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Linux: Mit Ignoranz gegen die GPL

Weit über zehn Jahre nach der ersten gerichtlichen Durchsetzung der GPL in Deutschland verstoßen immer noch Unternehmen gegen die freie Lizenz des Linux- Kernels . Das ist an Ignoranz und Dummheit nur schwer zu überbieten.
/ Sebastian Grüner
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Die Lizenz von Linux sollte eigentlich genauso bekannt sein wie dessen Maskottchen: der Pinguin. (Bild: Brian Gratwicke/Flickr.com)
Die Lizenz von Linux sollte eigentlich genauso bekannt sein wie dessen Maskottchen: der Pinguin. Bild: Brian Gratwicke/Flickr.com / CC-BY 2.0

Der Entwickler Harald Welte schrieb vor sechs Jahren ziemlich klar: "Wer (...) die GPL-Lizenzierung nicht versteht, sollte auch kein Linux-basiertes Gerät im Markt platzieren." Welte ist unter anderem für seine Klagen zur Durchsetzung der GPL am Linux-Kernel bekanntgeworden, die erste davon hat er im Jahr 2004 gewonnen. Für ein grundsätzliches Umdenken haben derartige Verfahren, die Medienöffentlichkeit und der Siegeszug von Linux aber offenbar nicht gesorgt, wie der aktuelle Fall von Geniatech zeigt.

Auch für Welte ist das schwer nachvollziehbar. In einem Kommentar zu der Verhandlung sowie dem Ausgang des Geniatech-Falles(öffnet im neuen Fenster) schreibt der Entwickler: "Es ist fast 15 Jahre seit den ersten Gerichtsverfahren wegen Lizenzverstößen an (Embedded-)Linux her, und die Tatsache, dass das Problem heute noch existiert, zeigt deutlich, dass die Branche noch weit davon entfernt ist, ein scheinbar recht einfaches Problem gelöst zu haben."

Dass trotz allem nach wie vor gegen die Prinzipien der GNU General Public License (GPL) verstoßen wird, die eben auch der Linux-Kernel nutzt, und dass das Problem, wie Welte sagt, eben noch nicht gelöst ist, hat wohl hauptsächlich zwei Gründe, die die IT-Industrie als Ganzes, aber beide in keinem besonders guten Licht erscheinen lassen: Vorsatz und Dummheit.

Verantwortlichkeit unbekannt

Der zumindest menschlich noch einigermaßen nachvollziehbare Grund ist schlicht Unwissenheit oder eben bösartig gesagt: Dummheit. Denn viele der für Programmierer oder geschulte Anwälte offensichtlichen GPL-Verletzungen in Deutschland oder Europa werden oft von Weiterverkäufern begangen, die entweder ein Subunternehmen oder gar nur ein Partner des eigentlichen Herstellers in China sind.

Das gilt nicht nur im konkreten Fall von Geniatech, sondern auch für GPL-Verstöße, die Golem.de unter anderem schon in Geräten wie Blu-ray-Playern, wirklich billigen WLAN-Routern, Radioweckern oder anderen Peripheriegeräten gefunden hat. Oft sind die Vertriebsteams in Europa nur sehr dünn besetzt, hauptsächlich kaufmännisch tätig und haben von technischen Hintergründen oder Urheber- und Lizenzrechten nur eine vage Ahnung. Und selbst wenn, vertrauen die heimischen Verkäufer oft ihren wesentlich größeren Handelspartnern. Beides ist keine gute Idee.

Mein Name ist Hase, ...

Zugegeben, welches jahrelang auf Windows geschulte Verkaufspersonal vermutet schon, dass das Betriebssystem Linux, das - wenn überhaupt - nur als Servertechnik für das Internet und Forschungsrechenzentren bekannt ist, auch auf kleinen Geräten mit nur einem einzigen Einsatzzweck läuft. Die Nachrichtenagentur dpa fasst das lapidar wie folgt zusammen: "Weniger bekannt ist, dass auch unzählige Geräte der Unterhaltungselektronik Linux verwenden."

Das ist zwar unglaublich naiv, aber, wie erwähnt, in Teilen nachvollziehbar und auch bei weitem nicht auf die IT-Industrie beschränkt. So führt etwa der Zoll immer wieder Razzien und Beschlagnahmungen von physischen Produkten durch, die gegen Urheberrechte anderer Hersteller verstoßen sollen.

Im Fall der GPL könnte der Verstoß sogar schon darin begründet sein, dass das sogenannte "written offer" vergessen wird. Liefert ein Unternehmen Produkte mit GPL-Software aber ohne Quellcode aus, muss zumindest ein schriftliches Angebot beiliegen, das erklärt, wie Nutzer an den Quellcode kommen können.

Unprofessionelle Unkenntnis

Dass solch leichtfertige Fehler tatsächlich öfter vorkommen, als man vielleicht gemeinhin vermutet, hat auch Golem.de schon erlebt. Das geht sogar so weit, dass die Firmware eines Produkts zwar auf Linux und die GPL hinweist und die Urheber nennt, es aber keinen offensichtlichen Weg gibt, an den Quellcode zu gelangen. In diesem konkreten Fall wusste auch der für Europa zuständige Distributor im Vereinigten Königreich nicht weiter und stritt offenbar aus Unkenntnis sämtliche Verpflichtungen der GPL ab.

In einem Online-Archiv des Mutterkonzerns fanden wir dann zwar noch den Quellcode, die geschilderte Form der Verteilung der Software in binärer Form wäre strenggenommen dennoch ein GPL-Verstoß. Der lässt sich aber eigentlich einfach beheben. Und auch Mike Decker, Geschäftsführer der Firma Geniatech Europe, sagte, das Unternehmen habe bei der Lizenzeinhaltung zunächst geschlampt und stelle inzwischen den betroffenen Quellcode über seine Webseite bereit.

Solch ein Verhalten wirkt alles andere als professionell und spricht nicht für die IT-Wirtschaft. Immerhin müssen sich auch andere Unternehmen um ihre rechtlichen Rahmenbedingungen kümmern, bevor diese in den Markt eintreten. Welte schrieb dazu ebenfalls schon vor sechs Jahren: "Wenn ein Abfallunternehmen einen neuen Markt betritt (die Beseitigung gefährlicher Chemikalien), kann das Unternehmen die Chemikalien nicht einfach wie normalen Abfall behandeln, warten, bis es zu rechtlichen Schwierigkeiten kommt, und dann erwarten, damit davonzukommen."

Legal, illegal, scheißegal

Doch zusätzlich zu der Unwissenheit oder Schlampigkeit gibt es eben noch einen zweiten Grund, warum Unternehmen gegen die GPL verstoßen. Um bei dem Beispiel von Welte zu bleiben: In der Abfallwirtschaft gibt es Unternehmen, die etwa bewusst gegen Umweltauflagen verstoßen, weil ihnen das Wettbewerbsvorteile bringt. In der IT-Wirtschaft gibt es Unternehmen, die die Bedingungen der GPL einfach bewusst ignorieren, um die eventuell komplizierten Bedingungen nicht erfüllen zu müssen. Oder schlicht, um die Arbeit anderer zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Bekannte Fälle, in denen sich Unternehmen weigern, der GPL zufolge den Quellcode bereitzustellen, finden sich etwa immer wieder bei Android-Distributoren und -Herstellern, die ihre Gerätetreiber nicht veröffentlichen wollen, obwohl diese im Sinne der GPL als abgeleitetes Werk ebenfalls unter die GPL fallen. In besonders krassen Fällen ist Unternehmen wie dem ARM-Hersteller Allwinner in der Vergangenheit sogar schon vorgeworfen worden, die Lizenzverletzungen bewusst verschleiern zu wollen, statt diese einfach durch eine Veröffentlichung des Quellcodes zu beheben.

Diese Missachtung von Urheber- und Lizenzrechten wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass große Unternehmen wie Intel, Google oder Qualcomm zwar keinerlei Probleme damit haben, Patentstreitigkeiten mit Strafzahlungen im Bereich von Hunderten oder gar Milliarden von US-Dollarn durchzufechten. Aber auf die Durchsetzung ihre Rechte im Sinne der GPL verzichten die Unternehmen oft einfach völlig, statt ihre Konkurrenz oder auch Partner dafür öffentlich anzuprangern.

Das führt aber wiederum dazu, dass die Durchsetzung der GPL einigen wenigen unabhängigen Entwicklern überlassen bleibt, die sich für ihr Urheberrecht, die Community sowie die Rechte der Nutzer einsetzen. Das ignorante Verhalten bietet aber auch Trittbrettfahrern wie Patrick McHardy viel Spielraum, der sich an seinen Abmahnaktivitäten persönlich bereichert haben soll , was McHardy natürlich bestreitet .

Es bleibt zu hoffen, dass es in der Medienöffentlichkeit wie in dem aktuellen Fall zwischen McHardy und Geniatech langfristig zu einem Umdenken in der IT in Bezug auf die GPL kommt. Zumindest die Kernel-Community hat ihre Konsequenz aus dem Verhalten von McHardy schon gezogen und will sich künftig besser gegen Copyright-Trolle wappnen. Das hilft hoffentlich auch der GPL.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


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