Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Linkedin & Persona: In drei Minuten in den Datenschutz-Wahnsinn

Ich habe meine Identität auf Linkedin verifiziert. Hier erzähle ich, was ich preisgegeben habe, nur um ein blaues Häkchen zu bekommen.
/ rogi
47 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Wer auf Linkedin auf Verifizieren klickt, gibt seine Daten nicht an Linkedin weiter. (Bild: Montage: Golem)
Wer auf Linkedin auf Verifizieren klickt, gibt seine Daten nicht an Linkedin weiter. Bild: Montage: Golem

Also tippte ich auf "Verifizieren". Ich scannte meinen Reisepass ein und machte ein Selfie. Drei Minuten später – fertig, Badge erhalten. Ich spürte einen winzigen Dopamin-Kick: Jetzt war ich legitimiert.

Dann tat ich, was wahrscheinlich sonst kaum jemand tut: Ich las mir die Datenschutzerklärung und die Nutzungsbedingungen durch. Nicht die von Linkedin. Die von der anderen Firma.

Moment mal, welche andere Firma?

Wer auf Linkedin auf "Verifizieren" klickt, gibt seinen Pass nicht an Linkedin, sondern wird zu einem Unternehmen namens Persona weitergeleitet. Vollständiger Name: Persona Identities, Inc., mit Sitz in San Francisco, Kalifornien.

Linkedin ist dessen Kunde. Ich bin das Gesicht, das gescannt wird.

Ich hatte wie die meisten Menschen nie zuvor von Persona gehört. Das ist gewollt, das Unternehmen sitzt unsichtbar zwischen uns und den Plattformen, denen wir vertrauen.

Also habe ich mir die Datenschutzerklärung (18 Seiten) und die Nutzungsbedingungen (16 Seiten) von Persona heruntergeladen – und erzähle im Folgenden, was ich herausgefunden habe.

Was ich an Persona übermittelt habe

Für eine dreiminütige Identitätsprüfung wurde Folgendes erfasst:

  • mein vollständiger Name: Vorname, zweiter Vorname, Nachname
  • mein Passfoto: das gesamte Dokument, beide Seiten, alle Daten auf der Vorderseite
  • mein Selfie: ein in Echtzeit aufgenommenes Foto meines Gesichts
  • eine Gesichtsgeometrie: biometrische Daten, die aus beiden Bildern extrahiert wurden und dazu dienen, das Selfie mit dem Pass abzugleichen
  • eine NFC-Chip-Daten: die digitalen Informationen, die auf dem Chip in meinem Reisepass gespeichert sind
  • meine nationale Identifikationsnummer
  • meine Staatsangehörigkeit, mein Geschlecht, mein Geburtsdatum, mein Alter
  • meine E-Mail-Adresse, Telefonnummer und Postanschrift
  • meine IP-Adresse, Gerätetyp, MAC-Adresse, Browser, Betriebssystemversion und Sprache
  • meine Geolokalisierung, abgeleitet aus meiner IP-Adresse

Dazu kommen noch ein paar bemerkenswerte Punkte:

  • Verzögerungserkennung: Persona hat verfolgt, ob ich während des Vorgangs pausiert habe
  • Copy-Paste-Erkennung: Persona hat verfolgt, ob ich Informationen hineinkopiert statt eingetippt habe
  • Verhaltensbiometrie, zusätzlich zur physischen Biometrie

Das alles habe ich für die Verifizierung bei Linkedin preisgegeben.

Persona fragt seine Freunde über mich aus

Persona hat sich aber nicht nur auf die Daten verlassen, die ich dem Unternehmen gegeben habe, sondern mich mit dessen "globalen Netzwerk vertrauenswürdiger Datenquellen von Drittanbietern" abgeglichen:

  • behördliche Datenbanken
  • nationale Melderegister
  • Kreditauskunfteien
  • Versorgungsunternehmen
  • Mobilfunkanbieter
  • Postadressdatenbanken

Kurz gesagt: Ich habe meinen Reisepass gescannt, um ein Häkchen zu erhalten, und Persona hat einen Hintergrundcheck durchgeführt.

Mein Gesicht für die Trainingsdaten

Fast hätte ich es übersehen, denn es steht versteckt in einer Tabelle auf Seite 6 der Datenschutzerklärung unter "berechtigte Interessen": Persona verwendet hochgeladene Bilder von Ausweisdokumenten – also von meinem Reisepass – zum Trainieren seiner KI. Damit bringt die Firma ihrem System bei zu erkennen, wie Reisepässe in verschiedenen Ländern aussehen. Außerdem wird mein Selbstporträt genutzt, um "Verbesserungen am Dienst zu identifizieren".

Die Rechtsgrundlage ist nicht meine Einwilligung, Rechtsgrundlage sind "berechtigte Interessen". Das heißt, Persona hat selbst entschieden, dass es in Ordnung sei, meine Daten so zu verwenden. Laut der DSGVO müssen Unternehmen ihre "Interessen" gegen unsere Grundrechte abwägen. Ob das Einspeisen europäischer Pässe in Machine-Learning-Modelle dem Anspruch standhält, ist eine Frage, die wir stellen sollten.

Ich kam für ein Häkchen und blieb als Trainingsdaten.

Wohin gelangen meine Daten?

Sobald Persona die Daten hat, bekommen folgende Stellen eine Kopie:

Linkedin erhält

  • den vollständigen Namen
  • das Geburtsjahr
  • die Art des amtlichen Ausweises und die ausstellende Behörde
  • das Ergebnis der Überprüfung
  • eine unkenntlich gemachte Version des Ausweises. Alle Angaben außer dem Namen und dem Foto sind unkenntlich gemacht

Zugriff erhalten außerdem

  • die Dienstleister von Persona, also Anbieter, die in Personas Auftrag tätig sind
  • Personas "globales Netzwerk von Datenpartnern". Diese Datenbanken von Drittanbietern funktionieren in beide Richtungen
  • verbundene Unternehmen und Tochtergesellschaften – Firmen, mit denen Persona "gemeinsame Datensysteme" nutzt
  • jeder, der Persona kauft; bei einer Fusion, Übernahme oder Insolvenz gehen die Daten mit dem Geschäft über und
  • interessanterweise auch Strafverfolgungsbehörden

Außerdem gibt es eine von Persona veröffentlichte Liste der Unterauftragsverarbeiter, die Zugriff auf die Daten haben. Ich wünschte, ich hätte nicht so genau hingeschaut!

Die 17 Unternehmen, die mit meinem Gesicht in Berührung kommen

Unterauftragsverarbeiter sind Drittunternehmen, die unsere personenbezogenen Daten in Personas Auftrag verarbeiten. Hier ist die vollständige Liste:

Liste der Unterauftragsverarbeiter
FirmennameWas die Firma mit unseren Daten machtFirmensitz
AnthropicDatenauswertung und -analyseSan Francisco, USA
OpenAIDatenauswertung und -analyseSan Francisco, USA
GroqcloudDatenauswertung und -analyseSan Jose, USA
AWSInfrastruktur, BildverarbeitungHouston, USA
Google Cloud PlatformInfrastructure as a ServiceMountain View, USA
Resistant AIDokumentenauswertungNew York, USA
Fingerprint JSGeräteauswertungChicago, USA
MongoDBDatenbankdienstNew York, USA
SnowflakeDatenbankdienstBozeman, USA
ElasticsearchSuchmaschine und AnalysetoolMountain View, USA
ConfluentETL ServicesMountain View, USA
DBTETL ServicesPhiladelphia, USA
Sigma ComputingDatenanalyseSan Francisco, USA
TableauDatenanalyseSeattle, USA
StripeKreditkartenverarbeitungSouth San Francisco, USA
TwilioKommunikations-APIs (Smartphone, SMS)Denver, USA
Persona Identities CanadaKundenservice und EntwicklungToronto, Kanada

Zählen wir mal durch: 17 Unternehmen, 16 davon in den USA, eines in Kanada, null in der EU.

Ich habe also meinen europäischen Reisepass für ein berufliches Netzwerk eingescannt und meine Daten gingen ausschließlich an nordamerikanische Unternehmen. Kein einziger in der EU ansässiger Unterauftragsverarbeiter ist in der Liste zu finden.

Und wer führt die "Datenerhebung und -analyse" durch? Anthropic, OpenAI und Groqcloud. Drei KI-Unternehmen verarbeiten unsere Reisepass- und Selfiedaten. Mein von der Regierung ausgestelltes Ausweisdokument wird den Unternehmen zugeführt, die große Sprachmodelle und KI-Systeme entwickeln.

AWS übernimmt die "Bildverarbeitung". Das bedeutet, dass mein Gesicht durch die Infrastruktur von Amazon geleitet wird. Die "Geräteauswertung" übernimmt Fingerprint JS – ein Unternehmen, dessen Name buchstäblich auf das verweist, was es tut. Es erstellt einen Fingerabdruck meines Geräts, während Persona einen Fingerabdruck meines Gesichts erstellt.

In der Datenschutzerklärung steht, dass Daten in den "Vereinigten Staaten und Deutschland" gespeichert würden. Das mit Deutschland mag technisch gesehen wahr sein, vielleicht liegen dort einige Daten. Doch jedes der Unternehmen, das unsere Daten verarbeitet, ist amerikanisch. Der Cloud Act (PDF)(öffnet im neuen Fenster) gilt nicht nur für Persona, sondern auch für alle 16 US-Subunternehmer.

Der Cloud Act: Warum Frankfurt uns nicht schützt

Persona unterhält Rechenzentren in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. Wer in Europa lebt, denkt vielleicht: Prima, meine Daten befinden sich wahrscheinlich auf einem deutschen Server, sind durch die DSGVO geschützt und vor dem Zugriff durch die USA sicher. Doch das stimmt nicht.

Persona ist ein in Kalifornien eingetragenes US-Unternehmen und unterliegt folglich dem US-amerikanischen Cloud Act, dem Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act, der 2018 unterzeichnet wurde. Einfach gesagt, ermöglicht es der Cloud Act den US-Strafverfolgungsbehörden, jedes in den USA ansässige Unternehmen zur Herausgabe von Daten zu zwingen, selbst wenn diese Daten auf einem Server außerhalb der Vereinigten Staaten gespeichert sind.

Auch wenn sich der Scan meines Reisepasses in einem Rechenzentrum in Frankfurt befindet: Sobald ein US-Gericht einen Durchsuchungsbefehl erlässt, muss Persona dem nachkommen. Es zählt nicht der physische Standort des Servers, sondern der juristische Sitz des Unternehmens.

Das bestätigt auch die Datenschutzerklärung von Persona, hier der Wortlaut: "Wir greifen auf personenbezogene Daten zu, geben sie weiter und bewahren sie auf, wenn wir der Ansicht sind, dass dies erforderlich ist, um geltendes Recht einzuhalten oder auf rechtmäßige Rechtsverfahren zu reagieren, einschließlich solcher von Strafverfolgungs-, nationalen Sicherheits- oder anderen staatlichen Behörden."

"Nationale Sicherheit." Diese zwei Wörter haben es in sich. Gemäß US-Recht können Anträge im Namen der nationalen Sicherheit – wie Fisa-Gerichtsbeschlüsse oder National Security Letters – mit Schweigegeboten verbunden sein. Persona dürfte mir nicht mitteilen, wenn es meine Daten weitergegeben hat, selbst wenn es wollte.

"Aber es gibt doch das Data Privacy Framework!"

Ja, Persona gibt an, das EU-US-Data-Privacy-Framework(öffnet im neuen Fenster) (DPF) einzuhalten. Das Unternehmen hat sich beim US-Handelsministerium zertifizieren lassen. Es hält sich an die Grundsätze, das Ganze wirkt sehr offiziell.

Die Sache mit dem DPF ist die: Es ist der Ersatz für das Privacy Shield, das der Europäische Gerichtshof im Jahr 2020 für ungültig erklärt hat. Der Grund? Die US-Überwachungsgesetze machten es unmöglich, die Sicherheit europäischer Daten zu garantieren.

Das DPF existiert, weil die USA eine Executive Order (14086(öffnet im neuen Fenster)) unterzeichnet haben, in der sie Besserung geloben. Aber eine Executive Order ist kein Gesetz, sondern eine Entscheidung des Präsidenten und kann damit von jedem künftigen Präsidenten mit einem Federstrich geändert oder widerrufen werden.

Datenschutzaktivisten haben das DPF bereits angefochten, darunter Noyb, die Organisation hinter den ursprünglichen Schrems-Urteilen. Die Rechtsgrundlage, die unsere Daten schützen soll, ist bestenfalls vorübergehend.

Die Realität sieht also so aus:

Wir scannen unseren Reisepass in Madrid, Berlin oder Dublin. Persona speichert ihn, vielleicht in Deutschland, vielleicht in den USA. Der Cloud Act gewährt US-Behörden Zugriff, unabhängig vom Speicherort.

Der DPF soll uns schützen, ist aber auf Sand gebaut. Eine Anfrage aus Gründen der nationalen Sicherheit könnte unsere biometrischen Daten abgreifen, ohne dass wir es jemals erfahren. Zwischen unserem europäischen Reisepass und einem System der US-Regierung liegt also nichts als eine stille Vorladung.

Die biometrische Zeitbombe

Ich möchte darstellen, was hier unter "biometrischen Daten" zu verstehen ist. Persona extrahiert die mathematische Geometrie eines Gesichts aus dem Selfie und dem Passfoto. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Bild, sondern um eine numerische Karte der Abstände zwischen den Augen, der Form des Kinns und der Geometrie der Gesichtszüge. Es sind Daten, die eine Person eindeutig identifizieren. Im Gegensatz zu einem Passwort kann man das Gesicht nicht ändern, wenn es kompromittiert wird.

In den Richtlinien von Persona heißt es, diese Scandaten würden "nach Abschluss der Verifizierung oder innerhalb von sechs Monaten nach Ihrer letzten Interaktion" vernichtet. Gut.

Aber es gibt eine Ausnahme: "... es sei denn, Persona ist gesetzlich oder aufgrund eines Rechtsverfahrens anderweitig verpflichtet, die Daten aufzubewahren".

Diese Ausnahme bedeutet in Verbindung mit dem Cloud Act, dass ein US-Gerichtsverfahren Persona zwingen könnte, die biometrischen Daten einer Person auf unbestimmte Zeit aufzubewahren. Die Sechsmonatsfrist wird unbedeutend, wenn ein Gericht sagt: "Bewahren Sie das auf."

Das 50-US-Dollar-Sicherheitsnetz

Sprechen wir nun darüber, was passiert, wenn etwas schiefgeht. Nehmen wir an, es kommt zu einer Datenpanne und der Scan eines Reisepasses, die Gesichtsgeometrie und die zugehörige nationale Identifikationsnummer geraten in die falschen Hände.

Die Nutzungsbedingungen von Persona begrenzen die Haftung des Unternehmens auf 50 US-Dollar. Noch einmal: Dein Reisepass, dein Gesicht, deine biometrischen Daten, deine nationale Identifikationsnummer – 50 US-Dollar.

Die Nutzungsbedingungen beinhalten zudem ein obligatorisches, bindendes Schiedsverfahren: kein Gericht, keine Jury, keine Sammelklage. Man kann Ansprüche nur individuell geltend machen, und zwar über die American Arbitration Association, selbst wenn man in Europa sitzt und es um europäische Daten geht.

Für Einwohner der EU/des EWR gilt laut Nutzungsbedingungen irisches Recht für den Vertrag. Das klingt zunächst besser, bis man sich daran erinnert: Irisches Recht regelt den Vertrag, aber US-Recht regelt das Unternehmen. Dem Cloud Act ist es egal, was im Vertrag steht.

Was man tun sollte

Allen, die sich wie ich bereits verifiziert haben, empfehle ich Folgendes:

  1. Die eigenen Daten anfordern, und zwar per E-Mail an idv-privacy@withpersona.com oder privacy@withpersona.com. Gemäß der DSGVO muss innerhalb von 30 Tagen geantwortet werden.
  2. Die Löschung beantragen. Denn: Die Verifizierung ist abgeschlossen, Linkedin hat das Ergebnis bereits. Es gibt keinen Grund für Persona, den Pass-Scan und die Gesichtsgeometrie auf seinen Servern zu behalten.
  3. Sich an den Datenschutzbeauftragten wenden (dpo@withpersona.com). Er ist der richtige Ansprechpartner für einen Einspruch dagegen, dass die eigenen Dokumente unter dem Vorwand "berechtigter Interessen" als Trainingsdaten für KI verwendet werden.
  4. Künftig zweimal nachdenken, bevor man sich verifiziert. So ein blaues Abzeichen ist den Preis wohl nicht wert. Ein Häkchen ist nur Kosmetik, biometrische Daten bleiben für immer.

Drei Minuten

Der Verifizierungsprozess hat nur drei Minuten gedauert: Scan, Selfie, fertig. Zu verstehen, womit ich mich tatsächlich einverstanden erklärt habe, hat dagegen ein ganzes Wochenende in Anspruch genommen und die Lektüre von 34 Seiten juristischer Dokumente erfordert.

Ich habe einem US-Unternehmen meinen Reisepass, mein Gesicht und die mathematische Geometrie meines Schädels übergeben. Es hat mich mit Kreditauskunfteien und staatlichen Datenbanken abgeglichen und wird meine Daten nutzen, um KI zu trainieren. Und wenn die US-Regierung anklopft, wird es alles herausgeben, selbst, wenn die Daten in Europa gespeichert sind und ich Europäer bin – möglicherweise, ohne mir jemals davon zu erzählen.

Und das alles für ein kleines blaues Häkchen auf irgendeinem beruflichen Netzwerk. Ich will niemandem vorschreiben, die Verifizierung zu überspringen. Aber jeder sollte wissen, was er sich einhandelt. Persona weiß es. Linkedin weiß es. Der Einzige, der im Dunkeln tappt, ist derjenige, der seinen Reisepass vor die Kamera hält.

Übersetzt von Juliane Gunardono mit Unterstützung von DeepL

Der Autor veröffentlicht unter dem Pseudonym "rogi". Sein Name ist der Redaktion bekannt.


Relevante Themen