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Linux Foundation: Die Linux-Verwalter

Auf der Linuxcon 2014 in Düsseldorf sehen sich viele OpenSSL-Entwickler zum ersten Mal persönlich. Es ist nur eine der vielen Initiativen, die die Linux Foundation fördert, auch mit Geldern von großen Unternehmen. Ihr Chef Jim Zemlin erklärte uns die Aufgaben der Stiftung.
/ Jörg Thoma
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Jim Zemlin (Bild: Krd, CC-BY-SA 4.0)
Jim Zemlin Bild: Krd, CC-BY-SA 4.0

"Nein, wir zahlen nicht nur das Gehalt von Linus Torvalds und Greg Kroah-Hartman" , sagt Jim Zemlin. Er ist Leiter der Linux Foundation, die tatsächlich den Linux-Erfinder und seinen Stellvertreter angestellt hat. "Mit denen haben wir die geringste Arbeit. Wollen Sie wissen warum? Die machen sowieso nie, was man ihnen sagt." Zemlin schiebt die Pointe gleich hinterher und lacht.

Die Linux Foundation ist offiziell ein gemeinnütziges Konsortium zur Förderung von Linux. Sie hat aber mehr Aufgaben, als nur Spendengelder einzusammeln und an die Linux-Entwickler auszuzahlen. Denn die von zahlreichen großen Unternehmen bereitgestellten Fördergelder reichen inzwischen für mehr als nur das Gehalt von Torvalds. Davon werden beispielsweise Anwälte bezahlt, die juristischen Beistand leisten. Oder Konferenzen organisiert, auf denen sich die weltweit verstreuten Linux-Entwickler treffen können. Sie finden in Amerika statt, in Asien, in Australien und in Europa.

Wichtige Infrastrukturen unterstützen

Die Linuxcon Europe, die 2014 in Düsseldorf stattfindet, ist mit 1.500 Besuchern ausverkauft. Auch die großen Namen sind da: Linus Torvalds eben oder Kroah-Hartman, Ted T'so, Jonathan Corbet - und zum ersten Mal die wichtigsten OpenSSL-Entwickler. Deren Anreise hat die Linux Foundation bezahlt. Es ist ein Teil der Core Infrastructure Initiative , die nach dem Heartbleed-Vorfall gegründet wurde. Projekte, die ein kritischer Teil wichtiger Infrastrukturen sind, werden von der Linux Foundation künftig gesponsert. OpenSSL, dessen Software für die Verschlüsselung und somit die Sicherheit in großen Teilen des Internets sorgt, hatte bis dahin keinen einzigen Vollzeit-Betreuer. Das soll jetzt mit Geldern der Linux Foundation anders werden. Der Code soll ausführlicher und kritischer geprüft werden. Dafür stellt die Linux Foundation auch eine Entwicklungsinfrastruktur zur Verfügung - Server, Festplattenspeicher, "was die Kernel-Entwickler auch kriegen" , sagt Zemlin.

Die schweren Sicherheitslücken Heartbleed und Shellshock haben auch die Linux Foundation zum Handeln gezwungen. Denn viele Opensource-Projekte leiden unter einer großen Entwicklerfluktuation, weil schlichtweg das Geld fehlt. "Alle großen Unternehmen nutzen die Software. Inzwischen haben sie erkannt, dass sie auch etwas dafür zahlen müssen" , sagt Zemlin. Daher sorge die Linux Foundation bei ihren unterstützten Projekten auch für genügend Öffentlichkeit, wenn sie wichtig für die Gesellschaft seien. Je bekannter sie seien, desto vertrauenswürdiger wirkten Projekte und desto bereitwilliger böten auch Unternehmen ihre Unterstützung an. Außerdem sorge die Linux Foundation auch selbst dafür, dass mehr Linux-Entwickler ausgebildet werden, durch ihre eigenen Trainings- und Zertifizierungsprogramme.

Unternehmenseinsatz statt Hobby-Ecke

Die Auswahl der von der Linux Foundation unterstützten Projekte erfolgt nach ihrer Größe, ihrer Relevanz für Unternehmen und der Öffentlichkeit, aber auch nach der Innovation. Linux sei längst der Hobby-Ecke entwachsen, in der auch die Open-Source-Gemeinschaft noch vor fünfzehn Jahren entwickelt habe. Heute werden Linux und Open Source Software (OSS) in kritischen Infrastrukturen eingesetzt. Etwa 90 Prozent aller Finanzbörsen weltweit setzen Linux ein, wegen seiner Geschwindigkeit bei der Abwicklung von finanziellen Transaktionen und seiner Hochverfügbarkeit, sagt Zemlin.

Deshalb wurde beispielsweise Dronecode von der Linux Foundation als Projekt aufgenommen , das die Entwicklung quelloffener Softwareplattformen für die selbstständige Steuerung von Drohnen umsetzen soll. Darin sieht die Linux Foundation ein großes Zukunftspotenzial. Auch Software Defined Networking soll auf Basis von OSS laufen. Dazu gibt es das Opendaylight-Projekt(öffnet im neuen Fenster) . Auch bei vernetzten Geräten - zusammengefasst als sogenanntes Internet of Things bezeichnet - mischt die Linux Foundation mit der Allseen Alliance(öffnet im neuen Fenster) mit. In der Virtualisierungstechnik betreut die Linux Foundation Xen(öffnet im neuen Fenster) . Nicht ganz so erfolgreich war sie mit den Projekten Meego(öffnet im neuen Fenster) und Tizen(öffnet im neuen Fenster) , die es zwar beide noch gibt, die allerdings kaum mehr Verbreitung finden.

Durch Zusammenarbeit zum Standard

Die Linux Foundation forciere dabei aber meist keine Standards, versichert Zemlin. Die ergäben sich ohnehin aus der Diskussion zwischen Herstellern und Community. Meist würden grundlegende Entscheidungen, die so gefällt werden, später auch von anderen Herstellern übernommen und so quasi zum Standard. Statt seitenlange Spezifikationen lesen zu müssen, könnten sie einfach den entsprechenden Code übernehmen. Es gebe aber durchaus Zertifizierungsverfahren, die auch die Linux Foundation anbiete.

Inzwischen sei bei den meisten großen Unternehmen OSS nicht nur akzeptiert, sondern unerlässlich geworden. Dazu trage auch die zunehmende Wichtigkeit von Software bei, die immer mehr auch spezialisierte Hardwarelösungen ersetzt, etwa bei Software Defined Networking.

Unentbehrliche OSS

Unternehmen hätten aus strategischen Gründen quelloffene Software für sich entdeckt, sagt Zemlin. Anwendungen würden aus so vielen Zeile Code bestehen, dass sie kaum noch von der Entwicklungsabteilung einer einzigen Firma bewältigt werden können. Stattdessen greifen sie auf bereits bestehenden Code zurück, vor allem eben auf OSS-Quellcode, der einfach nur herumliegt und benutzt werden darf. In manchen Unternehmen bestehe Software zu 80 Prozent aus OSS. Die verbleibenden 20 Prozent des Codes bestehen dann aus firmenspezifischem Code. Die Programmierer in den jeweiligen Unternehmen könnten sich dann auf die Entwicklung ihrer speziellen, angepassten Software konzentrieren.

Das Interesse der Unternehmen an OSS zeigt sich auch auf der Linuxcon Europe. Viele Vortragende sind Angestellte namhafter Unternehmen: Huawei ist hier und präsentiert seine Open-Source-Strategie, Samsung erklärt, wie das Unternehmen OSS einsetzt und das mit den einzelnen Abteilungen abstimmt. Ein Netflix-Angestellter erklärt, welche Linux-Werkzeuge dort eingesetzt werden, etwa um das Streaming-Angebot zu optimieren. Es geht nicht nur darum, proprietären Code nachzubauen, sondern gemeinsam als Vorreiter bei neuen Technologien aufzutreten und davon zu profitieren.

Missverstandenes OSS

Bei Projekten der Linux Foundation kooperieren nicht nur Entwickler aus der Community, sondern eben auch andere Unternehmen, die wiederum ihre Software-Beiträge nach den Statuten vieler Open-Source-Lizenzen allen anderen zur Verfügung stellen müssen. Die goldene Regel bei der Linux Foundation gilt aber weiterhin: Teile, was du teilen willst, und behalte, was du behalten willst.

Seine Organisation müsse immer noch viel Überzeugungsarbeit leisten, müsse genau erklären, wie Open Source funktioniere, sagt Zemlin. Es gebe immer noch Unternehmen, die befürchten, wenn sie OSS nutzen, müssen sie gleich ihr gesamtes Patentportfolio veröffentlichen. Die Inhalte und Definitionen in den verschiedenen Open-Source-Lizenzen seien aber nicht das Problem. Vielmehr müsste es mehr Juristen geben, die OSS gut verstehen und Unternehmen besser beraten.

OSS soll Gutes tun

Ob die Linux Foundation denn auch dafür sorge, dass OSS nicht dort eingesetzt werde, wo sie Schaden anrichten könne, etwa wenn sie in militärischen Drohnen genutzt würde? Nein, sagt Zemlin. Das sei die Kehrseite von OSS. Aber aus langer Sicht komme mehr Gutes als Schlechtes beim Einsatz von OSS heraus. Zemlin verweist auf das Openmrs-Projekt(öffnet im neuen Fenster) , das er in seiner Keynote auf der Linuxcon Europe vorstellte. Ärzte haben eine quelloffene Patientenverwaltung entwickelt, die inzwischen vor allem auch in afrikanischen Ländern wie Uganda und Tansania eingesetzt wird. Die Schirmherrschaft hatte die Linux Foundation übernommen.

Die Linux Foundation ist nicht die einzige gemeinnützige Organisation, die sich um Open-Source-Projekte kümmert, aber wohl die mit den meisten und besten Kontakten zu Industriegrößen. Zu ihren Sponsoren gehören nicht nur die bekannten Open-Source-Unternehmen Red Hat oder Suse, sondern auch Hersteller wie Sony, Samsung oder HP. Viele Unternehmen unterstützen aber auch selbst Projekte, die für ihre eigenen Pläne interessant sind, etwa Red Hat. Und viele Projekte haben auch nicht nur einen Sponsor. Aber nur die Linux Foundation hält die Markenrechte am Namen Linux.


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