Linoleum - Das All und all das: Die Einstein-Rosen-Brücke verbindet, und Liebe auch

"Come explore science. As we go above and beyoooond ..." , spricht Hauptfigur Cameron Edwin in den ersten Sekunden des Films Linoleum - Das All und all das zu uns. Wir sehen ihn auf der flimmernden Mattscheibe eines 80er-Jahre-Retro-Fernsehers mit selbstgebastelter Papprakete in den Weltraum fliegen. Die liebevoll handgemachten Spezialeffekte seiner Kindersendung "Above and Beyond" machen es, zumindest als Illusion für alle Zuschauer, möglich.
Und erfüllen dem beruflich glücklosen Moderator so wenigstens in seiner kaum beachteten Show den großen Traum, ein echter Astronaut zu sein. Als Mann späten mittleren Alters, ohne nennenswerte akademische Meriten, macht er sich darauf im realen Leben zwar keine großen Hoffnungen mehr, schickt aber dennoch nach der Arbeit postal, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, Bewerbungsunterlagen an die Nasa ab.
Schon nach diesen ersten vier Minuten von Linoleum beginnen die Ereignisse sich aufs Merkwürdigste zu überschlagen. Zuerst fällt ein roter Sportwagen samt Fahrer einfach aus dem Nichts vom Himmel. Kurz darauf stürzt ein großes Stück tatsächlich echter Raumfahrtrakete mitten in Camerons Garten ab. So richtig angemessen reagiert niemand in der typisch amerikanischen Vorstadt, die hier irgendwann während der 1980er als Schauplatz dient, auf derart unerklärliche, von Natur aus aufsehenerregende Vorfälle.

Außer eben Cameron, in dessen Gegenwart sich diese Vorkommnisse ständig ereignen und der stets am meisten von deren Auswirkungen betroffen ist. Der scheinbar von einer alten Dame verfolgt wird, die ihn immer nur aus der Ferne anstarrt. Und dessen Leben insgesamt sowieso, vor allem daheim, zunehmend in sich zusammenzustürzen droht.
Seine Teenager-Tochter (Katelyn Nacon aus The Walking Dead) spricht ihn plötzlich nur noch mit Vornamen statt mit "Papa" an, hadert altersgerecht außerdem mit Schule, Identitätsfindung und innerer Gefühlswelt. Seine mit lebensverändernden Karrierefragen beschäftigte Frau (Rhea Seehorn aus Better Call Saul) hat immer weniger Zeit für ihn.
Und der Mann, der gestern noch im Auto vom Himmel gefallen ist, entpuppt sich als hochangesehener Wissenschaftler, der Cameron in seiner eigenen Kindersendung als Moderator ersetzen soll. Beide Charaktere werden übrigens hervorragend von US-Comedian Jim Gaffigan verkörpert, worauf der Film mehrmals mit Verweisen auf deren verblüffende Ähnlichkeit anspielt, die im weiteren Verlauf inhaltlich noch Bedeutung gewinnt.
Mal wieder ist vieles nicht so, wie es scheint
Wir könnten zahlreiche derartige Eigenarten und Merkwürdigkeiten der Handlung, ihrer Szenenbilder und aus den Dialogen aufzählen, die wohl wirklich jeden Zuschauer früh im Film auf die Fährte bringen dürften, dass Regisseur und Autor Colin West in Linoleum erzählerisch mit doppelten Böden arbeitet. Oder eher gesagt: Dass die gerade in den 80ern wieder populär gewordenen Linoleum-Böden, auf denen Protagonist Cameron meistens steht, im übertragenen Sinne noch so etwas wie der letzte verlässliche Boden unter seinen Füßen sind.
Die Auflösung des Films wollen wir hier natürlich nicht verraten, müssen im Rahmen unserer Kritik aber wohl grob umschrieben darauf eingehen, warum uns der spätere Handlungsverlauf enttäuscht hat.
Donnie Darko in alt, hell und bunt
Jeder Ansatz, bei dem Wissenschaft oder Raumfahrt, ob real gehalten oder mehr in Richtung Science-Fiction, in Linoleum eine Rolle spielen oder hätten spielen können, entpuppt sich nur als oberflächliche Verkleidung für rein sentimentale Motive, wie wir sie schon in unzähligen anderen Indie-Filmen der Kategorie Film-Festival-Tränendrücker gesehen haben und immer wieder recht austauschbar aufs Neue vorgesetzt bekommen.
Umgesetzt wird das mit der dafür typischen Musik, den üblichen Figuren und nicht zuletzt den altbekannten Metaphern, etwa über Demenz, das Älterwerden, über genutzte und verpasste Chancen im Leben. Alles Traurige wird schön in Szene gesetzt und alles Schöne rührt irgendwie auch zu Tränen. Zudem gibt es ein kaum enden wollendes Finale in puren Emotionen, das auf diese Weise sicherlich viele Zuschauer erreichen wird, uns allerdings für einen wirklich guten Film zu wenig ist, um nur deswegen vollen Lobes zu sein.
Wer also hofft oder erwartet, die charmant präsentierte Retro-Kindersendung á la Bill Nye the Science Guy(öffnet im neuen Fenster) wäre mehr als nur ein ausschmückendes Element in ein paar wenigen Szenen, bekommt davon viel zu wenig gezeigt. Und wie so oft ist Wissenschaft an sich auch in diesem Film wieder nur eine Randerwähnung, um an passenden Stellen eher unphysikalische Querverweise aufs Leben an sich in den Raum zu stellen. So nach dem Motto: Die Einstein-Rosen-Brücke verbindet, und Liebe ebenso.





Was außerdem auffällt: Flugobjekte fallen vom Himmel und nehmen Einfluss auf das Leben eines Protagonisten, der immer wieder eine alte Frau mit zerzausten weißen Haaren sieht, die einfach nur da steht und ihn anstarrt.
Genau: Aufgrund solcher und weiterer mehr als deutlicher Parallelen mussten nicht nur wir(öffnet im neuen Fenster) bei Linoleum ständig an den Kultfilm Donnie Darko(öffnet im neuen Fenster) denken - nur eben mit einer viel älteren Person als Hauptfigur und bei weitem nicht so atmosphärisch faszinierend, mysteriös offen gehalten. Zumal Donnie Darko, obwohl viel stärker ins Fantastische abdriftend, es im Gegensatz zu Linoleum sogar noch geschafft hat, in Ansätzen wissenschaftliche Theorien über Zeitreisen, Wurmlöcher und Paralleluniversen an sinnvoller Stelle als Grundlage seiner eigenen Filmlogik zu etablieren.
Mit Linoleum hat Regisseur Colin West ganz offensichtlich versucht, eine Art buntere, wärmere, hellere, leichter verdauliche Adaption von Donnie Darko umzusetzen. Wie er in Interviews sagte,(öffnet im neuen Fenster) hat er abgesehen davon lose autobiografische Teile seines eigenen Lebens und Erlebnisse mit seinem dementen Großvater kurz vor dessen Tod im Drehbuch verarbeitet.
Schönes Gefühlskino, aber zu wenig für Nerds
Vor diesem Hintergrund wundert es uns nicht, dass seine Geschichte erst vielversprechend wie eine etwas verrückter angelegte Twilight-Zone-Episode beginnt, sich im Kern dann aber doch als Sentimentalitätskino entpuppt, das keine interessanten Fragen offen, auf der anderen Seite aber gewiss kaum ein Auge trocken lässt.
Ein trotzdem durchaus schöner Film, den wir vor allem wegen seines charaktervoll aufspielenden Hauptdarstellers gerne gesehen haben. Der auch amüsante Momente hat, stilistisch viel Retrokitsch auffährt und eben was fürs Herz auf die Leinwand bringt. Der uns als erhofftes Nerd-Movie jedoch enttäuscht hat und an den wir uns nicht mehr sonderlich lange erinnern werden.
Linoleum - Das All und all das ist am 15. Februar 2024 in deutschen Kinos gestartet.



