Lizenzkostenfreier Videocodec: Aus drei mach eins

Mit den Videocodecs Daala , Thor und VP10 von Mozilla, Cisco und Google bieten sich gleich drei Mitwirkende für einen lizenzkostenfreien Codec an, wie ihn das vor drei Wochen gegründete Industriekonsortium Alliance for Open Media (Aomedia) erstellen möchte. Die Beteiligten an den Videocodecs wiederholen in ihren Vorträgen auf der Videolan-Jahreskonferenz VDD jedoch geradezu mantraartig, dass es für eine Zusammenarbeit noch keine konkreten Pläne gebe. Damit enttäuschten sie die Erwartungen bei einigen im Publikum.
Vor allem der Google-Angestellte und VP10-Teamleiter Alex Converse verhält sich – auch im Gespräch mit Golem.de – sehr zurückhaltend. Bis auf die Details zu dem eigentlichen Codec, die er schon in seinem Vortrag genannt habe, könne er einfach nicht mehr verraten, selbst wenn er wollte. Hauptgrund dafür ist vermutlich die gewohnt strikte Geheimhaltung von Interna bei Google.
Vollgekritzelte Servietten
Converse betont aber, dass prinzipiell auch noch nichts zu einer möglichen Zusammenarbeit der in der Aomedia organisierten Unternehmen gesagt werden könne, da ein Plan dazu zurzeit erst noch entstehe. Die Entwickler führen aber auf der VDD immerhin fundierte Fachgespräche miteinander und erklären sich gegenseitig die theoretischen Ansätze ihrer jeweiligen Codecs. Dazu werden notfalls auch die Servietten im Restaurant vollgeschrieben.
Statt an eigenen Lösungen für einen Nachfolger oder Konkurrenz zu HEVC alias H.265 zu arbeiten, will Aomedia einen standardisierten Videocodec für das Web erstellen. Er soll allen Anforderungen an die Technik gerecht werden, aber vor allem als freie Software und ohne Lizenzgebühren zur Verfügung stehen. Zu den Gründern des Industriegremiums gehört neben Mozilla, Google und Cisco Microsoft, dessen Entwicklung sich in den vergangenen Jahren immer mehr geöffnet hat.
Auch der Chiphersteller Intel ist dabei. Er dürfte ein besonderes Interesse daran haben, die Routinen zur Videocodierung in seiner Hardware zu nutzen. Beteiligt sind außerdem Amazon und Netflix, zwei der international erfolgreichsten Streaminganbieter.
Ein Videocodec als Puzzlespiel
Wie über die Fachgespräche auf der VDD hinaus die aktive Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Videocodec aussehen könnte, demonstrieren Mozilla und Cisco, die ihren bisherigen Code der Netvc-Arbeitsgruppe der Ietf(öffnet im neuen Fenster) zur Verfügung gestellt haben. Seit einem ersten Treffen für Netvc im Frühjahr dieses Jahres "stehlen die Projekte voneinander" , beschreibt der Mozilla-Angestellte Timothy Terriberry die Arbeit an Daala und Thor.
In ihren jeweiligen Präsentationen erklären sowohl Terriberry, der das Daala-Team leitet, als auch der Thor-Entwickler Thomas Davies, dass bestimmte Funktionen und Teilbereiche der Implementierungen wegen des modularen Aufbaus gegeneinander ausgetauscht werden könnten. Dazu steht der Quellcode beider Projekte bereit. Und selbst wenn nicht der Code wiederverwendet werden könne, dann zumindest die Ideen, Konzepte oder genutzte Algorithmen.
Da zusätzlich seit einigen Wochen der Code von VP10 unter einer freien Lizenz bereitsteht, kann die akribische Entwicklung an den Codecs für Außenstehende schnell wie ein sehr kompliziertes Puzzlespiel erscheinen. Sehr treffend formuliert das Davies, als er die Intention seines Arbeitgebers Cisco zusammenfasst. Thor sei kein völlig unabhängiges Projekt, heißt es. Vielmehr solle der Code "zur Mischung dazugeworfen werden" .
Google beobachtet, Anwälte prüfen, Entwickler verschieben
Ob und wie der VP10-Codec ebenfalls in die Mischung geworfen wird, ist derzeit aber noch völlig offen. Zwar verfolgt Google die Geschehnisse der Netvc-Arbeitsgruppe, ob sich die Entwickler des Unternehmens aber auch mittelfristig aktiv daran beteiligen werden, ließ sich auf der VDD nicht in Erfahrung bringen. Welche Rolle VP10 in der Aomedia einnehmen wird, bleibt ebenso abzuwarten.
Immerhin geschieht die laufende Entwicklung von VP10 für jeden nachvollziehbar öffentlich. Anders als bei VP9 läuft die Programmierung nicht bis kurz vor der Veröffentlichung in einem privaten Entwicklungszweig. Zudem kann die Entwicklung von VP10 über den Bugtracker und die Mailingliste von allen mitverfolgt werden.
Für Converse ist diese Änderung der Unternehmenspolitik ein großer Fortschritt. VLC-Chefentwickler Jean-Baptiste Kempf geht diese Offenheit aber immer noch nicht weit genug, was der für direkte und harsche Kritik bekannte Franzose am Ende des Vortrages von Converse auch deutlich zu erkennen gab, indem er sich wortstark über Googles Verhalten beschwerte.
Einige der Anwesenden auf der VDD hoffen derweil darauf, dass dank der angekündigten Kooperation mit anderen großen namhaften Unternehmen für Google kein Grund mehr besteht, die Entwicklung von VP10 wie geplant im kommenden Jahr abzuschließen und eine Standardbibliothek samt Spezifikation zu veröffentlichen. Nachfolger für das als Alternative zu H.265 alias HEVC positionierte VP9 wäre dann das neu entstandene Gemeinschaftsprodukt der Aomedia.
Langwierige Patentanalyse
Das Konsortium Aomedia ist aber nicht nur geschaffen worden, um die Erstellung eines neuen Videostandards industrieweit zu koordinieren. Damit soll außerdem eine Umgebung entstehen, in der die juristischen Abteilungen der beteiligten Unternehmen eine fundierte Analyse zu eventuellen Patentverletzungen gemeinsam durchführen können.
So erklärt Terriberry, dass sich die Anwälte der einzelnen Unternehmen innerhalb dieses Forums über ihre Erkenntnisse austauschen könnten, ohne Gefahr zu laufen, Mitbewerbern damit den Inhalt einer Patentklage vorzuformulieren. Denn wäre die Interpretation eines Herstellers zu einem bestimmten Patent öffentlich bekannt, könnte damit üblicherweise sehr gut eine Gegenargumentation aufgebaut werden. Die Zusammenarbeit in der Aomedia vermeide aber genau diese Situation.
Standardisierung durch die Ietf
Unabhängig von den Tätigkeiten der Aomedia werde die Netvc-Arbeitsgruppe der Ietf aber zunächst wie geplant fortfahren, bekräftigt Terriberry. Das heißt, an der Standardisierung eines neuen Videocodecs durch das Internetgremium ähnlich wie bei Opus als Audiocodec soll festgehalten werden.
Zurzeit sieht der Terminplan vor, dass bereits im Mai 2017 die Spezifikationen des Codecs sowie des dazugehörigen Speicherformats veröffentlicht werden. In jenem Jahr sollen auch ausführliche Testergebnisse erscheinen. Dazu merkt Terriberry allerdings an, dass sich in Softwareprojekten die Zeitpläne eigentlich nie nach vorn, sondern nur nach hinten verschieben würden. Möglicherweise wird der Videocodec also erst in drei Jahren eingesetzt werden können.