LG G4 im Test: Wer braucht schon den Snapdragon 810?

Bereits vor der Vorstellung des G4 sprachen viele von LGs neuem Topsmartphone: Insbesondere zur Kamera und dem Gehäuse mit Lederrückseite hatte der südkoreanische Hersteller im Vorfeld selbst schon einige Details bekanntgegeben. Als das Gerät dann Ende April 2015 gezeigt wurde, gab es eine zusätzliche Überraschung: LG hatte sich gegen Qualcomms aktuelles Top-SoC Snapdragon 810 entschieden und den etwas leistungsschwächeren Snapdragon 808 verbaut.

Neben den von LG angepriesenen Vorzügen der Kamera und des Displays hat Golem.de deshalb im vorliegenden Test ein besonderes Augenmerk auf die Prozessorleistung gerichtet. Insbesondere der direkte Vergleich mit dem 810er hat gezeigt, dass LG mit dem 808er alles richtig gemacht hat.














Der Snapdragon 808 im Inneren des G4 hat statt acht Kernen, wie der Snapdragon 810, nur sechs: vier A53- und zwei A57-Kerne. Die Taktrate des SoC beträgt bis zu 1,8 GHz. Als Grund für den Einbau des kleineren Modells gibt LG die bessere Akkulaufzeit an - Überhitzungsprobleme, die Qualcomm als "Müll" zurückweist , sollen keine Rolle gespielt haben. Ein weiterer Grund könnte auch die bei längerer Benutzung bessere Leistung des Snapdragon 808 sein.
Erste aussagekräftige Vergleichsmessungen zwischen dem Snapdragon 810 und dem Snapdragon 808 zeigten bereits kurz nach der Veröffentlichung des Smartphones, dass der 810 tatsächlich nach einigen Minuten seine Leistung so weit herunterschraubt, dass er schwächere Benchmark-Werte liefert als der 808. Wir können dies komplett bestätigen: Im kalten Zustand erreicht das G4 mit seinem Snapdragon 808 im Geräte-Benchmark Geekbench 3 einen Single-Wert von 1.095 Punkten, das G Flex 2 mit seinem Snapdragon 810 erreicht mit 1.221 Zählern einen etwas höheren Wert. Die Multi-Ergebnisse liegen jeweils bei 3.509 und 3.982 Punkten.
Snapdragon 808 statt Snapdragon 810
Bis hierhin ist die Welt noch in Ordnung: Wie erwartet schafft das G Flex 2 dank seines SoCs mit zwei zusätzlichen A57-Kernen bessere Ergebnisse als das G4. Nachdem wir allerdings mit beiden Geräten 15 Minuten lang das Rennspiel Riptide GP2 auf höchsten Grafikeinstellungen gespielt haben, wandelt sich das Bild komplett. Die A57-Kerne im Snapdragon 810 im G Flex 2 schrauben ihre Leistung dann so weit herunter, dass das SoC nur noch einen Single-Wert von 583 erreicht - ein Leistungsverlust von über 50 Prozent. Der Multi-Wert sinkt auf 2.108 Zähler.














Das G4 hingegen verliert deutlich weniger Leistung: Nach 15 Minuten Spielen kommen wir hier auf einen Single-Wert von 954 Zählern - also nur knapp 150 Punkte weniger als im kalten Zustand. Der Multi-Wert sinkt auf 3.038 Punkte. Bereits nach kurzer Zeit ist der Snapdragon 808 also tatsächlich deutlich leistungsfähiger als der auf dem Papier potentere Snapdragon 810 - und das bei einem nicht unrealistischen Benutzungsszenario einer 15-minütigen Dauerbenutzung. Der Leistungsabfall fällt durchaus auf: Riptide GP2 läuft auf dem G Flex 2 nach einigen Minuten bereits deutlich weniger flüssig als zu Beginn und nach 15 Minuten auch weniger geschmeidig als auf dem G4.
Eine weitere Ursache hierfür ist bei der Betrachtung der Ergebnisse des Grafik-Benchmarks 3DMark ersichtlich: Das G4 kommt hier auf einen Kaltwert von 18.368 Punkten, im warmen Zustand haben wir mit 18.436 Zählern einen Wert auf gleichem Niveau gemessen. Das G Flex 2 mit dem Snapdragon 810 hingegen liegt im kalten Zustand bei deutlich höheren 22.492 Punkten, verliert im warmen Zustand aber fast 5.000 Zähler und sinkt auf 17.538 Punkte.
Der Snapdragon 808 ist das bessere SoC
LG hat mit dem Snapdragon 808 im G4 eine gute Wahl getroffen: Das SoC ist dank fehlenden Throttlings im warmen Zustand deutlich leistungsfähiger als der Snapdragon 810, der nur auf dem Papier stärker ist. Wir können im kalten Zustand zugegebenermaßen keine nennenswerten Unterschiede in der Geschwindigkeit zwischen dem G4 und dem G Flex 2 feststellen - egal, ob wir spielen, surfen, Filme schauen oder andere Aufgaben mit dem Smartphone erledigen. Auch grafisch aufwendige Spiele werden auf dem G4, obwohl es nur zwei statt vier A57-Kerne hat, ruckelfrei dargestellt.
Das G4 unterstützt Quad-Band-GSM, UMTS und Cat9-LTE sowie WLAN nach 802.11ac. Bluetooth läuft in der Version 4.1, ein GPS-Empfänger und ein NFC-Chip sind eingebaut. Der eingebaute Flash-Speicher ist 32 GByte groß, wovon dem Nutzer knapp über 22 GByte zur Verfügung stehen. Der Arbeitsspeicher ist 3 GByte groß. Ein Steckplatz für Micro-SD-Karten ist eingebaut.
Helles Display mit leichter Biegung
Bildschirminhalte werden beim G4 auf einem leicht gebogenen, 5,5 Zoll großen IPS-Display mit einer Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixeln dargestellt. Das Bildschirm-Panel ist nicht wie beim G Flex oder G Flex 2 ein tatsächlich gebogenes POLED-Panel, sondern nur ein an die leichte Biegung des Deckglases angepasstes Standard-Panel. Daher ist die Krümmung weniger stark, aber durchaus noch wahrnehmbar. Ein echter Vorteil, verglichen mit anderen Smartphones, die ein gerades Display haben, ist uns nicht aufgefallen.














Die Pixeldichte ist mit 538 ppi sehr hoch, entsprechend wirken auch feine Details mit bloßem Auge so scharf, dass keine Pixelränder erkennbar sind. Dank der neuen IPS-Quantum-Technologie soll das G4-Display um bis zu 20 Prozent farbtreuer als das des G3 sein, der Kontrast soll um 50 Prozent besser sein. Zugegebenermaßen konnten wir im Vergleich mit anderen Topsmartphones keinen deutlichen Unterschied feststellen.
Auffällig ist aber der von LG angekündigte Helligkeitsgewinn von 25 Prozent gegenüber dem G3. Tatsächlich ist die durchschnittliche maximale Helligkeit mit 430 cd/qm sehr hoch, bereits mit bloßem Auge fällt die Helligkeit auf. Auch bei sehr hellem Umgebungslicht sind damit Bildschirminhalte noch sehr gut zu erkennen. Erfreulich ist auch, dass sich die Helligkeit stark herunterregeln lässt; bei durchschnittlich nur 3 cd/qm ist auch Lesen bei schummriger Beleuchtung sehr angenehm.
Starke Kamera mit Farbsensor
Auf der Rückseite des G4 ist eine 16-Megapixel-Kamera mit Autofokus und optischem Bildstabilisator eingebaut. Die Anfangsblendenöffnung hat LG auf f/1.8 senken können, der Stabilisator arbeitet jetzt in drei Ebenen, die jeweils einen Ausgleich um bis zu 2 Grad erlauben - beim G3 waren es noch zwei Ebenen mit einem Ausgleichsbereich von 1 Grad. Dementsprechend sollten auch Bilder in schummriger Umgebung gut gelingen.
Wie das G3 hat auch das G4 wieder den Laser-Autofokus, der für ein schnelles Scharfstellen sorgt. Unterhalb des einzelnen LED-Fotolichts ist der neue Color-Spectrum-Sensor eingebaut; dieser soll die RGB-Werte des Umgebungslichts und das reflektierende Infrarotlicht messen und darauf basierend den Weißabgleich und die Farbe des Blitzes anpassen. Das Resultat sollen Bilder mit realistischeren Farben sein.
Aufnahmen im Dunkeln sind kein Problem
Uns gefällt die Abbildungsleistung der Kamera sehr gut. In dunklen Umgebungen spielt die große Anfangsblende in Verbindung mit dem optischen Bildstabilisator ihre Stärke aus: Selbst Bilder auf einem nur von Kerzenschein erhellten Balkon sind erstaunlich rauscharm und scharf. Tageslichtaufnahmen sind gut belichtet, der automatische Weißabgleich wird tatsächlich sehr zuverlässig eingestellt: Die Farben unserer Testbilder wirken äußerst natürlich.














Dies zeigt sich besonders im Vergleich mit anderen aktuellen Topsmartphones: So wirken Tageslichtaufnahmen des iPhone 6 verglichen mit denen des G4 deutlich kälter und unnatürlicher. Auch bei der Schärfe übertrifft die Kamera des G4 die des iPhone 6. Bei starker Vergrößerung wirken die Fotos des iPhones im direkten Vergleich überraschend unscharf. Die Details bei starker Vergrößerung wirken bei beiden Smartphones gleichermaßen undeutlich, verglichen mit anderen Geräten wie etwa den Xperia-Modellen von Sony allerdings deutlich weniger verwaschen.
Die Rückseite des G4 wird neben der Kamera und den verschiedenen Sensoren wieder vom Einschaltknopf und der Lautstärkewippe dominiert. Wir können uns mit dem rückseitig angebrachten Schalter immer noch nicht so recht anfreunden, was allerdings Geschmacks- und Gewohnheitssache ist. Alternativ können Nutzer das G4 auch wieder durch einen Doppeltipp auf das Display aus dem Standby-Betrieb wecken.
Gut verarbeitetes Leder-Cover
Aufsehen erregt die Rückseite des G4 zudem, wenn sich der Nutzer für die etwas teurere Variante mit Leder-Cover entscheidet. Anders als etwa Samsung verwendet LG echtes Leder, die Lederrückseite lässt sich aber anders als bei Mororola abnehmen. Dann entpuppt sie sich als dünn mit Leder überzogene Kunststoffschale, in deren Mitte von innen der NFC-Chip montiert ist. Das Leder ist äußerst sorgfältig auf das Kunststoff-Cover aufgezogen und leicht nach innen umgeschlagen - dadurch ist von außen keine Kante erkennbar. Die Naht in der Mitte ist eine reine Ziernaht.
Die Lederrückseite des G4 fühlt sich sehr gut an und sieht sehr edel aus. Das Leder dürfte im Laufe der Zeit eine Patina bekommen, was der Rückseite einen individuellen Charakter verleiht. Wem das nicht gefällt, der kann sich einfach ein neues Cover kaufen. Als Lederoptionen stehen braunes oder rotes glattes Leder und schwarzes, stärker gemustertes Leder zur Verfügung. Die in Südkorea erhältlichen Farben Gelb und Hellblau sind in Deutschland nicht verfügbar. Wer sich das G4 mit Leder-Cover kauft, erhält auch ein metallisch aussehendes Kunststoff-Cover mit dazu.
Akku hält mindestens einen Tag lang durch
Der wechselbare Akku des G4 hat eine Nennladung von 3.000 mAh. In unserem Videotest konnte LGs neues Smartphone ein Full-HD-Video bei voller Bildschirmhelligkeit 5,5 Stunden lang abspielen - das ist ein eher mittelmäßiger Wert. Allerdings sollte dabei bedacht werden, dass das Display eine sehr hohe Auflösung und eine sehr hohe Helligkeit hat. Im alltäglichen Betrieb kommen wir mit dem G4 anderthalb Tage lang aus, ohne den Akku laden zu müssen.
Ausgeliefert wird das G4 mit Android in der Version 5.1. Darüber installiert LG seine eigene Benutzeroberfläche. Diese an das Material Design angepasste Oberfläche hat LG nochmals verbessert, wenngleich in eher kleinen Details wie verschiedenen Pop-up-Menüs, etwa das, wenn man das Smartphone ausschalten will. In unseren Tests läuft das System ruckelfrei. LG hat beim G4 Funktionen früherer Versionen seiner Benutzeroberfläche übernommen, etwa die kleinen, als verschiebbare Fenster nutzbaren Apps. Neu ist hingegen eine Schnellaufnahmefunktion, mit der Fotos direkt aus dem Standby-Betrieb geschossen werden können. Das geschieht im Zeitraum von schätzungsweise ein bis zwei Sekunden.
Verfügbarkeit und Fazit
Das LG G4 ist im Onlinehandel aktuell für knapp unter 650 Euro vorbestellbar - in der Version mit weißem, silbernem oder goldenem Kunststoff-Cover. Wer das G4 mit Lederrückseite haben will, muss mindestens 680 Euro zahlen: Dafür gibt es die Version in Rot oder Schwarz. Das Modell mit braunem Leder-Cover kostet noch einmal 15 Euro mehr. Erhältlich soll das G4 ab dem 1, Juni 2015 sein.














Fazit
Mit dem G4 ist LG ein sehr gutes Smartphone gelungen. Das liegt vor allem am Prozessor, der eine schnelle Bedienung ermöglicht, und der guten Kamera. Deren neuer Color-Spectrum-Sensor verbessert die Farben bei den Fotos unseren Tests zufolge tatsächlich.
Die Kamera ist auch von der Bildqualität her eine der großen Stärken des G4. Nicht nur Tageslichtaufnahmen sind scharf und gut belichtet, dank der großen Anfangsblende gelingen uns auch Aufnahmen in dunkleren Umgebungen sehr gut. Die Kamera gehört im Vergleich zu denen anderer Topsmartphones zu den besten.
Dass LG statt des Snapdragon 810 den auf dem Papier schwächer ausgestatteten Snapdragon 808 einbaut, ist eher ein Vorteil als ein Nachteil: Im kalten Zustand liegen die beiden SoCs im Geräte-Benchmark nicht weit voneinander, im Grafik-Benchmark sind die Unterschiede etwas deutlicher. Bedenkt man aber, dass der Snapdragon 810 nach 15 Minuten eine deutlich schwächere Leistung bietet als der 808er, stellt sich die Frage, wieso Hersteller überhaupt den 810er in ihre Geräte einbauen.
Vom Design her bleibt LG dem Aussehen des Vorgängers G3 treu, die austauschbaren Leder-Cover sind allerdings neu und sehen edel aus. Praktischerweise können Nutzer weiterhin die Rückseite entfernen und den Akku wechseln sowie eine Speicherkarte einsetzen - zwei für viele Nutzer wichtige Optionen, die etwa Samsung mit seinen neuen Galaxy-S6-Geräten abgeschafft hat.
Bei der Akkulaufzeit erzielt das G4 einen befriedigenden Wert, der der hohen Auflösung und der Helligkeit des Displays geschuldet ist. Im Alltag kommen wir mit dem G4 gut über einen Tag hinaus zurecht.
Preislich liegt das G4 aktuell noch über der Konkurrenz von Samsung oder HTC - das Smartphone ist allerdings auch neuer und wird in den kommenden Wochen sicherlich noch im Preis sinken. Wer mit dem Gedanken spielt, sich ein neues Android-Smartphone im Topbereich zu besorgen, kommt am neuen G4 nicht vorbei.



