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Liquid Food: Prost Mahlzeit!

Trinknahrung spart Zeit, aber ist sie wirklich nahrhaft? Wir schauen uns erfolgreiche Produkte genau an – und stellen eine einfache Alternative vor.
/ Marc Favre
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Ein selbstgemixter Smoothie ist besser als fertige Trinknahrung. (Bild: Raul Florinto from Pixabay)
Ein selbstgemixter Smoothie ist besser als fertige Trinknahrung. Bild: Raul Florinto from Pixabay

Trinknahrung oder Liquid Foods sind längst nicht mehr nur für medizinische Zwecke gedacht. Unternehmen wie yfood, Huel, Mana, Bertrand, Saturo oder Trinkkost richten sich mit ihren trinkbaren Mahlzeiten an Berufstätige, die das Wort "Pause" nur noch aus der Schulzeit kennen, Gamer, die eher sterben würden als ihren Highscore, Progress oder ihr Ranking wegen schnöder Nahrungszubereitung zu gefährden, und Sportler, die nicht so viel Kauen mögen, wie sie Kalorien benötigen – oder schlicht Menschen, die keine Lust aufs Kochen haben.

Auch für Reiselustige und Wanderer scheint die "Mahlzeit für unterwegs" praktisch. Die Hersteller werben dabei mit "vollwertigen Mahlzeiten" , die alle essenziellen Vitamine und Mineralstoffe enthalten, dazu alle Makronährstoffe: Proteine, Fette und Kohlenhydrate. Das klingt erstmal besser, als sich aus Zeitmangel ersatzweise auf gefüllte Blätterteigtaschen, Schokoladenriegel oder Fastfood zu stürzen. Aber ist es das auch?

Die meisten Trinkmahlzeiten setzen auf Milch, Hafer, Soja, Erbsenprotein oder Reis als Basis. Fettquellen sind zum Beispiel Rapsöl, Leinsamenöl oder Kokosöl. Die Mikronährstoffe, also Vitamine und Mineralstoffe, sind synthetisch hergestellt und werden beigefügt – bis auf eins der hier betrachteten Produkte, das auf Zutaten setzt, die aus natürlichen Quellen stammen, auch bei den Vitaminen.

Mahlzeit oder Milchpulver-Marketing-Mix?

Wir haben uns drei Trinkmahlzeiten, die allgemein bekannt beziehungsweise gut bewertet sind, genauer angesehen. An einem der Produkte kommt man kaum noch vorbei und es dürfte jedem inzwischen begegnet sein: die Trinkmahlzeiten von yfood sind nicht, wie bei manch einem Mitbewerber, fast ausschließlich online verfügbar, sondern stehen in zahlreichen deutschen Märkten im Regal, darunter dm, Kaufland, Edeka, Rewe und Netto. Des Weiteren betrachtet: Bertrand, eine Trinkmahlzeit, die auf 100 Prozent natürliche Zutaten setzt, sowie ein relativ neues Produkt: der Kakao Shake von Vly.

Den Branchenprimus betrachten wir zuerst: Yfood wurde 2017 in München von Benjamin Kremer und Noel Bollmann gegründet und hat sich, auch dank eines Deals mit Frank Thelen in der Show Die Höhle der Löwen (Staffel 2018), zum deutschen Marktführer im Bereich Smartfood und Trinkmahlzeiten entwickelt. Den Fertigdrink gibt es in vielen lecker klingenden Geschmacksrichtungen, wie Smooth Vanilla, Fresh Berry oder Cold Brew Coffee.

Geworben wird auf der Website mit "1 Drink. 1 Mahlzeit" sowie mit: "Trinkmahlzeiten, die deinem Körper alles geben, was er braucht: essenzielle Nährstoffe, wie Proteine, Ballaststoffe, pflanzliche Öle und 26 Vitamine und Mineralstoffe." Die Classic Pulver sind laktose- und glutenfrei und es gibt die Drinks auch in veganer Variante.

Na, das hört sich doch alles prima an! Schnell, lecker und gesund satt werden! Oder findet doch jemand ein Haar in der Suppe?

Diese Trinkmahlzeiten bestehen aus natürlichen Produkten

Ja, Foodwatch Österreich befand im April 2024(öffnet im neuen Fenster) unter anderem: "Der Werbeschmäh des Monats April geht an die Drinks der Marke yfood. Die flüssigen Milchmahlzeiten werden für einen unverschämten Literpreis von fast 8 Euro verkauft. Drin ist nicht viel mehr als Milch mit Pulver angereichert. Genauer gesagt ein Pulver aus Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen und Süßungsmittel ..."

"... Natürlich und gesund sieht anders aus. Mit echten Lebensmitteln hat das Produkt wenig zu tun. Eine lange Liste an Stabilisatoren, Proteinpulver, Aromen und Vitaminen in Pulverform ..." Auch die Plastikflasche wird moniert. Fairerweise muss man anmerken, dass es bei den meisten Nahrungsergänzungsmitteln gängig ist, dass Vitamine künstlich hergestellt und als Pulver zugesetzt werden.

Ideal ist das vielleicht nicht, aber alternativlos für solcherart Produkte, oder?

Gut bewertet: Bertrand Classic Pulver

Es geht auch anders: In dem aktualisierten Testbericht(öffnet im neuen Fenster) vom Juni 2025 kürt der F.A.Z. Kaufkompass, das Testportal des F.A.Z.-Verlags, das Produkt Bertrand Classic Pulver als beste Trinkmahlzeit unter 17 Produkten. Bei Bertrand Classic sind, wie bei der yfood-Trinkmahlzeit, 26 Vitamine und Mineralstoffe enthalten.

Mitentscheidend für das positive Urteil und die Auslobung als Testsieger: Die Zutaten sind durchweg natürlichen Ursprungs, darunter auch natürliche – also keine synthetischen – Vitamine. Ein weiterer Pluspunkt: der komplette Verzicht auf Süßstoffe sowie ein angenehmer Müsli-Geschmack.

Bei Bertrand sind alle Zutaten in Bio-Qualität, Hauptbestandteil: glutenfreier Vollkornhafer. Das Instant-Pulver muss jedoch angerührt bzw. in den Shaker gegeben werden – laut Website "fertig in 90 Sekunden" . Das ist auch für die Gestressten unter uns noch machbar. Die yfood-Classic-Trinkmahlzeiten wurden im Test für ihre Geschmacksvielfalt und Verfügbarkeit gelobt.

Vly, vly away – Newcomer auf Höhenflug

Die Marke Vly wurde von Nicolas Hartmann, Niklas Katter und Moritz Braunwarth als vegane Milchalternative auf Erbsenproteinbasis entwickelt und kam erst 2020 auf den Markt. Eines der Produkte, der Vly Kakao Shake wird als "Trinkmahlzeit für zwischendurch oder Proteinshake nach dem Sport ..." vermarktet, ist 100 Prozent pflanzlich und enthält weder zugesetzten Zucker noch Süßstoffe. Die Süße stammt von zwei Datteln. Enthalten sind hier sogar 28 Vitamine und Mineralstoffe.

Trinkmahlzeiten: nährstoffreich, aber kein vollwertiger Ersatz

Alle 17 getesteten Produkte des F.A.Z. Kaufkompass enthalten reichlich Nährstoffe, die als gesundheitsfördernd gelten, und können, betrachtet man nur den Brennwert, mit durchschnittlich 530 Kalorien eine Mahlzeit ersetzen. Im Selbstversuch waren sie auch geschmacklich gut bis sehr gut (n=3).

Trinknahrung wird von Ernährungsexperten, so viel sei jetzt schon verraten, nicht direkt verteufelt, empfohlen wird sie jedoch auch nicht ausdrücklich. Das Credo: Ab und zu eine Trinkmahlzeit wäre okay, ein Ersatz für eine gesunde Ernährung ist es nicht.

Das genaue Hinschauen auf die Zutatenliste lohnt sich in jedem Fall, denn es kommt auf wesentliche Unterschiede zwischen den Herstellern und Produkten an: einige Trinkmahlzeiten enthalten Sucralose oder Acesulfam K als Süßstoffe oder weitere Füllstoffe wie Maltodextrin. Maltodextrin ist ein Kohlenhydratgemisch, für seinen hohen glykämischen Index bekannt und besonders bei Sportlern beliebt – es liefert einerseits schnell Energie, andererseits hat es den gleichen Brennwert wie Zucker und damit ähnlich viel Kalorien.

Die Süßstoffe sind zwar kalorienfrei, stehen aber im Verdacht(öffnet im neuen Fenster) , das Mikrobiom, also die gesunden Darmbakterien negativ zu beeinflussen und, laut einer Studie(öffnet im neuen Fenster) der Universität Sorbonne, das Risiko für Typ-2-Diabetes signifikant zu erhöhen.

Ernährungsforscher: Kauen ist besser als Schlucken

Kritik an den Trinkmahlzeiten kommt auch von Stefan Kabisch, Arzt an der Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin an der Charité Berlin: In einem Interview mit ZDF heute(öffnet im neuen Fenster) erklärt der Ernährungsforscher zum Thema Trinkmahlzeiten: "Diese besonders schnelle Aufnahme ist eher ungünstig, denn sie provoziert einen starken Anstieg des Blutzuckers in kurzer Zeit und eine starke Gegenreaktion mit Insulin."

Daraus folge ein starker Blutzuckerabfall und der Körper gebe das Signal, wieder etwas essen zu müssen. "Je länger man kaut, umso stärker der Sättigungseffekt" , konstatiert Kabisch. Die Blutzuckerkurve sei also in der Regel flacher, wenn die Mahlzeiten gekaut werden. Das mindere auch die Gefahr einer "Überernährung" und damit einer Gewichtszunahme.

Langfristig besteht laut Kabisch auch das Risiko, durch Flüssignahrung zu viel energiereiche Makronährstoffe, aber zu wenig Mikronährstoffe aufzunehmen. Sein Urteil: "Wer als gesunder Mensch bewusst auf Flüssignahrung umsteigt – teilweise oder komplett – tut sich gesundheitlich keinen Gefallen."

DIY: nährstoffreicher Smoothie selbst gemacht

Wer es natürlicher mag und gerne selbst mixt und schüttelt, kann sich mit einem klassischen (grünen) Smoothie eine vollwertige Trinkmahlzeit zaubern. Wichtig ist dabei die Kombination aus:

Proteinquelle (z. B. Magerquark, Erbsenprotein, Nüsse)
Fettquelle (z. B. Avocado, Leinsamen, Olivenöl)
Kohlenhydratquelle aus Obst (z. B. Banane, Apfel, Beeren)
Grünzeug (z. B. Spinat, Grünkohl, Petersilie)
Flüssigkeit (z. B. Mineralwasser, Pflanzenmilch, Kokoswasser)

Durch den Obst- und Gemüseanteil sind über Mineralstoffe wie Kalzium, Kalium und Phosphor, die auch in den Proteinquellen enthalten sind, weitere wichtige Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe dabei. Wer zudem ein stilles Mineralwasser wählt, das reich an Magnesium ist, kann seine vollwertige Flüssigmahlzeit also je nach Geschmack und auch nach seinen Bedürfnissen einfach selbst herstellen.

Beispielrezept: Guten-Morgen-Smoothie mit Fokus auf gesunde Fette

1 Gurke
1 kleine Avocado
1 Tomate
1 Karotte
1 Apfel
200 g Magerquark
1 EL Olivenöl
1 TL Zitronensaft


Makronährstoffverteilung:
Kohlenhydrate: ca. 30 Prozent
Eiweiß: ca. 17 Prozent
Fett: ca. 53 Prozent


Alles mixen – fertig ist ein natürlicher, nährstoffreicher Start in den Tag.

Dieser Smoothie hat ca. 580 kcal und enthält ca. 50 Prozent der Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Kalium, Phosphor, Vitamine A, C, K, Folsäure, Vitamin B1-B6, B12, Mangan und Kupfer und ca. 30 Prozent der DGE-Referenzwerte für Zink, Eisen, Selen, Natrium, Calcium, Magnesium und Vitamin E.

Achtung: Durch den Fokus auf gesunde Fette wird mit diesem Smoothie mit ca. 36 g schon rund die Hälfte der durchschnittlich empfohlenen Tagesmenge (60 bis 80 Gramm) an Fett aufgenommen. Im Zweifel reicht auch eine Avocado aus – ohne das Olivenöl. Dadurch wird der Fettgehalt von 36 g auf 24 g und der Kaloriengehalt von 580 auf 460 kcal reduziert.

TL;dr: Flüssigmahlzeiten: Praktisch, aber nicht perfekt

Die sogenannten Liquid Foods oder Flüssigmahlzeiten sind laut Ernährungsexperten und Medizinern kein Ersatz für eine abwechslungsreiche Ernährung, können aber ein praktisches Tool für stressige Tage sein – wenn es nicht zur Gewohnheit wird. Wer auf Qualität achtet – etwa auf natürliche Zutaten, wenig Zucker und keine künstlichen Süßstoffe – kann damit durchaus einzelne Mahlzeiten ersetzen. Für den Alltag bleibt jedoch: Kauen ist besser als Schlucken, nicht nur für die Verdauung, sondern auch für das Genusserlebnis.


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