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Liebessimulation Love Plus: "Ich hoffe, du wirst für immer schön bleiben"

Nene Anegasaki ist kein richtiger Mensch. Sie ist eine Figur aus einer Dating-Simulation. Ihr Erfinder und Konami -Spieleentwickler Akari Uchida wird trotzdem wie ein Schwiegervater verehrt.
/ Felix Lill
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Artwork von Love Plus (Bild: Konami)
Artwork von Love Plus Bild: Konami

Am 20. April ist ein kleiner Laden in Tokios zentralem Stadtteil Roppongi gefüllt mit Liebesbriefen gewesen. "Ich hoffe, du wirst für immer schön bleiben" , hatte einer auf einem Zettel an der Pinnwand hinterlassen, der sich mit dem Twitter-Namen Kurosaki_twin zu erkennen gab. "Lass uns einen schönen Tag zusammen verbringen, wie im letzten Jahr" , schrieb Shibaken072. Der Twitter-Nutzer Takeuchi machte es ganz schlicht: "Nene, happy birthday!" Über Tage hatten sich im Konami-Geschäft des noblen Einkaufszentrums Roppongi Hills Botschaften an das Mädchen angesammelt, das es eigentlich gar nicht gibt. Jedenfalls nicht aus Fleisch und Blut.

Japanese Debut Trailer Love Plus
Japanese Debut Trailer Love Plus (02:50)

Nene Anegasaki ist ungefähr 16 Jahre alt und eine von drei möglichen Hauptpersonen des Videospiels Love Plus(öffnet im neuen Fenster) , das in Japan auf dem Nintendo DS und 3DS gespielt werden kann. Aufgabe des Spielers ist es, mit Nene eine Liebesbeziehung einzugehen und diese am Leben zu halten. In Echtzeit muss er sich mit ihr verabreden, sie amüsieren, Gefühle bei ihr wecken. Alles funktioniert mit Dialogen. Der menschliche Spieler reagiert auf Sätze, die die braunhaarige, knopfäugige Nene mit ihrer niedlichen Stimme sagt. Tritt er in ein Fettnäpfchen, gibt es Streit. Genauso, wie wenn man mit ihr verabredet ist und die Spielkonsole nicht rechtzeitig einschaltet. Liebe in Echtzeit, nur eben virtuell.

Pralinen für den Schwiegervater

Der Erfinder des bekanntesten japanischen "Kommunikationsspiels" , wie der Hersteller Konami die Dating-Simulation nennt, ist in den letzten fünf Jahren zu einem Star für Love-Plus-Spieler geworden. Scherzhaft wurde er von Nenes Verehrern schon Schwiegervater genannt, in seinem Büro, weiter oben im selben Einkaufszentrum Roppongi Hills, wo unten die Liebesbriefe an Pinnwänden prangten, kommen manchmal Pralinen mit der Post an, mit einer Grußnote von selbsternannten Schwiegersöhnen. Akari Uchida lächelt ein bisschen verlegen, aber auch ein bisschen stolz, wenn er auf diese Anekdoten angesprochen wird. Das alles sei ja nicht ganz ernst gemeint. Aber es zeige die Tiefe dieses Spiels.

"Mit Love Plus haben wir etwas gemacht, das vorher nicht gemacht wurde"

Love Plus ist nicht das erste Spiel dieser Art, in dem es um die Liebe geht. "Bei Konami hatten wir für die Playstation 1995 schon ein Spiel mit Herzrasen, Tokimeki Memorial. Das war ein Pionier in den Liebes-/Emotionsspielen, aber Love Plus geht viel weiter" , sagt Uchida. Die Kommunikation heute ist versierter, realistischer, schneller.

Japan ist das Dating-Sim-Land

Dabei ist Love Plus vielleicht die bekannteste, aber derzeit längst nicht die einzige Entwicklung dieser Art. Kommunikationsspiele sind in Japan ein beliebtes Genre. Warum ist das so? Uchida überlegt einen Moment. "Ich denke, dass es Spieler anspricht, die im wirklichen Leben nicht mehr so viel kommunizieren können. Das ist heutzutage ja generell der Trend: Man spricht sich immer mehr über Messaging Services ab. Aber der Hunger nach Konversation von Angesicht zu Angesicht ist geblieben. Außerdem achten ja auch japanische Unternehmen bei ihren Arbeitskräften verstärkt auf Kommunikationsfähigkeiten. Ich glaube, dass dadurch auch viele Spieler solche Games suchen, in denen sie kommunizieren müssen."

Ein Kommunikationsspiel als Hilfe fürs wahre Leben, vielleicht auch für solche Spieler, die jenseits der Konsole auf Partnersuche sind? Auf diese Frage wird Uchida, der Schwiegervater, häufig angesprochen. Gedacht war das Spiel nicht auf diese Weise. "Aber wenn es jemandem hilft, freue ich mich natürlich sehr." Der typische Spieler von Love Plus ist männlich und tendenziell jung, obwohl sich die Demografie über die Jahre stark verändert hat. "Bei der ersten Version ab September 2009 waren es vor allem Gadget-Fans, die auf eine neue Entwicklung gespannt waren. Tendenziell junge Männer. Aber mittlerweile kommen Leute dazu, die früher in ihrer High-School-Zeit Tokimeki Memorial spielten. Diese Spieler sind heute in ihren Dreißigern." Und zehn Prozent der Gamer seien Frauen. Die neueste Version kam in diesem Frühjahr auf den Markt.

Figuren – so real wie nur möglich

Aus Entwicklerperspektive sind die Herausforderungen bei solchen Spielen ganz andere als bei solchen wie Winning Eleven oder Metal Gear Solid, die ebenso von Konami stammen. Uchida gefällt Love Plus gerade deshalb: "Hier geht es ja weniger um die typischen geschmeidigen Bewegungsabläufe oder eine Steuerung der Figuren an sich. Eine der größten Herausforderungen bei Kommunikationsspielen ist, dass sich die Hauptfigur lebendig anfühlt, wie eine atmende Person muss sie sein."

Im Japanischen bedeutet das zum Beispiel, dass sie quasi ohne Worte kommunizieren kann. Bei einem Setting aus Dialogboxen nicht so einfach. "Wir benutzen in unserer Sprache häufig verschiedene Stöhnlaute wie 'ummmm' und 'aaaah'. Das ist für ein Spiel ziemlich kompliziert umzusetzen. Es muss ja authentisch sein und gleichzeitig keine merkwürdigen Situationen hervorrufen. Überhaupt ist es schwierig, kleine Änderungen von Tag zu Tag einzurichten. Das Spiel führt sich jeden Tag fort und die Figur, mit der der Nutzer spielt, darf nicht immer dasselbe sagen. Es geht auch hier um Nuancen, die je nach Stimmung unterschiedlich sein müssen."

So nah und doch so fern

So richtig echt wird Nene Anegasaki wohl nie werden. Sie kann nicht aus ihrem Bildschirm steigen, nicht richtig berührt werden, hat keinen eigenen Geruch. Aber Akari Uchida, der gesteht, auch selber Vatergefühle für Nene und die beiden anderen Charaktere zu entwickeln, geht es auch nicht bloß darum, eine begehrenswerte Frau zu schaffen. Es geht ihm um die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz. "Wenn es uns mit dem Spiel gelingt, hier neue Wege zu weisen, haben wir das erreicht, was wir wollten. Love Plus ist ein Experiment, das Echte mit dem Virtuellen zu mischen. Das ist unser Versuch, im Innern des Spielers Charaktere zu schaffen, die weder völlig echt sind, noch rein virtuell."

So sei es vielleicht gerade hilfreich, glaubt Uchida, wenn die Figuren grafisch ein Niveau zwischen Manga und Fotorealismus haben: Sie sind nicht zu echt, aber auch nicht zu fern von der Realität. Wichtiger sei ohnehin die verbale Kommunikationsebene. Und die könnte durch neue Sphären von Realität, wie etwa mit dem Morpheus-Headset von Sony, noch weiterentwickelt werden. Ob Love Plus dann noch besser wird? Akari Uchida blickt im Raum um sich. Im Konami-Besprechungszimmer stehen große Spielautomaten vor den Wänden. Egoshooter, Jump 'n' Runs, Sport. "Kommunikationsspiele sind sehr anspruchsvoll. Ich glaube, wir werden noch viel davon haben und lernen." Auch er spiele Love Plus, gesteht Uchida. Zuhause zocke er allerdings nur heimlich. Sonst werde seine Frau wütend. Oder eifersüchtig?


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