Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Limux: München verbastelt das nächste IT-Großprojekt

Eigentlich soll die IT-Verwaltung in München endgültig zentralisiert werden. Doch sowohl der Stadtrat als auch Verwaltungsreferate agieren gegen den Plan und gegeneinander. Dass Gutachter und die CSU eine Totalabkehr von Limux und Libreoffice in Erwägung ziehen, ist dabei vermutlich wenig hilfreich.
/ Sebastian Grüner
217 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
In München wird mal wieder über Limux diskutiert, eigentlich geht's aber um etwas ganz anderes. (Bild: Michael Pollak, flickr.com)
In München wird mal wieder über Limux diskutiert, eigentlich geht's aber um etwas ganz anderes. Bild: Michael Pollak, flickr.com / CC-BY 2.0

Dass es um die IT-Landschaft der Stadtverwaltung in München nicht besonders gut bestellt ist, zeigte bereits der Vorabbericht einer Überprüfung Anfang des Jahres, der zwar wenig überraschende Erkenntnisse lieferte, dafür aber viele Gründe zum Aufregen. Die in dem Abschlussbericht vorgeschlagene strikte Zentralisierung der IT-Aufgaben, die der Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) möglichst schnell umsetzen möchte, wird allerdings im Stadtrat ebenso wie durch teils harsche Kritik aus den Verwaltungsreferaten ausgebremst.

So sollte die Umsetzung einer zentralen IT-Stelle am gestrigen Mittwoch im Verwaltungsausschuss beschlossen werden. Daraus wurde aber nichts, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet(öffnet im neuen Fenster). Grund dafür sind der Zeitung zufolge aber nicht nur Bedenken in den Fraktionen von SPD und CSU an dem ambitionierten Zeitplan. Sondern auch grundsätzliche Zweifel an dem Vorhaben sowie der derzeitigen IT-Landschaft in der Stadtverwaltung.

Zusammenfassung zu zentralem Dienstleister geplant

Das zentrale Ergebnis der Überprüfung durch das Beratungsunternehmen Accenture empfiehlt der Stadt, die bisher drei Bereiche der IT-Verantwortung zusammenzufassen. So sollen vor allem "Entscheidungen mit Blick auf die gesamte IT getroffen werden" können und "doppelte Strukturen vermieden und die Effizienz gesteigert werden", wie es in der Beschlussvorlage des Verwaltungsausschusses(öffnet im neuen Fenster) heißt.

Derzeit verfügt München mit dem Strac(öffnet im neuen Fenster) über eine Abteilung zur strategischen Steuerung und Planung in IT-Fragen und mit it@M(öffnet im neuen Fenster) über einen eigenen städtischen IT-Dienstleister, der unter anderem verschiedene Backend-Dienste betreut und eben den Limux-Client, den standardisierten und für die Verwaltung favorisierten Desktop auf Basis des freien Linux. Zusätzlich dazu haben die Verwaltungsreferate und Eigenbetriebe der Stadt noch dezentrale IT-Abteilung, die Dika(öffnet im neuen Fenster) heißen.

Dem Plan von Reiter zufolge sollten diese drei Bereiche bereits bis Anfang 2018 in einem neuen zentralen Referat zusammengefasst werden, das dann ein Jahr später – also 2019 – den Regelbetrieb hätte starten sollen. Wie erwähnt, soll aber nicht nur dieser Zeitplan weiter diskutiert und eventuell nach hinten verschoben werden. Auch das Gesamtprojekt soll erneut überprüft werden.

CSU bringt wieder Limux-Kritik ins Spiel

So schlägt Reiter, laut dem Bericht der Süddeutschen, alternativ zu der Einheitslösung, ein Kombi-Modell vor: "ein schlankes IT-Referat für die politische Steuerung und darunter eine Betriebsgesellschaft, die das operative Geschäft erledigt". Die politische Steuerungshoheit über die IT-Landschaft will Reiter also offensichtlich doch nicht abgeben.

Die Beteiligten der CSU gehen in ihrer Kritik sogar noch etwas weiter. So wird das Kombimodell abgelehnt und mögliche andere Vorschläge und Lösungen sollen bis Anfang 2017 beraten werden. Zudem solle nicht nur die Neugestaltung der IT-Aufgaben selbst beschlossen werden, sondern insbesondere die Frage nach dem genutzten Betriebssystem wieder erörtert werden.

Die Rückkehr vom derzeit vorherrschenden Linux-Desktop zurück zu Windows solle "zumindest geprüft" werden, heißt es bei der CSU. Die Kritik an dem mit Rot-Grüner-Mehrheit beschlossenen Limux-Projekt seitens der CSU ist altbekannt. Wie sich zum Beispiel im vergangenen Jahr zeigte, ist das aber nicht immer gut begründet. Unterstützt wird dieser Vorstoß der CSU auch durch die vorgelegte Studie, die eben nicht nur die vollständige Zentralisierung der IT-Aufgaben der Stadt fordert, sondern auch Verbesserungen im Windows-Bereich. Darüber hinaus erörtern die Gutachter zumindest einige Möglichkeiten, wonach die Referate wieder verstärkt proprietäre Software einsetzen und langfristig gar zurück zu Windows wechseln könnten.

Zwar möchte Reiter Letzteres vorerst nicht diskutieren, immerhin sei die Frage nach dem Betriebssystem "'nicht der entscheidende Punkt'", schreibt die Süddeutsche. Doch die wieder aufkochenden Auseinandersetzungen im Stadtrat und zwischen den Referaten zu beiden Fragen sind schon jetzt abzusehen.

Die immer gleichen Streitereien um Limux

Sowohl zur Frage der Zentralisierung als auch zur bevorzugten Software mit Betriebssystem, Office-Suite und weiteren Komponenten gibt es in München teils langjährig schwelende Konflikte. Die nun vorgelegte Studie befeuert jedoch nicht nur die politische Debatte im Stadtrat, sondern eben auch die zwischen den Referaten.

Einige Referate beharren auf Insellösungen

So gibt es einige Referate, die der Beschlussvorlage prinzipiell zustimmen(öffnet im neuen Fenster). Von besonderer Bedeutung ist hierbei wohl die Stellungnahme vom IT-Dienstleister it@M, die besagt, "dass der ITK innerhalb der Strukturen der Stadtverwaltung mehr Gewicht und Bedeutung beizumessen ist", unter der Bedingung, dass die IT-Verantwortlichen eine bessere Ausstattung bekommen, als vorgeschlagen wurde. Die Techniker von it@M sind schon jetzt für einen großen Teil der Gesamt-IT der Stadt München verantwortlich.

Offenbar können oder wollen einige der Referate aber nicht auf ihre dezentralen IT-Abteilungen verzichten. Am weitesten mit seiner Ablehnung für den Vorschlag geht dabei das Kreisverwaltungsreferat. Dieses geht davon aus, dass eine Zentralisierung der IT "erhebliche Nachteile für die ordnungsgemäße Aufgabenerledigung bringen" würde. Dass sich einzelne Referate, mal mehr mal weniger, gegen eine Zentralisierung ihrer IT-Aufgaben stellen, ist ein immer wiederkehrendes Thema.

Auch Windows muss standardisiert arbeiten

Die Gründe dafür sind zwar vielfältig, dass das von einigen wenig geliebte Limux-Projekt über den zentralen IT-Dienstleister durchgeführt wird und die Kritikpunkte an Limux mit der Zentralisierung als solcher verknüpft werden, ist dabei aber naheliegend. Der Studie zufolge ist aber auch eine zentralisierte Erstellung und Betreuung der weiterhin existierenden Windows-Umgebungen umzusetzen.

Denn der Zwischenbericht hat bereits gezeigt(öffnet im neuen Fenster), dass auch die Infrastruktur für die nach wie vor benötigten Windows-Rechner viel zu divers ist. So gebe es etwa immer noch einige Rechner mit Windows XP oder gar Windows 2000, die keine Pflege mehr erhielten. Zudem fehle es für die Rechner mit Windows 7 an einer einheitlichen Verwaltungsstruktur und die Referate erweiterten die Windows-Clients teils unabhängig voneinander, was zu Problemen und Inkompatibilitäten führe. Deshalb erstellt it@M analog zu Limux seit 2013 einen Standard-Windows-Client.

Proprietäre Software für die Außenkommunikation

Obwohl dies zu Beginn der Arbeiten an dem Limux-Projekt sicher anders gedacht war, sind bestimmte Aufgaben der Stadt nach wie vor nur mit Windows, Microsoft Office oder gar Outlook umsetzbar. Das wiederum liegt daran, dass benötigte Software nicht plattformunabhängig ist. Das gilt etwa vielfach für Anwendungen zur Kommunikation mit Einrichtungen von Bund und Ländern.

Darüber hinaus sorge das sowohl auf Linux als auch auf Windows genutzte Libreoffice beim Dateiaustausch mit Anderen trotz aller Bemühungen wohl immer noch für Kompatibilitätsprobleme. Darauf weist insbesondere das Personal- und Organisationsreferat in seiner Stellungnahme hin.

Auf die explizite Nachfrage des Referats für Arbeit und Wirtschaft, was die Gutachter diesbezüglich empfehlen, heißt es: "Die Referate und Eigenbetriebe sollten die Wahl haben, welche Lösung für Client und Bürokommunikation (Microsoft oder Linux/Open Source basiert) für ihren Einsatzbereich die passende ist." Bisher muss die Verwendung der proprietären Software zwingend begründet werden und durch it@M erlaubt werden.

Gutachter stellen Limux grundsätzlich in Frage

"Abhängig von der Entwicklung der Verbreitung der Client-Varianten sollte zu einem späteren Zeitpunkt überprüft werden, ob der Einsatz von Linux als Client-Betriebssystem weiterhin wirtschaftlich sinnvoll ist", schreiben die Gutachter weiter. Sie verweisen also explizit auf eine langfristig Abkehr von Limux – zumindest als Möglichkeit.

Das Problem der extrem vielfältigen IT-Landschaft, deren Aufgaben zentralisiert werden sollen, löst ein Wechsel auf Windows aber nicht. Das schreiben die Gutachter wie erwähnt sogar selbst. Denn auch unter Windows ist eine Standardisierung vonnöten. Noch sind die Arbeiten daran aber nicht besonders weit fortgeschritten.

Für die Limux-Standardisierung hat die Stadt München mehr als zehn Jahre benötigt. Wie viel Zeit diese für Windows in Anspruch nehmen wird, ist derzeit nicht absehbar. Ebenso wenig wird erwähnt, was ein derartiger Wechsel zurück zu Windows allein an Lizenzkosten für die Finanzen der Stadt bedeuten würde und ob dies tatsächlich günstiger wäre als die Nutzung von Linux und Libreoffice.

Bevor die Verantwortlichen der Stadt beginnen, Diskussionen mit derart dünner Faktenlage zu führen, sollten sie eher die von den Gutachtern geforderte und von Oberbürgermeister Reiter unterstützte Zentralisierung der IT-Landschaft vorantreiben. Das wird wohl aber noch einiges mehr an Zeit benötigen. Die nächste Beratung im Verwaltungsausschuss zu diesem Thema findet wohl erst im Januar 2017 statt.


Relevante Themen