Lenovo Yoga Book im Test: Wenn doch nur der Stift besser wäre!

Lenovo wagt sich immer wieder mit auf den ersten Blick ungewöhnlichen Produkten auf den Markt: Dieses Mal ist es das auf der Messe Ifa 2016 vorgestellte Yoga Book, ein Convertible ganz ohne klassische Tastatur. Stattdessen hat das Gerät eine große Touch-Fläche, die auch als Tastaturersatz genutzt werden kann, vor allem aber Stifteingaben durch Papier hindurch ermöglicht. Wer viel zeichnet oder oft handschriftliche Notizen verfasst, kann diese ganz einfach digitalisieren. Das klingt besonders für Studenten attraktiv: Statt mit Stift, Papier und Notebook, saß ich in den vergangenen vier Monaten nur mit dem Yoga Book im Vorlesungssaal und habe im Praxistest über so manche nervige Kleinigkeit geflucht.

Bereits beim Auspacken fällt mir der große Vorteil eines Convertibles ohne physische Tastatur auf: Es kann sehr flach und leicht gebaut werden. Das Yoga Book ist gerade einmal 10 mm dick und wiegt nur 690 Gramm – perfekt für unterwegs und deutlich leichter und schlanker als ein klassisches Convertible. Das Gehäuse aus einer Magnesium- und Aluminiumlegierung ist sehr gut verarbeitet und das silberne Gliederscharnier, das auch bei vielen anderen Yoga-Geräten zum Einsatz kommt, funktioniert einwandfrei und sieht auch gut aus.
Mitgeliefert werden neben einem USB-Netzteil zum Laden auch ein magnetischer Block mit 20 Seiten Papier, der auf die große Touch-Fläche des Convertibles gelegt werden kann und ein Eingabestift mit verschiedenen Minen. Je nachdem, ob direkt auf der Touch-Oberfläche oder auf einem Blatt Papier geschrieben wird, müssen eine Kunststoffmine oder eine Kugelschreibermine in den Stift eingesetzt werden. Der Wechsel stellt sich als sehr nervig heraus, dazu aber später mehr. Für den Stift hat Lenovo leider nicht an eine Halterung am Convertible gedacht, auch magnetisch kann er nicht an das Gerät geheftet werden.
Das 10,1 Zoll große IPS-Display löst mit 1.920 x 1.200 Pixeln auf, was einer Pixeldichte von 218 ppi entspricht. Einzelne Pixel sind bei normalem Arbeitsabstand nicht auszumachen, nur wer wirklich nah am Display ist, kann sie erkennen. Mit einer durchschnittlichen maximalen Helligkeit von 370 cd/m2 ist der Bildschirm ausreichend hell. Er spiegelt aber bei hellem Umgebungslicht sichtbar, bei Sonneneinstrahlung ist nur wenig vom Inhalt zu erkennen.
Die eMMC ist langsamer als eine HDD
Lenovo hat das Yoga Book mit zwei Kameras ausgestattet: einer 2-Megapixel-Frontkamera für Videotelefonie und einer Hauptkamera mit 8 Megapixeln, die am oberen Rand der Touch-Oberfläche platziert ist. Letztere bietet eine ordentliche Qualität, um auch mal ein Tafelbild abzufotografieren.













Um das Convertible mit einem Monitor oder Projektor zu verbinden, ist ein Micro-HDMI-Ausgang vorhanden. Ansonsten hat das Yoga Book noch eine Kopfhörerbuchse und einen Micro-USB-Anschluss, der aber nur per USB 2.0 angebunden ist. WLAN funkt das Gerät nach 802.11 a/b/g/n/ac und unterstützt Bluetooth 4.1. Eine Variante mit LTE-Modem bietet Lenovo ebenfalls an.
Im Inneren des Geräts arbeitet ein Intel-Cherry-Trail-Prozessor, dessen vier Kerne mit 2,4 GHz takten. Für die meisten Office-Anwendungen reicht der Atom X5-Z8550 gut aus, nur Bilder und Videos sollten nicht bearbeitet werden, da spätestens dann die Leistung kaum reicht.
Immerhin verfügt das Convertible über 4 GByte Arbeitsspeicher, so können ruhig auch ein paar Tabs mehr im Browser geöffnet sein. Der interne Speicher ist 64 GByte groß, von dem der Nutzer tatsächlich 52 GByte frei nutzen kann. Doch ist die eMMC leider sehr langsam. Mit 120 MByte/s im sequentiellen Lesen und nur 33 MByte/s im sequentiellen Schreiben ist selbst eine HDD teilweise schneller.
Der Akku hat eine Leistung von 32 Wh und ist in 3 Stunden komplett aufgeladen. Er hält dann auch einen kompletten Tag an der Uni, gut acht Stunden lang konnte ich surfen, Notizen verfassen, Texte tippen und Musik streamen.
38 Vorlesungen und 52 Seminare später
Im Unialltag ist das Yoga Book ein tolles Gerät: Endlich kann ich Notizen unkompliziert digitalisieren, auch wenn ich auf Papier schreiben möchte. Zwar könnte man schon lange einfach mit einem Eingabestift auf dem Display mitschreiben, wenn die Professorin etwas Interessantes sagt, doch konnte das Schreibgefühl bisher nie mit dem vom Papier mithalten.
Mit entsprechenden Notiz-Apps wie Microsofts OneNote, die auch Handschrifterkennung unterstützt, lassen sich die verfassten Textschnipsel einfach kopieren und durchsuchen. Wer schon einmal am Ende des Semesters in seiner Zettelsammlung nach einer bestimmten Information gesucht hat, wird diese Funktion zu schätzen wissen.













Und wer gerade keine Lust hat, handschriftlich mitzuschreiben, kann einfach per Knopfdruck aus der Touch-Oberfläche eine beleuchtete Tastatur machen. Das Tippen darauf ist vor allem in den ersten Wochen gewöhnungsbedürftig, immerhin geben die Tasten kein richtiges Feedback. Zwar gibt die Touch-Einheit bei Berührungen Vibrationsfeedback ab, doch lässt sich dieses auf der Fläche nicht orten. Vor allem ist das Feedback sehr laut, wenn das Yoga Book auf einem Tisch steht. So passiert es auch, das die Kommilitonen mich in der Bibliothek anschnauzen und bitten "die scheiß Vibration auszumachen" . Diese lässt sich glücklicherweise in den Einstellungen deaktivieren.
Im Vergleich zu einer Bildschirmtastatur ist die Lösung beim Yoga Book durch die leicht angeraute Oberfläche der Touch-Einheit angenehmer. Auch die Hintergrundbeleuchtung ist gut umgesetzt: Sie ist hell, blendet aber im Dunkeln nicht unangenehm. Längere Hausarbeiten oder gar eine Abschlussarbeit werden aber die wenigsten auf dem Yoga Book tippen, längere Texte zu schreiben, macht auf dem Yoga Book keinen Spaß.
Die Touch-Oberfläche ist leider kratzempfindlich: Nach rund fünf Wochen sind die ersten kleinen Kratzer drin. Wer das Yoga Book nicht immer in einer Schutzhülle transportiert und beim Zuklappen nicht immer kontrolliert, ob nicht vielleicht Krümel auf der Oberfläche sind, wird recht schnell kleine Kratzer haben, die zwar blöd aussehen, die Funktion aber nicht beeinträchtigen.
Die verschiedenen Minen nerven
Der Stift beginnt mich im Unialltag schnell zu nerven: Da für das Schreiben auf dem Papier und dem Zeichnen auf der Touch-Oberfläche oder dem Display verschiedene Minen benötigt werden, muss ich diese ständig wechseln. Wenn ich gerade in meinem Notizblock mitgeschrieben habe und in der Präsentation des Professors etwas anstreichen will, muss ich die Mine wechseln.
Android oder Windows?
Und vor allem muss ich ständig darauf achten, sie nicht zu verlieren. Weder im Stift noch am Tablet gibt es eine Aufbewahrungsmöglichkeit. Da Lenovo nur eine Kunststoffspitze mitliefert, sollte auf diese besonders achtgegeben werden. Von den Spitzen mit Tinte liegen immerhin drei Stück dem Tablet bei, jede soll laut Lenovo zwei bis drei Kilometer zurücklegen können. Sollten sie leer sein, können sie im 3er-Paket für 15 Euro nachbestellt werden – nicht gerade ein studentenfreundlicher Preis.













Von den nervigen Minenwechseln abgesehen, ist die Eingabe mit dem Stift toll. Er liegt gut in der Hand und wird zuverlässig erkannt, Lenovo setzt auf Wacoms Feel-IT-Technologie. Insgesamt 2.048 Druckstufen werden erkannt, das funktioniert ohne Probleme.
Wie eingangs schon erwähnt, liefert Lenovo auch einen magnetischen Block mit, der an der Touch-Oberfläche fixiert werden kann. Unverständlich ist, dass nicht auf ein klassisches DIN-Format gesetzt wurde. So sind DIN-A5-Blätter zu klein und DIN-A4-Papier viel zu groß. Das ist ein wenig nervig, zumal Lenovo passendes Papier sehr teuer verkauft: 75 Seiten kosten 10 Euro.
Zwei Betriebssysteme zur Wahl
Das Yoga Book verkauft Lenovo mit Windows 10 oder Android 6.0 als Betriebssystem. Für welche Variante man sich entscheidet, ist letztendlich eine Frage des Geschmacks. Bei der Leistung und Akkulaufzeit unterscheiden sich die beiden Varianten nicht. Und auch die wichtigsten Office-Anwendungen und Notiz- und Zeichen-Apps gibt es für beide Betriebssysteme.
Um die Produktivität zu verbessern, unterstützt Lenovos Android-Launcher Apps im Fenstermodus. So kann neben einem Zeichenprogramm auch der Browser geöffnet sein. Das funktioniert gut und ruckelt auch nicht.
Verfügbarkeit und Fazit
Das Lenovo Yoga Book mit 64 GByte Speicher und Android als Betriebssystem kostet rund 450 Euro, das mit Windows als Betriebssystem rund 550 Euro. Wer jeweils die Variante mit LTE-Modem haben möchte, muss 100 Euro mehr bezahlen.













Fazit
Kann man bei einem Convertible einfach mal die physische Tastatur weglassen? Lenovo hat es sich getraut und mit dem Yoga Book gezeigt, dass es gut geht. Das Gerät ist sehr dünn und leicht – perfekt für unterwegs. Und ganz weg ist die Tastatur ja auch nicht. Immerhin wird bei eingeschalteter Beleuchtung ein Tastenfeld auf der großen Touch-Fläche des Geräts angezeigt. Auf diesem tippt es sich überraschend gut, doch ist das laute Vibrations-Feedback den Menschen um mich herum schnell auf die Nerven gegangen.
Deswegen bietet es sich eher an, vor allem kurze Texte einfach handschriftlich zu verfassen; das klappt mit dem Yoga Book sehr gut. Nur ist ein wenig unverständlich, warum sich Lenovo beim Papierblock nicht nach den DIN-Normen gerichtet hat. Wer wirklich passgenaues Papier haben möchte, muss dieses überteuert bei Lenovo kaufen.
Beim Stift sollte Lenovo noch einmal nachbessern: Wer auf Papier schreiben will, gleichzeitig aber auch mit dem Stift auf dem Display Dinge markieren möchte, muss umständlich die Minen wechseln. Das nervt einfach, weswegen Lenovo eine andere Lösung finden sollte.
An der Leistung gibt es wenig zu meckern – man erwartet von einem solch kleinen Convertible auch nicht, dass darauf gespielt werden kann. Einzig die eMMC ist einfach zu langsam, was vor allem beim Kopieren von Dateien auffällt. Der Akku ist gut, einen knappen Tag lang hält das Convertible bei mittlerer Helligkeit.
Lenovo hat mit dem Yoga Book eine gewagte Idee gut umgesetzt und so ein Convertible mit interessanten Eingabemethoden auf den Markt gebracht. Und hierin liegt auch der Knackpunkt: Nur wer wirklich oft per Stifteingabe Notizen und Zeichnungen digital anfertigen will, sollte zum Yoga Book greifen. Besonders Studenten werden das Gerät zu schätzen wissen. Auch wenn der Will-haben-Faktor groß ist, sollten alle anderen zu einem richtigen Tablet oder einem Notebook mit echten Tasten greifen.



