Lenovo Legion Glasses im Test: Die Videobrille für zwischendurch

Videobrillen sind spätestens seit Sonys futuristischen Glasstrons in den 1990er Jahren eine Produktkategorie, die viel verspricht, aber selten langfristig überzeugt. Leider machen Lenovos Legion Glasses aus unserer Sicht da keine Ausnahme.
In einer Zeit, in der VR-Brillen günstig und breit verfügbar sind, müssten Videobrillen schon mit ziemlich hoher Bildqualität oder speziellen Funktionen punkten, um noch Käuferschaft anzulocken.
Zumindest in einem Punkt macht Lenovos Brille alles richtig, aber dazu gleich mehr. Zunächst ein Blick auf die Spezifikationen.
Mit 60 Bildern pro Sekunde stellen die kleinen OLED-Displays ein helles Bild in 1080p dar. Durch die verbauten kleinen Lautsprecher wird der Ton gut hörbar übertragen - lässt allerdings prinzipbedingt Bässe vermissen.
Eine Verzögerung können wir nicht feststellen, die Brille eignet sich also für den Filmgenuss ebenso wie für Gaming. Mit knapp unter 100 Gramm ist sie angenehm leicht. Praktischerweise sind die geschwärzten Gläser nicht vollkommen undurchsichtig, was uns ermöglicht, die Umgebung weiterhin wahrzunehmen.
Die mitgelieferten drei Aufsätze für die Nase sind passabel, aber es brauchte einige Anläufe, bis wir den besten gefunden und zurechtgebogen hatten. Die Bügel sind im hinteren Bereich flexibel und lassen sich an die Kopfform anpassen. Ebenfalls im Lieferumfang: eine robuste Tragebox, ein Gestell für Linsen mit Sehstärke und ein Reinigungstuch.
Der wohl größte Pluspunkt der Legion Glasses ist die sofortige Verwendbarkeit mit modernen Smartphones und Tablets. Einfach den USB-C-Stecker einstöpseln und los geht es. Wir konnten sie mit Android- und iOS-Geräten verwenden. Lediglich ein älteres, preiswertes Tablet von Honor gab kein Bild aus. Eine sehr grobe Übersicht über die Kompatibilität gibt die Anleitung der Brille. Vorraussetzung ist ein USB-C-Anschluss mit Displayport-Unterstützung.
Die vier Knöpfe an den Brillenbügeln regulieren Helligkeit und Lautstärke. Ein Modus mit verringerten Blau-Anteilen lässt sich darüber ebenfalls aktivieren.
Im entscheidenden Punkt enttäuschten uns die Legion Glasses jedoch.
Die Abbildungsqualität reicht nicht fürs Arbeiten
Die Bildqualität ist bestenfalls annehmbar. Dabei spielt der korrekte Sitz der Brille eine wichtige Rolle. In der Anleitung(öffnet im neuen Fenster) ist auf vier Seiten beschrieben, welche Probleme auftreten können und wie sie sich beheben lassen. Allerdings konnten wir in keinem Szenario ein bis an alle Ränder scharfes, aberrationsfreies Bild erreichen.
Das mag auch daran liegen, dass sich die Linsen nicht verschieben lassen - so ist das Bewegen der kompletten Brille die einzige Möglichkeit, den Augenabstand zu justieren. Dabei kommt es dann aber zu Einbußen beim Tragekomfort.
Für Gaming und Youtube passabel
Das Bild ist mitnichten furchtbar, für Filme und die meisten Spiele sollte es komplett ausreichen. Wir hatten uns allerdings erhofft, dass wir mit der Brille unterwegs auch arbeiten könnten. So war unsere Idee, auf dem Flughafen ungestört zu schreiben oder gar ein Video zu schneiden.
Das stellte sich schnell als Wunschtraum heraus, denn die Unschärfen und Farbverfälschungen nervten uns zu sehr. Sie betreffen zwar nur ungefähr zehn Prozent des Bildes, aber wenn sich dort wichtige Inhalte befinden, hilft das auch nichts.






Unsere Strategie ist dann, das Bild vom Rechner nur im Format 4:3 statt nativ 16:9 ausgeben zu lassen. So nutzt man zwar nicht das gesamte Sichtfeld, hat aber im Zentrum eine knackscharfe Darstellung.
Leider kranken die Legion Glasses noch an einigen weiteren Einschränkungen: So gibt es keinen 3D-Modus und auch keine Möglichkeit, einfach ein HDMI-Signal einzuspeisen. Beides ließe sich sicherlich lösen, wenn Lenovo einen Nachfolger auf den Markt bringt.
Alternativ wäre eine kleine Box mit Eingang für HDMI und Stromversorgung denkbar. Die 3D-Funktionalität könnte vielleicht sogar per Firmware nachgereicht werden. Weil die Brille keine eigene Stromversorgung besitzt, zieht sie natürlich am Akku des Smartphones oder Rechners. Bei voller Helligkeit sind das rund 1.000 mA.
Headtracking und Augmented-Reality-Funktionen gibt es nicht, wenngleich andere Geräte im gleichen Preissegment das bereits umsetzen. Exemplarisch seien hier die Geräte von Viture(öffnet im neuen Fenster) und Xreal(öffnet im neuen Fenster) genannt.
Verfügbarkeit und Fazit
Verfügbarkeit
Die Legion Glasses sind beim Hersteller(öffnet im neuen Fenster) für 500 Euro erhältlich.
Fazit
Wir sind nach einigen Wochen mit den Legion Glasses noch immer davon überzeugt, dass Videobrillen eine Daseinsberechtigung haben - vorausgesetzt, sie passen zum geplanten Einsatzzweck. Insofern trifft das wohl auch auf Lenovos Gerät zu.
Wer mit den genannten Einschränkungen leben kann und die Glasses lediglich ab und zu unterwegs oder im Hotelzimmer als Ersatz für einen entsetzlich kleinen LCD-Bildschirm mit zwölf spanischsprachigen Fernsehprogrammen in SD nutzen möchte, wird die Brille mögen.
Als Erweiterung des Smartphone-Bildschirms oder als Zubehör für das Steamdeck oder Lenovos Handheld Legion Go ist die Brille ziemlich gut geeignet. Ihr Plug-and-Play-Ansatz gefällt uns ebenso wie die gute Verarbeitung und das geringe Gewicht. Der Verzicht auf smarte Funktionen und damit auch auf einen eigenen Akku ist in unseren Augen ein Pluspunkt.
Wer sich, wie wir, allerdings auch mit der Idee trägt, produktiv damit tätig zu werden, sollte sich anderweitig umsehen - oder auf die kommenden Iterationen der Produktkategorie warten.
Wir fanden die optische Qualität bei voller Auflösung nicht ausreichend, um Desktop-Applikationen frustfrei zu nutzten. Mit dem Vision-Pro -Headset von Apple könnte demnächst ein Innovationstreiber auf den Markt kommen. Vielleicht verhilft das den Videobrillen zu einem neuen Schub und das Versprechen, das die Glasstrons in den 90er Jahren einst machten, wird endlich eingelöst.



