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Die Journalistin Astrid Geisler hat die Piratenpartei einem Praxistest unterzogen.
Die Journalistin Astrid Geisler hat die Piratenpartei einem Praxistest unterzogen. (Bild: Clemens von Wedemeyer)

'Berufswunsch Todesstern'

Schade, dass Klaus Peukert nicht dabei ist. Vermutlich fände er die Diskussion auch gar nicht so undifferenziert, wie er in seiner ungehaltenen Mail an mich prophezeit hatte. Doch ein Blick aufs Smartphone macht mir klar: Dem Liquid-Feedback-Vorstand ist wohl gerade nicht nach sachlicher Auseinandersetzung. In Anspielung auf die riesige Raumstation Death Star aus den Star-Wars-Filmen, die mit ihrer Feuerkraft einen ganzen Planeten vernichten kann, schreibt er gerade auf Twitter: "Berufswunsch Todesstern" - und andere schlecht gelaunte Bemerkungen.

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Einer meiner Crew-Kollegen hatte getwittert: "Wir Piraten erlauben die doppelte Parteimitgliedschaft - gerne auch zweimal innerhalb der Piraten." Woraufhin Peukert loslegt: "Ja. Super. Und deswegen werde ich mit 'Es gibt sicher Tausende Sockenpuppen' angepimmelt. So macht es Spaß." Das Problem sei zu "0,0" ein Liquid-Feedback-Problem. Im Übrigen habe er doch "noch ne ausführliche Erklärung" angekündigt. "Manchmal hab ich's so satt." Dann schimpft er noch, hier werde "mit ungarem Geplapper Hektik und Stress geschürt".

Das hatte ich mir nicht ausgemalt, als ich vor knapp fünf Monaten voller Tatendrang und neugierig auf dieses angeblich so visionäre Liquid Feedback in die Piratenpartei eintrat: Einer der Bundesvorstände macht mich auf Twitter runter, weil ich auf ein Problem hingewiesen habe. Bevor ich mir einen passenden Antwort-Tweet überlegen kann, legt Peukert nach. "Eure Hektik kotzt mich an", twittert er. Und kurz darauf: "Mein Name ist Erwin Lottermann und ich eröffne mit dem Papst seinem Zweit-account eine Herrenboutique in Wuppertal."

Ist das jetzt Galgenhumor? Soll ich das auch noch lustig finden? Späße auf Kosten anderer Piraten via Twitter zu verbreiten, mag ja eine vergnügliche digitale Übersprungshandlung sein. Ich aber habe den Eindruck, dass diese unter Piraten weit verbreitete Witzelsucht zuweilen einen ganz konkreten Zweck verfolgt. Sie kann nämlich davon ablenken, dass einem gerade nichts Konstruktives zum Thema einfällt. Wenn nur genug andere User einsteigen und einen leidigen Sachverhalt mit mehr oder weniger geistreichen Witzchen zukleistern, dann wirkt alles plötzlich nicht mehr so wild, sondern im besten Fall sogar unterhaltsam und irgendwie lässig.

"Falls es einen Shitstorm gibt, mach das Handy aus!"

Ich hätte nicht gedacht, mal so froh zu sein, hier in diesem mit Che-Guevara-Tapete ausgeklebten Hinterzimmer des Caminetto zu sitzen. Niemand aus meiner Crew spricht mich schräg an. Und als ich schließlich aufbreche, ruft mir jemand aufmunternd nach: "Falls es einen Shitstorm gibt, mach einfach das Handy aus!"

Bislang allerdings kann ich keinen Shitstorm ausmachen. Schwer vorstellbar, dass Klaus Peukert bei dieser überschaubaren Resonanz auf die Geschichte von Pirat111 von allzu vielen Parteimitgliedern mit Vorwürfen genervt worden ist. Ich bin eben nach wie vor ein Nobody im Netz - und gerade mal wieder unschlüssig, ob ich mich darüber freuen oder enttäuscht sein soll.

Eines ist mir seit heute Nachmittag jedenfalls klar: Ich habe die Bedeutung von Liquid Feedback grundsätzlich überschätzt. Ich habe mich mitreißen lassen von verheißungsvollen Medienberichten und gut klingenden Thesen. Mag sein, dass sich einige Piraten in Talkshows oder Interviews gerne hervortun mit Aussagen über die angeblich veraltete parlamentarische Demokratie und die zeitgemäßere Liquid Democracy. Aber wenn ihnen dieses Projekt so wahnsinnig wichtig ist, müssten sie dann nicht darauf dringen, dass die Ergebnisse im Liquid Feedback zuverlässig sind?

Am nächsten Morgen reihen sich auf meinem Handy-Display so viele Twitter-Symbole wie noch nie. Ich öffne eilig meinen Account und stelle fest: Fehlalarm. Ich habe fünf neue Follower. Kein Kommentar, den ich auf Twitter finden kann, klingt irgendwie spektakulär. Und meine Nachricht über Pirat111 hat gerade mal ein gutes Dutzend Retweets. Nein, was ich bis jetzt erlebt habe, ist kein Shitstorm. Vielleicht eher ein Witz.

Aus: Astrid Geisler "Piratenbraut. Meine Erlebnisse in der wildesten Partei Deutschlands." © 2013 by Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Köln. Der Text wurde für Golem.de leicht gekürzt.

 'Eine Armee aus Hunderten Sockenpuppen'

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Kasabian 14. Mär 2013

Das Land ist alt. Das Denken ebenso. Daran ändert auch ein iPad nichts. Allerdings würde...

Kasabian 14. Mär 2013

Im Ansatz finde ich die PP immer noch sehr erfreulich und erfrischend. Zumindest die Idee...

edoe96 12. Mär 2013

Im Kern haben die Piraten einfach keine Ahnung von Organisation. Sie haben jetzt lange...

edoe96 12. Mär 2013

Aufgeplustert haben die Liquid-Verfechter und zahlreiche ihrer Freunde in den Medien doch...

edoe96 12. Mär 2013

Der Artikel macht die technisch-organisatorischen Widersprüche bei der Liquid Sache noch...



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