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Lebensmittel-Lieferservices: Für Berufstätige auf dem Lande oft "praktisch nicht nutzbar"

Die Verbraucherzentralen Berlin und Brandenburg haben Lebensmittelbringdienste getestet. Ihr Resümee: Online Essen und Trinken zu bestellen, "ist insbesondere für Menschen außerhalb der Großstadt noch keine alltagstaugliche Alternative."
/ Stefan Krempl
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Den Gang in den Supermarkt wollen Lebensmittellieferdienste ersparen. (Bild: Andreas Rentz/Getty Images)
Den Gang in den Supermarkt wollen Lebensmittellieferdienste ersparen. Bild: Andreas Rentz/Getty Images

Vor allem Bewohner höherer Etagen ohne Aufzug dürften bereits damit geliebäugelt haben, Lebensmittel online zu bestellen und sich die Treppen hinauf liefern zu lassen. Eine wachsende Zahl von Onlineanbietern preist einen praktischen, schnellen und stressfreien Einkauf für Waren des täglichen Bedarfs an, was den Kunden den Gang zum Supermarkt ersparen könnte. Die Verbraucherzentralen Berlin und Brandenburg haben im Sommer die Probe aufs Exempel gemacht und mit elf Single-Testhaushalten die Warenkörbe im Web gefüllt. Ihren darauf basierenden Marktcheck Online-Lebensmittelhandel(öffnet im neuen Fenster) haben sie jetzt mit gemischten Ergebnissen veröffentlicht.

Untersucht haben die Verbraucherzentralen mit ihren Probanden die überregionalen Anbieter Allyouneedfresh(öffnet im neuen Fenster) und Mytime(öffnet im neuen Fenster) sowie lokale Edeka-Händler, die direkt oder über ein spezielles Onlineportal(öffnet im neuen Fenster) erreichbar sind. Andere Supermarktketten wie Rewe, die in Berlin mit einem Bringdienst werben, bieten eine Lieferung in den Speckgürtel nur sehr begrenzt oder gar nicht an. Zusätzlich führten in einem reduzierten Durchlauf jeweils eine Person in Berlin und in Brandenburg einen Einkauf bei dem zum Testzeitpunkt neu gestarteten Anbieter Amazon Fresh(öffnet im neuen Fenster) durch, wofür ein Abo und zusätzlich eine kostenpflichtige Prime-Mitgliedschaft erforderlich sind.

Sehr viel Verpackungsmüll auf dem Land

Ihren Warenkorb füllten die Tester standardisiert mit jeweils 26 verschiedenen Lebensmitteln. Es ging dabei um eine typische Mischung aus gekühlter, tiefgekühlter und länger haltbarer Kost. Dabei waren etwa Tomaten, Salat, Milch, Eier, frisches Schweinefleisch, frischer beziehungsweise tiefgekühlter Fisch sowie eingefrorene Erbsen und Himbeeren. Ob es Mengenbeschränkungen gibt, konnte bei dem gewählten Ansatz nicht geprüft werden. Teils ist es bei Online-Supermärkten so, dass sich nur eine begrenzte Anzahl etwa an Milchpackungen ordern lässt.

Amazon Fresh Pickup (Herstellervideo)
Amazon Fresh Pickup (Herstellervideo) (01:11)

Bei der Zustellung offenbarten sich gravierende Unterschiede zwischen der Hauptstadt und dem Umland. Während die Onlineshopper in Berlin und Potsdam spezielle Direktlieferungen auswählen konnten, stand den Testern im ländlichen Raum Brandenburgs nur der Paketservice zur Verfügung. Das bedeute zum Teil "sehr große Mengen an Verpackungsmüll" inklusive Kartons, Styroporboxen oder Kühltaschen, die man selbst entsorgen oder mit Porto versehen zurückschicken müsse, halten die Verbraucherschützer fest. Die betreffenden Konditionen der einzelnen Anbieter sind auf der nächsten Seite nachzulesen.

Warten auf den Paketdienst

Weiteres Manko sind den Prüfern zufolge teils "lange Lieferzeitfenster von zehn Stunden, in denen jemand zu Hause auf den Paketdienst warten muss" . Da Allyouneedfresh gefrorene, gekühlte und länger haltbare Produkte im Test in zwei einzelnen Lieferungen verschickte, sollten die Einkäufer für die Annahme einer Bestellung sogar an mehreren Tagen zu Hause sein. Annett Reinke von der Verbraucherzentrale Brandenburg vergibt dafür schlechte Noten: "Für Berufstätige ist dieser Service praktisch nicht nutzbar." Edeka informierte zudem vorab nicht über aktuell nicht lieferbare Artikel, so dass die Verbraucher dies erst an der Haustür erfuhren.

Die Qualität und der Zustand der direkt gelieferten oder zugeschickten Lebensmittel und Getränke waren den Probanden zufolge überwiegend gut. Abstriche mussten sie aber teils bei der Qualität von Obst und Gemüse machen, das im Paket nur lose zwischen anderen Lebensmitteln verstaut war. In einem Fall war der fünf Tage verspätet angelieferte "frische" Fisch laut dem Bericht nicht mehr guten Gewissens zum Verzehr geeignet, da das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten war. Auch sei die Kühlkette nicht in jedem Fall eingehalten worden, einmal habe die Temperatur der Lebensmittel statt -18 Grad 2 Grad über dem Gefrierpunkt betragen. Die großen überregionalen Anbieter hätten hier weniger Schwachstellen gezeigt als lokale.

Vorschriftsgemäß vollständig gekennzeichnet war die Ware nur in den Onlineshops von Allyouneedfresh, Mytime und Amazon Fresh. Die Produktbeschreibungen bei der Alternative von Edeka böten dem Kunden dagegen nur "sehr wenig Informationen" , kritisieren die Verbraucherschützer. So fehlten etwa die Zutatenliste, die Angabe von Allergenen und die Nährwertkennzeichnung, was nicht den Vorgaben der Lebensmittelinformationsverordnung entspreche.

"Die Preise der Lebensmittel waren ungefähr vergleichbar, da gab es keine großen Unterschiede zwischen den Anbietern" , erklärte Jessica Fischer, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Berlin, dem rbb(öffnet im neuen Fenster) . Auch sind die Produkte in der Regel nicht teurer als im Supermarkt. Ein Testkäufer vermisste im Netz aber die im Laden vor Ort verfügbare Artikelbandbreite. Er sagte dem Sender: "Es wird durch die Bank weg nur teure Markenware angeboten. Wenn ich in den Supermarkt gehe, habe ich meine No-Name-Produkte."

Verbraucher sollen sich vorher gut informieren

Die Verbraucherschützer untersuchten auch, ob die Verträge und Geschäftsbedingungen sowie das Widerrufsrecht der Online-Angebote gesetzesgemäß ausgestaltet waren. Vor allem beim Letzteren gäben sich die Dienstleister recht bedeckt und zitierten meist nur die allernötigsten Klauseln, kritisieren die Experten. Besser sei es, konkrete Produkte oder Artikelgruppen zu nennen, bei denen kein Widerrufsrecht besteht.

Auf eine Besonderheit stießen die beiden Einrichtungen bei den ausgewählten Edeka-Händlern: Bei diesen werde der Vertrag erst an der Haustür geschlossen, so dass online keine Widerrufsbelehrung zu finden sei. Eine Servicepauschale müsse der Verbraucher aber auch dann zahlen, wenn er sich in letzter Sekunde gegen den Kauf entscheidet. Dass diese Gebühr fällig werde, sei beim Bestellprozess für den Kunden nicht erkennbar gewesen. Deshalb habe die Verbraucherzentrale Berlin einen lokalen Edeka-Händler mit Erfolg abgemahnt, so dass dieser die Kostenpflicht nun kennzeichnen werde.

Insgesamt lautet das Fazit der Verbraucherschützer, dass die Bringdienste "für Menschen außerhalb der Großstadt noch keine alltagstaugliche Alternative" darstellten. Bedauerlich sei, dass der Lieferservice gerade in der Fläche noch Lücken und Schwächen habe, obwohl die Ladendichte dort deutlich niedriger sei und ein einschlägiges Angebot auf größere Nachfrage treffen könnte. Wer in gut versorgten Liefergebieten wohne, könne aber von einem guten Service mit hochwertigen Produkten profitieren. Experimentierwilligen empfehlen die Institutionen, vor einer Bestellung verschiedene Anbieter zu vergleichen und dabei vor allem auf die Zeitfenster, die Art der Zustellung und Verpackung sowie die Lieferkosten und mögliche Zusatzgebühren zu achten. Wir geben im Folgenden eine Übersicht.

Die Konditionen der Lieferdienste im Überblick

Amazon Fresh können nur Prime-Kunden nutzen. Der Jahresbeitrag für den Premium-Dienst an sich beläuft sich zurzeit auf 69 Euro pro Jahr. Für den Lebensmitteldienst erhebt der Onlinegroßhändler eine zusätzliche Pauschale von 9,99 Euro pro Monat, lediglich ein Probemonat ist kostenfrei. Amazon Fresh ist bisher nur in wenigen Regionen wie den Großstädten Berlin und Hamburg verfügbar. Versandkosten fallen ab einem Bestellwert von 40 Euro nicht mehr an, andernfalls schlagen sie mit 5,99 Euro zu Buche.

Die Lieferung erfolgte beim dem Test durch DHL. Der Aufwand an Verpackungsmüll war vergleichsweise gering. Zur Kühlung kamen vier recycle- oder wiederverwendbare Akkus zum Einsatz. Bei erneuter Bestellung lassen sich Pfandflaschen dem Lieferdienstmitarbeiter in die Hand drücken, sonst im Einzelhandel zurückgeben.

Lieferung bei Allyouneedfresh ab 40 Euro kostenlos

Bei Allyouneedfresh ist ab 85 Euro Bestellwert (ohne Pfand) die Lieferung kostenlos, bei geringerem Einkaufswert sind zwischen 3,90 und 6,90 Euro Versandkosten zu entrichten. Der Mindestbestellwert beträgt 40 Euro. Für Frischeverpackungen wird im Standardservice ohne Kurier eine Pauschale in Höhe von 4,90 Euro berechnet, für Tiefkühlverpackungen kommt 1,50 Euro drauf. Nach Angaben des Anbieters können über 30 Millionen Haushalte vor allem in Großstädten mit dem Lieferservice mit Mehrwegverpackungen versorgt werden, bei dem etwa Leergut mit Pfandflaschen bei einer erneuten Bestellung oder Kartons und anderer Müll sofort zurückgegeben werden können. Bei der Standardzustellung fällt umfangreiche Kartonage an, die aber kostenfrei mit einem online ausdruckbaren Label zurückgeschickt werden kann. Es ist auch möglich, den Verpackungsmüll dem Paketdienst bei einer weiteren Bestellung mitzugeben.

Mytime lässt Kunden auf eigene Kosten Müll zurücksenden

Mit der Warenzustellung beauftragt der Anbieter Mytime verschiedene Lieferdienste: je nach Gebiet DPD, DHL und Citipost. Die Versandkosten betragen 4,99 Euro, ab einem Einkaufswert von 100 Euro ist die Lieferung versandkostenfrei. Es gibt einen Standard- und einen Komfortversand, für Letzteren fallen noch einmal 4,99 bis 7,99 Euro an. Gekühlte und tiefgekühlte Artikel werden immer per Express innerhalb von 24 Stunden geliefert und es wird zusätzlich die sogenannte Frischegarantie in Höhe von 4,90 Euro berechnet.

Die Styroporboxen und der übrige Verpackungsmüll können nur portopflichtig an den Anbieter zurückgesandt werden. Bei Pfandflaschen ist alternativ eine problemlose Rückgabe im Handel möglich.

Überregional agierender Edeka-Händler aus Hamburg

Die Zustellung erfolgt bei dem überregionalen Edeka-Händler(öffnet im neuen Fenster) per UPS- oder DHL-Paketversand. Die Versandkosten richten sich nach der Art der Lebensmittel und deren Warenwert: Für kühlbedürftige Lebensmittel unter 70 Euro etwa fallen Versandkosten in Höhe von 9,95 Euro, für Trockenwaren unter 70 Euro 4,90 Euro an, über 70 Euro wird versandkostenfrei geliefert. Werden sowohl Kühl- als auch Trockenwaren bestellt, berechnet das Unternehmen 9,95 Euro für einen Warenwert unter 70 Euro. Bei einigen Produkten wie Getränkekisten wird ein Gewichtszuschlag in unterschiedlicher Höhe berechnet. Dieser ist unscheinbar am jeweiligen Produkt aufgeführt und reicht nach Recherchen der Verbraucherschützer von 1 bis 4,90 Euro.

Zur Müllrücksendung gibt es keine Infos: Die Tester ließen letztlich von einem Kauf ab, da das auf der Webseite verfügbare Angebot an Lebensmitteln zum Zeitpunkt der Bestellung auf die Lieferung von nicht kühlungspflichtigen Lebensmitteln beschränkt war und es Probleme mit dem Bezahlvorgang gab, für den bei ihnen letztlich nur eine Sofortüberweisung infrage kam. Nach drei erfolglosen Versuchen gaben die Probe-Einkäufer auf.

Berliner Lokal-Edeka-Markt Christ ist nichts für Berufstätige

Das Liefergebiet von Edeka Christ(öffnet im neuen Fenster) umfasst die 41 vom Anbieter in seinen AGB genannten Postleitzahlen im überwiegend südwestlichen Berliner Stadtgebiet. Für die Zusammenstellung und Lieferung der bestellten Lebensmittel erhebt der Anbieter eine Servicegebühr in Höhe von 5 Euro, die laut den Geschäftsbedingungen auch dann anfällt, wenn Kunden an der Tür keinen der gelieferten Artikel kaufen möchten. Ab einem Bestellwert von 100 Euro ist der Lieferdienst gebührenfrei. Der Mindestbestellwert beträgt 30 Euro (ohne Pfand).

Die Lieferung erfolgt Montag bis Freitag zwischen 14 und 19 Uhr durch einen eigenen Lieferdienst beziehungsweise durch eigenes Personal. Die Artikel werden vom Lieferpersonal auf Wunsch in die Küche oder auf einen Tisch gestellt, die Box wieder mitgenommen. Als einziges zusätzliches Verpackungsmaterial verbleibt die Plastiktüte beim Kunden, was ein sehr geringes Aufkommen von Verpackungsmüll bedeutet. Die gelieferten Pfandflaschen können problemlos im Handel gegen Erstattung zurückgegeben oder auch dem Lieferservice bei einer weiteren Bestellung mitgegeben werden.

Nachtrag vom 20. Februar 2018, 12:36 Uhr
Wir haben in dem Abschnitt zu den Konditionen von Allyouneedfresh einige Korrekturen vorgenommen.


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