-LT-Modelle, von denen aber nicht alle mit 16-mm gefüttert wurden. Bei nachgestelltem Archivmaterial, wie etwa ganz neu erfundenen Fernsehbeiträgen, wählten Menges und Legge 35-mm, wohl um diese Szenen ein wenig von den Amateurfilmer-Sequenzen rund um die Hauptfiguren abzuheben und weil dort mehr Flexibilität für leichte Nachbearbeitung nötig war, damit der Look nahtlos an die schon existierenden, historischen Nachrichtenaufnahmen angepasst werden konnte.
Dabei kam auch die einstmals bei Dokumentarfilmern wegen ihrer Robustheit beliebte Newman-Sinclair-Kamera(öffnet im neuen Fenster) mit aufziehbarem Uhrwerk zum Einsatz. Jenes Modell, das sogar Regie-Ikone Stanley Kubrick in A Clockwork Orange verwendete. Von Kubrick schwärmen die Hanbury-Schwestern indes dank Lolas Vorabausstrahlung seiner Filme, trotz dezent beeinträchtigter Bildqualität auf ihrem blassen Uralt-Monitor.
Kann es Zufall sein, dass 2001: Odyssee im Weltraum einst einen gewissen David Bowie ... ganz genau, zum früher im Text zitierten Space Oddity inspirierte(öffnet im neuen Fenster) ? Alles ist miteinander verbunden.
Warum auf diesem Film herumgetrampelt wurde
Nicht nur am Beispiel solcher Details entfaltet sich die Poesie Lolas erst so richtig unter Einbezug eines näheren Blickes auf den bemerkenswerten filmkünstlerischen Schaffensprozess dahinter. Für 1,5 Millionen Euro Budget wurde die Produktion unglaublich ambitioniert umgesetzt. Heutzutage noch auf teurem Analogfilm zu drehen, ist nämlich nicht nur ein finanzielles Wagnis, sondern dazu handwerklich anspruchsvoll. Es lädt aber auch zu mancher Verrücktheit ein!
So wurde für Lolas Look auf Filmstreifen herumgetrampelt, gekratzt, die Emulsion wurde beim Filmentwickeln mit höheren Temperaturen zu Runzelkornbildung gezwungen. Das und noch einiges mehr schildert Kamerafrau Oona Menges detailliert in einem sehr lesenswerten Making-of-Artikel bei Kodak(öffnet im neuen Fenster) .
Ziel der mühsamen Handarbeit: ein möglichst imperfektes, organisch texturiertes, authentisch alt wirkendes und nicht wie unter professionellen Umständen entstandenes Gesamtbild zu erschaffen, insbesondere im Verbund mit den vielen echten Archivaufnahmen von früher.









Mit Erfolg, denn das visuelle Retro-Feeling entwickelt in seinen stärksten Momenten eine Sogkraft wie ein leicht diffuser Traum, in dem Fiktion und Wirklichkeit zu etwas Neuem, aber bildlich nicht ganz Klarem verschmelzen.
Wie flüchtige Gedanken, deren Schatten sich eingeprägt haben, an die wir uns aber nie genau so erinnern können werden, wie sie in Wirklichkeit aussahen, als sie gerade passierten. Diese stärksten Momente finden gehäuft eher im ersten Drittel des nur 79 Minuten langen Films statt, als Lola noch weniger stringent erzählen und mehr miterleben lassen will.
Beeinflusst und zugleich einflussnehmend
Wenn wir etwa sprunghaft im Schnelldurchlauf erfahren, wie Thom und Mars, so die Kurzformen ihrer Namen, gemeinsam von Popkultur und Lebensgefühl vieler späterer Generationen fasziniert sind und geprägt werden. Von Bob Dylan bis Nina Simone werden ihnen manche der späteren Ikonen so wichtig, dass es im Hanbury-Anwesen zu einer ersten großen Sinnkrise kommt, als die Schwestern schockiert feststellen: Durch ihr indirektes Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg haben sie zwar viele Menschenleben gerettet, damit offenbar aber auch die zukünftige Welt David Bowies, Stanley Kubricks und Co. beraubt, die es auf einmal – zumindest als berühmte Künstler – nicht mehr zu geben scheint. Schmetterlingseffekt(öffnet im neuen Fenster) , ick hör dir mit den Flügeln schlagen.
Je weiter der Film diese negativen Einflüsse Lolas und der beiden Schwestern auf die restliche Welt ausbreitet, umso kürzer wirkt er indes gedacht, umso mehr verliert er sein zuvor noch gelungenes Gefühl von Intimität. Von verspieltem Tagtraum, dem wir auch verzeihen können, dass Angaben über Funktionsweise und Theorie hinter Lola nie über den Satz "Wenn man Funkwellen aus der Vergangenheit empfangen kann, warum dann nicht auch aus der Zukunft?" hinausgehen.
Und umso weniger glaubhaft wirken seine Figuren und ihre Realität. Deutschland als Kriegsgegner wird etwa hauptsächlich auf die Darstellung von offensiv gelebtem, überbordendem Faschismus reduziert, mit Propaganda-Musikvideos, die den Klang des Gleichschritts glorifizieren. Dass da aber auch noch ein unbeschreiblich schrecklicher Holocaust betrieben wurde, sich überhaupt auch der ganze Rest der Welt über Großbritannien hinaus mit in diesem Krieg befand, haben Andrew Legge und Co-Autorin Angeli Macfarlane in ihrem Drehbuch aus den Augen verloren oder eher gesagt, durch das Konzept ihrer Geschichte und den sehr engen Fokus auf die beiden Schwestern, bequem ausgeklammert.
Wer schaut hier eigentlich zu?
Die Geschichte von Lola möchte offensichtlich mit ihrem allzu naiven, vereinfachenden Blick in die Vergangenheit, die niemals war, in Teilaspekten auch mahnend für eine Zukunft stehen, die uns vielleicht noch bevorsteht. Sei es durch verantwortungslosen Umgang mit neuer Technologie oder weil unverblümter Antisemitismus und Rechtspopulismus nahe dem Faschismus weltweit wieder auf dem Vormarsch sind. Auch stellt sich die Frage, wer über den Einsatz eines solch mächtigen Gerätes in welcher Kapazität entscheiden dürfte, sollte es etwas Vergleichbares wie Lola einmal wirklich geben. Wir denken da natürlich zuerst an präzise algorithmische Vorhersagen. Nicht zuletzt, da Hollywood schon Vergleichbares gezeigt hat, zum Beispiel in Mission Impossible 7 .
Im Prinzip wiederholt der Film ab dem Punkt, an dem er versucht, ernsthaft zu werden, ein paar sehr allgemein gültige, schon vielfach bearbeitete Thesen einfach nur immer wieder ohne Erkenntnisgewinn. Dabei hätte es selbst in dem jetzt gegebenen Konstrukt für das Drehbuch eine Chance gegeben, sich mit dem Schlusspunkt doch noch einen interessanten Impuls zu verleihen und damit sogar wieder an den stärkeren Beginn anzuknüpfen.
Immer wieder stellten wir uns während des Handlungsverlaufs die Frage, wer eigentlich die Betrachter sein sollen, die sich mit dem gefundenen Filmmaterial auseinandersetzen. Gehen wir einmal davon aus, die beide Schwestern hätten tatsächlich ihre eingangs beobachtete Zukunft, damit also auch unsere Gegenwart, ausgelöscht, so wie es der Film fiktiv dokumentiert: Wenn David Bowie und Stanley Kubrick nie existiert hätten und der Zweite Weltkrieg einen anderen Verlauf genommen hätte, gäbe es uns in der Welt des Films ja folglich auch nicht mehr. Andeutungen, all das sei womöglich durch eine weitere Ausstrahlung in die Vergangenheit rückgängig gemacht worden, finden wir nach den vorherigen Geschehnissen höchst unwahrscheinlich.









Durch wessen Augen sehen wir dann aber das Vermächtnis der Hanbury-Schwestern? Und aus welcher Realität heraus? Was macht das Filmkunstwerk mit der Person, deren Universum durch das Eingreifen der Schwestern geformt wurde und die jetzt außerdem kurze Schnipsel unserer alternativen, verhinderten Welt durch die Lola-Maschine sieht, deren kristallkugelartiger Monitor ja mit David Bowie und Co. auf den Filmrollen verewigt wurde?
Andrew Legge belässt es in seiner Geschichte bei indirekt an die Zuschauer gerichteten Hoffnungen, der Film habe vielleicht die Tragweite, Fehler von Thom und Mars wieder rückgängig zu machen, falls er irgendwann gefunden würde. Wir könnten uns daraus jetzt Metaphern stricken, inwieweit Filmkunst an sich die Fähigkeit besitzt, uns mögliche sowie unmögliche Zukunftsverläufe auszumalen und ob sie durch ihre inspirierende Wirkung Einfluss darauf nimmt, wie medienkonsumierende Menschen ihre Wirklichkeit gestalten.
Die spannendere Frage, ob und wie die Found-Footage-Dokumentation noch Einfluss auf ihre eigene Filmrealität hatte, wird nicht verfolgt. Macht das Gezeigte jetzt noch etwas mit den anonym bleibenden Augen, durch die wir die Geschichte sehen und die nicht unsere eigenen sein können? Genau da, wo das von Andrew Legge gewählte Pseudo-Dokumentationsformat mehr als nur eine stilistische Banalität hätte werden können, hört der Film auf, als hätte der Autorenfilmer das wahre Potenzial seiner Geschichte selbst nicht erkannt.
Es wäre nur noch ein kleiner Moment der Enthüllung nötig gewesen, um die zuvor als subjektiv empfundene Zuschauerperspektive bedeutsam zerschellen zu lassen und allem Gezeigten viel größere Bedeutung zu verleihen. Auch das auffällige Stilmittel der Spiegelbilder, dank derer wir die filmenden Protagonistinnen mehrmals mit Kamera in der Hand in ihrem eigenen Footage gezeigt bekommen, hätte man so um eine wirksame Facette bereichern können.
Um einen einzigen Blick darauf, wer wir aus Sicht des Films eigentlich sind und in welcher Welt diese Person diesen Film gerade schaut. Vielleicht sogar mit nur einer einzigen modernen Einstellung in Farbe, die nicht aus den gefundenen Filmkanistern oder beigefügtem Archivmaterial stammt.









Ungewöhnlich, analog, dennoch nicht ganz geglückt
Das wäre dann in ihrer Gesamtheit aus dem Vollen schöpfende Filmmagie gewesen und nicht nur eine nette Grundidee, die Regisseur und Crew in erster Linie darin ausgeschöpft haben, ihre bemerkenswerte Liebe für 16-mm-Kameras und den damit einhergehenden Entwicklungsprozess zu zelebrieren.
Wenn Lola nämlich im Positiven eines ist, dann ein lohnenswerter Kinobesuch für Filmästheten, für Analogfilm-Nerds und alle, die auch mal gerne ins kleine Programmkino gehen, um sich auf eine ungewöhnliche Erzählform mit gut aufgelegten Schauspielerinnen und Schauspielern im nostalgischen Filmlook einzulassen, egal ob das Gesamtwerk letztendlich rundum geglückt oder herausragend tiefgründig ist.
Lola erschien bereits 2022 auf Filmfestivals und ist mancherorts im Ausland auch schon als Heimvideo-Release erhältlich. Deutschlandweit startet der Film am 28. Dezember 2023 in ausgewählten Kinos.



