'Der Überwachungsstaat ist außer Kontrolle'

Zeit Online: Mein Eindruck ist eher, dass nur sehr wenige Menschen heute darüber nachdenken, ihr Smartphone mal auszuschalten oder zu Hause zu lassen. Hatten Sie gehofft, mehr bewirken zu können?

Stellenmarkt
  1. Data Analyst / Data Technology Engineer (w/m/d)
    DSD - Duales System Services GmbH, Köln
  2. Frontend-Entwickler (m/w/d)
    BWS Consulting Group GmbH, Dortmund, Hannover, Wolfsburg
Detailsuche

Poitras: Eine realistischere Hoffnung wäre vielleicht, dass mehr Menschen Verschlüsselungstechnik benutzen. Die Werkzeuge dafür gibt es, auch wenn manche davon komplex sind. Aber ich denke, sie werden in Zukunft einfacher zu benutzen sein.

Zeit Online: Wir haben auf Zeit Online nach Beginn der NSA-Enthüllungen ungefähr 20 neue Kryptowerkzeuge getestet, von den Klassikern wie Mailverschlüsselung mit PGP ganz zu schweigen. Wenn ich unsere Leser heute fragen würde, wie viele sie davon nutzen, dann würden die meisten vermutlich sagen: nicht mehr als eins. Mein Eindruck ist, dass fast alle diese neuen Produkte von den immer gleichen Menschen für die immer gleichen Menschen entwickelt werden. Aber es gibt keine nennenswerte Nachfrage nach Werkzeugen, die man selbst installieren und verstehen muss.

Poitras: Manche brauchen solche Werkzeuge eher als andere, Journalisten etwa oder Menschen in bestimmten Ländern, die eine Demonstration organisieren wollen. Sie werden diese Technik deshalb als erste einsetzen. Aber ich hoffe, dass es danach auch andere tun, schon allein aus Solidarität. Je mehr verschlüsselt wird, desto besser.

Golem Karrierewelt
  1. First Response auf Security Incidents: Ein-Tages-Workshop
    14.11.2022, Virtuell
  2. Deep-Dive Kubernetes – Production Grade Deployments: virtueller Ein-Tages-Workshop
    20.09.2022, Virtuell
Weitere IT-Trainings

Zeit Online: Weil wir mehr Covertraffic brauchen? Mehr verschlüsselte Kommunikation ganz normaler Nutzer im Netz, weil sonst alles, was verschlüsselt ist, erst recht auffällt?

Poitras: Ja.

Zeit Online: Die großen Unternehmen werden ihre Kunden dazu zwingen müssen, indem sie Verschlüsselung zur Standardeinstellung machen.

Poitras: Ich glaube, Unternehmen werden genau dazu übergehen. Zum Teil geschieht das ja schon. Sie wissen, dass ihre Kunden mehr Privatsphäre verlangen werden. Vielleicht bringt Apple mal ein iPhone auf den Markt, bei dem ich die Batterie herausnehmen kann. Dann würde ich mir auch wieder eins kaufen. US-Firmen wollen ihre Produkte ja auch im Ausland verkaufen. Ihnen ist bewusst: Wenn die Deutschen glauben, dass eine Hintertür eingebaut ist, dann wird ein Platz frei für andere Firmen.

Zeit Online: Was halten sie von den politischen Antworten auf die Snowden-Enthüllungen? In Deutschland gibt es immerhin einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, in den USA sieht es düster aus.

Poitras: In der Tat düster. Ernstzunehmende Antworten der US-Politik gibt es kaum. Das ist traurig. Wir sollten nicht auf Whistleblower angewiesen sein, um zu erfahren, was unsere Regierung tut. Das ist die Aufgabe derjenigen, die wir wählen. Ich kann nur sagen: Wir versuchen es weiter.

Zeit Online: Glauben Sie, dass Ihr Film die Menschen nach all den Medienberichten über die NSA noch einmal aufrüttelt und für das Thema Überwachung sensibilisiert? Dass daraus vielleicht sogar noch einmal politischer Druck entsteht?

Poitras: Grundsätzlich mache ich Filme, um etwas auszudrücken, nicht um die öffentliche Meinung zu formen. Ich versuche zu sagen: Wir leben in dunklen Zeiten, Whistleblower werden unnachgiebig verfolgt, Journalismus wird schwieriger, der Überwachungsstaat ist außer Kontrolle. Was die Menschen daraus machen, weiß ich nicht. Aber ich hoffe doch, dass der Film die Menschen dafür sensibilisiert, wie Whistleblower verfolgt werden. Insbesondere Obama tut das, mehr als jeder vor ihm.

Zeit Online: Was halten Sie von der Meldung, der geheimnisvolle zweite Whistleblower, der Dokumente über die Terroristen-Watchlist der US-Regierung weitergegeben hat und am Ende Ihres Films erwähnt wird, sei bereits vom FBI identifiziert worden?

Poitras: Ich werde nicht über Quellen reden. Nur so viel: Was Snowden und andere enthüllt haben, das sind Dinge, von denen die Öffentlichkeit wissen sollte. Nehmen wir zum Beispiel die Watchlist: Nun, wo jemand das Risiko eingegangen ist, sie an die Öffentlichkeit zu geben, können sich Betroffene mit rechtlichen Mitteln wehren, wenn sie auf der Liste stehen. Bisher gab es da keine ordentlichen Verfahren, weil niemand erfuhr, warum sein Name darauf stand. Für mich ist das auch persönlich relevant, denn ich stehe selbst auf dieser Liste. Jetzt sehe ich zum ersten Mal ein Dokument, auf dem steht, wie die Regeln aussehen, nach denen jemand als terrorverdächtig eingestuft wird. Wenn ich früher Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt habe, um herauszufinden, warum ich am Flughafen in Gewahrsam genommen wurde, wollte die US-Regierung nicht einmal bestätigen, dass die Liste überhaupt existiert.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
 Laura Poitras: "Wir leben in dunklen Zeiten"
  1.  
  2. 1
  3. 2


plutoniumsulfat 10. Nov 2014

hier läuft das andersherum, oder? :D

TheAerouge 04. Nov 2014

Exclusivität schafft Nachfrage ;-) Und davon abgesehen... sicher das die Aufführung des...

riddick70 03. Nov 2014

Die Zeiten sind, waren und werden immer dunkel sein, aus vielerlei Gründen, die von...

plutoniumsulfat 03. Nov 2014

nimmste halt kein iPhone demnächst :D



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Betrug
Wenn die Phishing-Mail wirklich von Paypal kommt

Die E-Mail stammt von Paypals Servern und weist auf eine unter Paypal.com einsehbare Transaktion hin. Doch hinter E-Mail und Hotline stecken Betrüger.

Betrug: Wenn die Phishing-Mail wirklich von Paypal kommt
Artikel
  1. Macbook Air M2 im Test: Das Macbook ohne Lüfter, aber mit Notch und Magsafe
    Macbook Air M2 im Test
    Das Macbook ohne Lüfter, aber mit Notch und Magsafe

    Im Vergleich zum Apple Macbook Pro ist das Air mit M2-Chip eine Generation weiter. Auch ohne Lüfter ist es ein leistungsstarkes Notebook.
    Ein Test von Oliver Nickel

  2. Drohende Zahlungsunfähigkeit: IT-Jobportal 4Scotty meldet Insolvenz an
    Drohende Zahlungsunfähigkeit
    IT-Jobportal 4Scotty meldet Insolvenz an

    Bereits am 10. August 2022 reichte 4Scotty den Insolvenzantrag ein. Der Geschäftsbetrieb geht dennoch normal weiter.

  3. Botnetz: Google blockiert Rekord-DDoS-Angriff
    Botnetz
    Google blockiert Rekord-DDoS-Angriff

    Für einen Kunden konnte Google den größten HTTPS-basierten DDoS-Angriff mit 46 Millionen Anfragen pro Sekunde abwehren.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • MindStar (MSI RTX 3090 Gaming 1.269€, Seagate Festplatte ext. 18 TB 295€) • PS5-Deals (Uncharted Legacy of Thieves 15,38€, Horzizon FW 39,99€) • HP HyperX Gaming-Maus -51% • Alternate (Kingston Fury DDR5-6000 32GB 219,90€ statt 246€) • Samsung Galaxy S22+ 5G 128 GB 839,99€ [Werbung]
    •  /