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Leap Motion im Test: Mehr Wedeln als Machtgriff

Der Leap Motion Controller setzt eine gewisse Fingerfertigkeit voraus, geschickte Nutzer hat die faszinierende Gestensteuerung schnell in ihren Bann gezogen – die Software aber erweist sich im Alltag teilweise noch als unausgereift.
/ Marc Sauter
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Der Leap Motion Controller aus der Nähe (Bild: Fabian Hamacher/Golem.de)
Der Leap Motion Controller aus der Nähe Bild: Fabian Hamacher/Golem.de

Spätestens mit Kinect für Windows 8 ist Minority Report(öffnet im neuen Fenster) ein bisschen Realität geworden. Für filigrane Gesten eignet sich Microsofts Bewegungsteuerung allerdings nur bedingt – dafür gibt es Projekte wie den Überall-Touchscreen . Das Startup Leap Motion hingegen bringt mit dem Leap Motion Controller die Vision einer Steuerung im freien Raum, die auf einzelne Hand- und Fingerbewegungen reagiert.

Leap Motion Controller – Test
Leap Motion Controller – Test (03:12)

Erstmals vorgestellt wurde das Gerät im Frühling 2012 , zuvor hatten die US-Amerikaner mehrere Jahre lang unter dem Firmenname Ocuspec an der Bewegungssteuerung gearbeitet. Dank einiger Investoren hat Leap Motion bisher über 30 Millionen US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) Kapital erhalten. Nachdem der geplante Start Anfang 2013 und später im Mai verschoben werden musste, ist das Gerät seit Ende Juli erhältlich.

Die schlichte Packung erinnert leicht an ein Apple-Produkt, auch der Leap Motion Controller hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Apples Designsprache. Die Verarbeitung des Geräts ist sehr gut, kein zu großes Spaltmaß trübt das Bild. Die Steuerung selbst ist kaum größer als ein Feuerzeug, die Unterseite ist geruchsneutral gummiert. Der Aluminiumrahmen schützt das Innenleben, eine getönte und für Fingerabdrücke empfindliche Plexiglasplatte verdeckt die drei Infrarot-LEDs sowie die beiden Kameras.

Letztere ermöglichen die räumliche Erfassung von Händen und Fingern oberhalb des Gerätes. Ist eine der beiden Linsen verdeckt oder die Scheibe darüber zu dreckig, verweigert der Leap Motion Controller seinen Dienst und gibt eine Warnung aus. Angeschlossen wird das kleine Gerät mit einem von zwei USB-2.0-Kabeln, diese messen 50 respektive 150 cm. Neben einem passenden Anschluss erfordert die Installation des Controllers Windows 7 oder neuere Versionen, alternativ werden Mac OS X 10.7 oder neuere Versionen unterstützt.

Installation und Einrichtung

Ohne Internetverbindung oder vorherigen Download der Treiber lässt sich der Leap Motion Controller nur eingeschränkt respektive gar nicht nutzen. Dem Gerät liegt keine Software bei, einzig der Hinweis, unter leapmotion.com/setup(öffnet im neuen Fenster) stehe das Setup bereit, ist vorhanden. Der Link ist über die Hauptseite nicht erreichbar, wer vorab die Software bereits herunterladen möchte, muss die Adresse kennen. Ist der Controller angeschlossen und sind die Treiber (wir nutzten die zum Testzeitpunkt aktuelle Version 1.0.7+7648) installiert, startet eine Einführung, die alle Funktionen erläutert.

Der Leap Motion Controller kann theoretisch überall positioniert werden, wo er per Hand erreichbar ist. Die Idee, ihn vor der Tastatur oder zwischen dieser und dem Bildschirm zu platzieren, hat Vor- wie Nachteile: Liegt der Controller vor der Tastatur, muss die Gestensteuerung deaktiviert werden, um tippen zu können. Befindet sich das Gerät vor dem Bildschirm, ist die Nutzung der Tastatur möglich, allerdings verdecken dann die Hände Teile des Monitors. In der Praxis hat es sich bewährt, das Gerät seitlich mit etwas Abstand neben die Maus oder das Notebook zu legen.

Zum Tutorial zählen eine zwei- und eine dreidimensionale Visualisierung der Hände, wodurch der Anwender ausprobieren kann, welche Positionen Leap Motion erkennt – nämlich praktisch alle. Das Gerät ist in der Lage, einzelne Fingerglieder und deren Bewegungen ohne Verzögerung zu tracken, einzig wenn eine Verdeckung stattfindet, setzt die Erkennung aus. Die Präzision ist somit sehr hoch und die Steuerung eigentlich intuitiv, mehr dazu später.

Das Optionsmenü ist mittels eines Tray-Icos erreichbar und hat Funktionen wie eine festgelegte Höhe der Hände über dem Gerät und eine automatische Erkennung, wir empfehlen Letztere. Zulasten der Genauigkeit geht ein Modus für schwächere Computer, denn zumindest ein Ultrabook der Ivy-Bridge-Generation wie das von uns genutzte Thinkpad X1 Carbon wird gut ausgelastet – ein Kern samt SMT ist am Anschlag. An einem leistungsstarken Desktop-Rechner mit einem Core i7-3770K hingegen ist die CPU-Last sehr gering.

Simple Spiele, aber komplexe Gesten

Nach dem Tutorial muss der Nutzer ein Konto bei Airspace erstellen. Unter dieser Oberfläche vereint Leap Motion alle Apps für den Controller. Einige Apps – vor allem Spiele – sind bereits vorinstalliert, weitere stehen im Airspace-Store(öffnet im neuen Fenster) bereit. Bisher ist das Angebot im Vergleich etwa zu Google Play winzig, zum Testzeitpunkt waren es exakt 90 Apps. Die meisten sind kostenlos und eignen sich für Windows wie Mac OS X. Die Qualität schwankt stark und oft müssen zusätzliche Komponenten installiert werden. Produktive Anwendungen sind praktisch nicht vorhanden, die meisten Apps bieten gute Unterhaltung.

Kyoto beispielsweise ist ein stimmungsvolles Spiel mit märchenhafter Musik. Es gilt, Sterne zu fangen oder einen glitzernden Baum zu schütteln. Bei Boom Ball, einer Art Breakout in 3D, muss eine Kugel auf Mauersteine gestoßen werden, um diese verschwinden zu lassen. Die Steuerung funktioniert tadellos: Hebt der Nutzer die Hand, steigt ihr virtuelles Pendant oder der Schläger nach oben, senkt er die Hand, bewegen sich die Steuerungselemente nach unten.

Auch Gesten wie Greifen oder das Drehen der Handfläche, um den Winkel des Schlägers zu verändern, stellen für Leap Motion kein Problem dar. Dies erfordert allerdings etwas Übung. Leicht zu meistern ist hingegen die App der New York Times: Kreisende Fingerbewegungen im Uhrzeigersinn oder gegen diesen scrollen die News-Übersicht nach rechts oder links, ein bis zwei Sekunden mit dem Zeiger über einer Meldung zu verharren, ruft diese auf. Wer aber wie vom Smartphone oder Tablet gewohnt instinktiv wischen möchte, wird enttäuscht.

Einfingerklick und Zweifinger-Touch

Hierfür muss eine spezielle App von Leap Motion installiert werden, nämlich Touchless For Windows – oder für Mac, je nach Betriebssystem. Theoretisch funktioniert die App auch mit Windows 7. Mit Windows 8 und dessen für Touch optimierter Oberfläche klappt die Gestensteuerung jedoch viel besser. Bereits die Einführung in die Zwei-Zonen-Steuerung (eine für Bewegungen der Hände und eine für Gesten) macht klar, dass hier einige Eingewöhnungszeit eingeplant werden muss, was sich in der Praxis bestätigte.

Klicken klingt simpel, denn hierzu muss nur die Hand oder ein Finger vom Hover- in den Touch-Bereich nach vorne stoßen. Der Zeiger in Form eines Kreises verändert hierbei seine Farbe von Grau nach Grün, so ist immer erkennbar, welche Zone gerade aktiv ist. In Metro-Apps klappt das recht gut, bei kleineren Bildschirmelementen – etwa im Browser – nervt diese Art der Steuerung jedoch schnell, da der Leap Motion Controller sehr feinfühlig und auf kleinste Bewegungen empfindlich reagiert. Kaum jemand ist in der Lage, seinen Finger kerzengerade nach vorne zu bewegen, wodurch das Klicken stellenweise ausartet.

Im Basic- wie im Advanced-Modus wird Scrollen mit zwei Fingern erreicht. Diese müssen wie beim Klicken bis zum Erscheinen des grünen Signals im Kreis nach vorne geschoben und danach auf dieser Position gehalten werden, während zugleich vertikal oder horizontal gewischt wird. Manchmal klappt dies, oft aber wird ein Klick ausgelöst. Zoomen funktioniert ähnlich und meist auch erfolgreich, hierbei werden zwei Finger im Advanced-Modus auseinander geführt; mit einem klappt das logischerweise nicht.

Vom Cowboy-Duell über die Erforschung der Welt bis hin zum Tennisarm

Andere Anwendungen wie Cyber Science ermöglichen das virtuelle Erkunden eines menschlichen Schädels, klicken wird hier aber mittels Abspreizen des Daumens erreicht – es gibt also keine universellen Gesten. Somit wird die an sich intuitive Steuerung mittels des Leap Motion Controllers ad absurdum geführt, da jeder App-Entwickler seine eigenen Vorstellungen implementieren darf. Prinzipiell ist eine solche Freiheit positiv zu beurteilen, der Anwender aber ist der Leidtragende, da er sich bei jeder App die Gesten merken und sie üben muss.

Die Wahl der Bewegungen erlaubt allerdings auch die Umsetzung von Ideen wie Digit Duel, bei dem es gilt, im Saloon Flaschen abzuschießen oder sich aus der Ego-Perspektive einem anderen Revolverhelden zu stellen. Die Hand schwebt hierbei über dem Leap Motion Controller. Wenn sie sich zu einer Pistole formt, wird der Revolver gezückt und per Schütteln abgefeuert. Zwar fehlt ein Fadenkreuz, nach einigen Minuten aber wird der Spieler so treffsicher wie Old Surehand – am besten den Controller auf den Oberschenkel legen, so kommt Western-Feeling auf.

Negativ aufgefallen sind uns Cut the Rope und Roshambo. Letzteres ließ sich zwar installieren, aber weder auf unserem Notebook noch auf unserem Test-PC bekamen wir mehr als ein schwarzes Bild zu sehen. Diverse Kommentare im Airspace-Store sowie eine Bewertung von nur knapp drei von fünf Sternen bestätigen unsere Erfahrungen. Cut the Rope wiederum erfordert schnelle und präzise Bewegungen, die der Leap Motion Controller zwar beherrscht, im Spiel ist davon jedoch nichts zu sehen. Gerade die Tatsache, dass der Leap Motion Controller prinzipiell sehr exakt arbeitet, einige Apps dies aber nicht umsetzen, ist ärgerlich.

Ich dreh mir die Welt, wie sie mir gefällt

Eine der interessantesten Apps ist Google Earth, die seit der Version 7.1.1.1580 den Leap Motion Controller unterstützt und automatisch aktiviert, sofern er angeschlossen ist. Die Hand dient bei Google Earth als eine Art virtuelles Flugzeug, jegliche Bewegungen werden direkt umgesetzt. Besonders wichtig ist die Rotation der Hand selbst: Sie muss parallel zur Querachse des Leap Motion Controllers stehen, denn ist sie nach links oder rechts gedreht, so rotiert die Erdkugel in diese Richtung.

Ist diese Eigenart der Steuerung erst einmal bekannt, bereitet Google Earth sehr viel Freude: Das Kippen der Hand lässt die virtuelle Kamera im Sturzflug nach unten sinken, per Faust wird das Bild zum Stillstand gebracht. Bewegt man die Handfläche nach oben oder unten, zoomt Google Earth hinaus oder hinein. Insgesamt fühlt sich das Resultat ein wenig wie Star Wars an, die Macht wohnt sozusagen dem Leap Motion Controller inne.

Der Tennisarm lässt nicht lange auf sich warten

Gerade die Nutzung von Google Earth erfordert es, die Hand samt Arm in der Luft zu halten. Auf Dauer ist das vergleichsweise anstrengend, da die meisten Menschen dies nicht gewöhnt sind. Vor allem die ständigen Gesten mit den Fingern und der Handfläche sorgen früher oder später für ein unangenehmes Gefühl, nach einer halben Stunde mussten wir eine Pause einlegen.

Bei den meisten Apps für den Leap Motion Controller ist es allerdings möglich, den Arm auf den Ellbogen aufzustützen, wodurch dieser entlastet wird. Im Wohnzimmer bietet es sich zudem an, ein Notebook mit dem Fernseher zu verbinden und den Controller auf einen Tisch zu legen, der vor der Armlehne positioniert wird. Google Earth entfaltet so seine ganz eigene Faszination.

Verfügbarkeit und Fazit

Leap Motion verkauft den Controller über eine Unterseite(öffnet im neuen Fenster) in die meisten Länder dieser Welt. Dank CE-Prüfzeichen ist der Import der Bewegungssteuerung nach Deutschland problemlos möglich. Das Gerät samt Versand und Umsatzsteuer kostet rund 91 US-Dollar (knapp 70 Euro). Die Bezahlung erfolgt entweder per Kreditkarte oder via Paypal.

Fazit

Der Leap Motion Controller ist eine faszinierende Gestensteuerung, die schnell und präzise die Bewegungen der Hände sowie Finger erkennt. Die Hardware ist hochwertig verarbeitet und erfordert keinerlei Vorkenntnisse bei der Einrichtung. Einmal im Betrieb, ist die Steuerung bei vielen Apps intuitiv. Allerdings ist etwas Eingewöhnungszeit nötig, da der Leap Motion Controller sehr genau arbeitet, wenngleich er gelegentlich Bewegungen zu empfindlich umsetzt.

Die Bedienung reagiert so fein, dass die Steuerung im Wortsinn eine ruhige Hand erfordert. Zwar gibt es keine allgemeine Richtlinie, welche Gesten welche Funktion erfüllen, wodurch sich unterschiedliche Apps oft abweichend steuern. Dies ermöglicht den Entwicklern aber auch kreative Ideen, etwa ein Western-Duell samt Revolverziehen.

Das größte Problem des Gerätes ist das bisher nur mäßige Softwareangebot. Abseits von eher simplen Spielen und einigen wenigen pseudowissenschaftlichen Anwendungen sieht es mager aus, zumal einige der Apps die sehr genaue Steuerung nicht adäquat umsetzen. Hier wird Potenzial verschenkt. Die vermeintlich interessanteste App, Touchless for Windows oder Mac, erfordert einige Übung und funktioniert selbst unter Windows 8 mit dessen Metro-Oberfläche nur bedingt zufriedenstellend.

Google Earth mit einer Hand zu bedienen, ist hingegen die ideale Übung für angehende Jedi-Ritter, denn mit dem Leap Motion Controller haben sie die Erde sicher im Machtgriff. Allerdings gilt: "Viel zu lernen du noch hast."


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