Las Vegas Sphere: Kino auf 11 gedreht

Las Vegas ist eine an Attraktionen reiche Stadt: Casinos, Musik- und Zaubershows, feinste Restaurants, Flüge in den nahen Grand Canyon und vieles mehr können Gäste besuchen und erleben. Seit Oktober 2023 gibt es mit der Sphere eine neue Sehenswürdigkeit, die zu den auffälligsten der Stadt gehört. Golem.de hat sich Tickets gekauft und einen atemberaubenden Abend in der Kugel verbracht.
Die Sphere(öffnet im neuen Fenster) ist eine 112 Meter hohe Kugel, die dank Millionen von LEDs auf der Außenseite bereits beim Anflug auf Las Vegas gut zu erkennen ist. Je nach Jahreszeit oder Werbepartner tauchen die LEDs die Sphere in unterschiedliche Motive, die selbstverständlich animiert sind. Die 54.000 m² an LEDs auf der Außenhaut sind aber im Vergleich zu dem, was Besucher im Inneren erwartet, nur ein Vorgeschmack.
In der Sphere ist die größte LED-Leinwand der Welt verbaut: Der Bildschirm hat ca. 15.000 m² und erstreckt sich entlang der kugelförmigen Innenkonstruktion. Komplett um die Zuschauerplätze reicht der Bildschirm nicht: Die 18.600 Sitze sind in einem Drittel des Kugel untergebracht, die restlichen zwei Drittel samt eines großen Teils der Decke sind vom LED-Bildschirm belegt.
Darren Aronofsky drehte speziellen Film für die Sphere
Die Sphere wird sowohl für Konzerte benutzt – aktuell spielt U2 regelmäßig dort -, als auch für Filme. Derzeit läuft ein einziger Film in der Sphere: Darren Aronofskys Postcard from Earth, den wir uns angeschaut haben. Zur Vorführung des Films gehört auch eine Art Ausstellung, in der Zuschauern verschiedene futuristisch anmutende Gerätschaften gezeigt werden.

Bereits auf dem Weg zur Sphere dürften viele Besucher von den schieren Ausmaßen der Kugel beeindruckt sein. Dazu kommt die LED-Lichtershow, die in unserem Fall mitunter etwas unspektakulär aus Werbung für Google bestand – die Außenfläche kann für läppische 450.000 US-Dollar pro Tag gemietet werden.









Im Foyer der Sphere können sich Besucher sprechende Roboter anschauen und mit ihnen interagieren. Es handelt sich dabei um mehrere Roboter von Ameca , die auf der CES 2022 vorgestellt wurden und die verhältnismäßig realistische Gesichtszüge aufweisen. Außerdem gibt es mehrere kleine 3D-Bilder sowie eine große 3D-Wand von Hypervsn , die wie Hologramme wirkende Bilder mithilfe von auf Ventilatoren montierten LEDs generieren. Wer möchte, kann sich in einen 3D-Scanner stellen und sich sein virtuelles Abbild als Link per E-Mail zuschicken lassen.
Postcard from Earth mit beeindruckenden Bildern und Effekten
Gut eine Stunde nach Einlass ging das Hauptevent los – die Vorführung des 50-minütigen Films Postcard from Earth. Der Film startet auf einem rechteckigen Ausschnitt des LED-Bildschirms, der wesentlich kleiner ist als das eigentliche Display – ein cleverer Trick: Nach wenigen Minuten wird der Ausschnitt vergrößert und der Film läuft auf dem kompletten Display. Der Wow-Effekt ist dadurch sehr hoch, vor allem, weil das Heranzoomen des Erdballs einen extrem immersiven Effekt erzeugt.
Die Aufnahmen zeigen zahlreiche Naturaufnahmen sowie Alltagsszenen aus Städten der Welt. Das Team von Postcard from Earth hat in 26 Ländern gedreht und dabei zahlreiche Kulturen und Bräuche abgebildet. Die Bilder sehen auf dem LED-Bildschirm fantastisch aus, jede neue Einstellung lässt uns neue Details entdecken.
Dank der 16K-Auflösung des Screens ist das Bild sehr scharf, der Kontrast und die Helligkeit sind dank LED-Technologie hervorragend. Verglichen mit einem Imax-Kino, das auf klassischer Projektion beruht, ist das Bild nicht nur größer und besser, es lässt die Zuschauer auch noch tiefer eintauchen. Beim Betrachten der Landschafts- und Stadtaufnahmen, die im Film gezeigt werden, können wir unseren Blick nach links, rechts und auch nach oben wandern lassen und entdecken immer wieder Neues.
Sound-Anlage von Holoplot aus Deutschland
Verstärkt wird das Seherlebnis von der beeindruckenden Sound-Anlage, die vom deutschen Unternehmen Holoplot entwickelt und gebaut wurde. In der Sphere sind 1.600 X1-Lautsprecher von Holoplot verbaut, die jeweils aus 96 Treibern bestehen und den Klang dank Beamforming ausrichten können. Ein Teil der Lautsprecher ist hinter dem LED-Bildschirm verbaut, der Ton wird teilweise auch durch den Boden geleitet.









Dank der Holoplot-Lautsprecher wird der Klang auf die Sitze ausgerichtet. Egal, wo man in der Sphere sitzt, jeder Platz hört den Sound so, wie er sein soll. Die Geräusche lassen sich sehr genau auf der Leinwand lokalisieren: Fällt im linken Bereich ein kleiner Baum um, während ein Elefant von der Mitte nach rechts stapft, können wir das exakt auch im Audiobild erkennen.
Zudem verfügt die Sphere über haptische Sitze, die passend zum Film vibrieren. Dabei ruckelt nicht einfach nur der gesamte Sitz: Die Vibrationen sind je nach Filminhalt links, mittig oder rechts zu spüren. Eines der am intensivsten spürbaren Features der Sphere dürfte aber die Windanlage sein: Im unteren Bereich des Innenraums sind zahlreiche Windturbinen eingebaut, die zur rechten Zeit Wind erzeugen.
Die Zuschauer bekommen nach einigen Minuten erstmals den Wind zu spüren, und zwar auf recht spektakuläre Art und Weise: Die Kamera fährt über einen Bergkamm, der Wind schlägt uns genau dann ins Gesicht, wenn wir diesen überqueren. Das Timing ist perfekt, was angesichts der Strecke, die der Wind zurücklegen muss, beeindruckend ist. Im Laufe des Films gibt es einige Stellen mit Wind, jede einzelne ist beeindruckend.
Komplett neu entwickelte 18K-Kamera
Beim Anschauen des Films haben wir uns gefragt, wie das Bildmaterial wohl entstanden ist. Wir konnten zu keiner Zeit Stellen entdecken, die auf ein aus mehreren Kamerafeeds zusammengesetztes Bild hinweisen würden. Das ist kein Wunder: Das Bildmaterial ist nicht gestitcht, sondern stammt aus einer einzigen Kamera. Diese Big Sky genannte Kamera(öffnet im neuen Fenster) wurde speziell für Filme, die in der Sphere gezeigt werden sollen, entwickelt, da bisherige Kameralösungen zu viele Kompromisse erforderten.
Big Sky verwendet einen 18K-Sensor mit einer Größe von 77,5 x 75,6 mm, der Bilder mit bis zu 120 fps aufnehmen kann – Standard bei Postcard from Earth sind 60 fps. Die Kamera kann bis zu 60 GByte pro Sekunde an Bildmaterial aufnehmen – ein Aufnahmemagazin mit 32 TByte reicht für 17 Minuten unkomprimierte Filmaufnahmen. Die Macher von Postcard from Earth mussten zudem noch spezielle Objektive entwickeln.
Zum Einsatz kommen zwei Fisheye-Objektive mit Blickwinkeln von 150 und 165 Grad. Die Fisheye-Optiken waren angesichts der kugelförmigen Anzeigefläche die logische Wahl. Das Bildmaterial weist keine nennenswerten chromatischen Aberrationen auf, bei Aufnahmen von Gebäuden sind allerdings oftmals etwas krumme senkrechte Linien zu beobachten. Störend fanden wir das nicht.
Aufwendige Filmaufnahmen
Da sich naturgemäß das Hauptaugenmerk der Zuschauer auf den mittigen unteren Teil der Aufnahmen konzentriert, der im Sichtfeld vorne liegt, mussten die beiden neuen Objektive so konstruiert werden, dass sie zum Rand hin nicht nennenswert an Qualität einbüßen. Normalerweise verlieren Fisheye-Objektive zum Rand hin an Schärfe, zudem gibt es in diesen Bereichen oft chromatische Aberrationen.









Bei den Aufnahmen zu Postcard from Earth sollen mitunter um die zwölf Personen für die Bedienung der Kameras notwendig gewesen sein. Das hinter der Sphere stehende Unternehmen besitzt aktuell zehn Big-Sky-Kameras, für künftige Filme sollen weitere gebaut werden. Aufgrund der Größe der Kamera wurden die Luftaufnahmen mit einem Helikopter gedreht, was verglichen mit Drohnenaufnahmen deutlich teurer ist.
Einige der Unterwasseraufnahmen haben auf uns weniger scharf gewirkt als die restlichen Bilder. Grund dafür dürfte sein, dass Big Sky nicht für Unterwasseraufnahmen verwendet werden konnte. Künftige Versionen der Kamera hingegen sollen unter Wasser genutzt werden können. Aktuell gibt es nur einen Film, der speziell für die Sphere gedreht wurde und dort gezeigt wird. Wann es weitere geben wird, ist aktuell noch unbekannt.
Obwohl Postcard from Earth beeindruckende Bilder zeigt, finden wir ihn nicht perfekt. Die Rahmenhandlung, dass die Menschheit ihren Planeten an den Rand der ökologischen Vernichtung gebracht hat und ihn daher verlassen muss, um auf entfernten Planeten neu anzufangen, ist kitschig. Auch die Message, dass die Menschheit einfach neu anfangen kann, nachdem sie die Erde ruiniert hat, finden wir bedenklich.
Rahmenhandlung des Films ist überflüssig
Am Ende hätten wir den Film wohl noch besser gefunden, wenn die Rahmenhandlung weggelassen worden wäre. Am Ende des knapp zweistündigen Abends verlassen wir die Sphere aber dennoch beeindruckt. Ein derartig immersives Filmerlebnis dürfte aktuell auf der Welt kein zweites Mal zu sehen sein. Die Macher der Sphere haben vorige Konzepte wie 360-Grad-Kinos, Imax-Filme und haptische Kinos genommen und sie quasi auf 11 gestellt.
Dass man Postcard from Earth in einer vergleichbaren Art und Weise irgendwann außerhalb von Las Vegas anschauen können wird, halten wir für ausgeschlossen – zu wahnwitzig ist die Konstruktion der Halle. Die Gesamtkosten lagen am Ende aufgrund von Verzögerungen und Lieferschwierigkeiten wegen Corona sowie der Inflation bei 2,3 Milliarden US-Dollar – das sind 400 Millionen US-Dollar mehr als das neue Football-Stadion in Las Vegas gekostet hat.
Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage wird kaum jemand so verrückt sein, ein derartiges Projekt woanders auf der Welt zu realisieren. Bleibt nur zu hoffen, dass die Sphere lange genug den Betrieb aufrechterhalten kann, damit möglichst viele Besucher in den Genuss der Filmvorführung kommen können: Die Sphere hat im dritten Finanzquartal 2023 Verluste von gut 100 Millionen US-Dollar vermeldet. Wir haben für unsere guten zentralen Plätze umgerechnet 50 Euro ausgegeben, es gibt auch weitere Preiskategorien.



