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Lands of Lore: Genial gealterte Fantasy - mit der Stimme von Captain Picard

Außergewöhnlich gute Sprachausgabe, eine tolle Story und eine vorbildliche Bedienung: Das Rollenspiel Lands of Lore macht noch erstaunlich viel Spaß.
/ Andreas Altenheimer
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Artwork von Lands of Lore (Bild: Westwood)
Artwork von Lands of Lore Bild: Westwood

Die frühen 1990er Jahre können mit Fug und Recht als die goldenen Jahre der Computer- und Videospiele bezeichnet werden. Während Sega Mega Drive und Super Nintendo die Konsolenwelt bereicherten, machte der PC einen technischen Quantensprung nach dem anderen.

Ein Spiel, das davon profitierte: das erste Lands of Lore von Westwood, das 1993 mit dem Untertitel The Throne of Chaos erschien. Fast noch wichtiger ist die ein Jahr später veröffentlichte vertonte Version – die ich mir nach 30 Jahren noch mal vorgeknöpft habe.

Zum Hintergrund muss man wissen, dass in der genannten Zeit immer mehr Titel erschienen, die aufgrund ihrer Komplexität auf anderen Systemen wie dem Commodore Amiga kaum realisierbar gewesen wären.

Als sich dann nach und nach immer mehr PC-Besitzer ein CD-ROM-Laufwerk zulegten, stand den Entwicklern plötzlich ein Medium zur Verfügung, das genügend Platz für eine Fülle von Grafiken, Sounds und Sprachausgabe bot.

Kurz: Es war die Zeit, in der man vom "Film zum Mitspielen" träumte. Leider scheiterten viele dieser multimedial aufbereiten Projekte an ihren eigenen Ansprüchen und wirkten aufgrund von Laiendarstellern oder mittelmäßigen Drehbüchern eher lächerlich als episch.

Parallel dazu erarbeitete sich ein amerikanischer Entwickler namens Westwood Studios einen beachtlichen Ruf. In den 80er Jahren hatte sich das Studio mit Amiga/Atari-ST-Umsetzungen bewährter 8-Bit-Klassiker ein solides finanzielles Polster geschaffen.

Zwar waren die ersten Eigenproduktionen wie Battletech – The Crescent Hawk's Inception (1988) und Circuit's Edge (1990) eher ambitioniert als ausgereift, aber mit dem AD&D-Rollenspiel Eye of the Beholder (1991) gelang der Durchbruch.

Spielerisch war Eye of the Beholder eine geschickt erweiterte Version von Dungeon Master (1987), das das Genre der Echtzeit-Rollenspiele revolutioniert hatte. Es bestach vor allem durch seine farbenfrohe Pixelgrafik, die ansprechende Fantasy-Atmosphäre und den leicht zugänglichen Schwierigkeitsgrad.

Auf zu neuen Rollenspiel-Ufern

Einige Jahre und einen direkten Nachfolger später trennte sich Westwood Studios vom Publisher SSI und verlor damit die Möglichkeit, weitere Spiele im AD&D-Universum zu entwickeln. So musste man sich von Eye of the Beholder verabschieden und entschied sich für eine eigene Rollenspielmarke namens Lands of Lore (1993).

Der Zeitpunkt war eher ungünstig: Mit Ultima Underworld (1992), Wolfenstein 3D (1993) und Doom (1993) hatten sich drei sehr starke Titel mit Ego-Perspektive etabliert, in denen man stufenlos durch eine bunte 3D-Welt marschieren konnte.

Lands of Lore hingegen setzte wie Eye of the Beholder auf die alte Dungeon-Crawler-Technologie, bei der man sich nur in festen Schritten vorwärtsbewegen und um 90 Grad drehen konnte.

Lands of Lore (Intro der CD-Version)
Lands of Lore (Intro der CD-Version) (03:45)

Nichtsdestotrotz habe ich Lands of Lore sowohl grafisch als auch musikalisch in sehr guter Erinnerung. Es war ein relativ einfaches Rollenspiel, das sich hervorragend für Einsteiger eignete und im Test meiner Lieblingszeitschrift Power Play immerhin 83 Punkte(öffnet im neuen Fenster) erhielt.

Vor allem die ein Jahr später veröffentliche CD-Fassung des Spiels fand ich toll, denn dafür hatte Westwood über 30 Synchronsprecherinnen und -sprecher(öffnet im neuen Fenster) ins Tonstudio geholt, die sämtliche Dialoge des Spiels nachtvertonten. Aber ob diese Faszination auch 30 Jahre später noch da ist? Ich werde es herausfinden ...

Zurück nach Gladstone

Was würden Retrospieleliebhaber ohne die Plattform Gog.com machen, wenn es dort nicht fast alle wichtigen PC-Klassiker gäbe, die für moderne Windows-Systeme lauffähig gemacht wurden? Auch Lands of Lore ist hier digital erhältlich und kostet weniger als sechs Euro, und zwar im Doppelpack mit dem Nachfolger Guardians of Destiny(öffnet im neuen Fenster) (1997).

Hexe Scotia mit Macht und Maske

Schon das Intro von Lands of Lore ist wunderschön gezeichnet und vermittelt eine herrliche Fantasy-Atmosphäre: König Richard LeGrey, der in der Festung Gladstone residiert, ist in großer Sorge, nachdem die böse Hexe Scotia ein mächtiges magisches Artefakt, die sogenannte Niedermaske, an sich gebracht hat.

Mit dieser Maske kann sie sich in jede beliebige Gestalt verwandeln und so ihre Feinde nach Belieben an der Nase herumführen, weshalb Richard als Gegenmaßnahme einen mutigen Helden sucht. Dieser soll den Rubin der Wahrheit finden und mit seiner Hilfe Scotia aufhalten.

Ich darf mir zum Start einen von vier vorgefertigten Charakteren aussuchen, die jeweils unterschiedliche Werte bei den spielrelevanten Attributen Zauberkraft, Schutz und Stärke aufweisen. Das Angebot reicht vom Magier Ak'shel über den Krieger Michael und dem flinken Katzenwesen Kieran bis hin zum Allrounder Conrad, dessen Werte recht ausgeglichen sind.

Ich entscheide mich für den schnellen, aber vergleichsweise schwachen Kieran. Eine für mich ungewöhnliche Wahl, mit der ich mich bewusst herausfordern möchte. Denn damals hatte ich eigentlich nur einen einzigen echten Kritikpunkt an Lands of Lore: Das Spiel war in meinen Augen zu einfach.

Der Dialog mit dem König gefällt mir nicht nur wegen der schönen Grafik. Die englische Synchronisation ist nach wie vor exzellent. Sie profitiert vor allem vom britischen Schauspieler Patrick "Captain Picard" Stewart, der den König mit sonorer Stimme spricht. Aber auch das knarzige Organ der Hexe Scotia, gesprochen von Barbara A. Costa(öffnet im neuen Fenster) , passt wunderbar.

Lediglich der Soundtrack wirkt durch die dumpf klingenden Soundblaster-Technologie leicht veraltet, was aber kaum ins Gewicht fällt. Ich könnte die Spielmusik über einen technischen Umweg und mithilfe des Emulators Munt(öffnet im neuen Fenster) übrigens auch in orchestraler Roland-MT32-Qualität genießen. Ich bleibe bei der Soundblaster-Lösung, weil ich das Spiel damals auch so erlebt habe.

Der Rubin der Wahrheit befindet sich angeblich im Besitz von Roland, der auf seinem Landsitz im südlichen Waldgebiet lebt. Dorthin kann ich nur mit einer Fähre gelangen, die eigentlich ein Vermögen kostet. Aber zum Glück habe ich einen Brief von König Richard, der mir die Überfahrt kostenlos ermöglicht.

Ein Klick, ein Angriff

Bei der Erkundung des Waldes treffe ich überall auf feindliche Kreaturen. Im Sekundentakt greifen sie mich an und ich muss mich verteidigen. Der kleine Dolch, der mir von Anfang an zur Verfügung steht, reicht zum Glück gegen alle Wildschweine und Räuber, denen ich begegne.

Im südlichen Waldgebiet suche ich zunächst das nahe gelegene Gasthaus auf und komme mit dem blonden Timothy ins Gespräch. Er ist ebenfalls auf der Jagd nach der Hexe Scotia und bietet sich als Begleiter an. Ein Glück, denn bis dahin fühlte ich mich mit meinem noch recht schwachbrüstigen Helden doch recht einsam.

Im Herrenhaus des besagten Rolands erwarten mich allerdings schlechte Nachrichten: Die Villa wurde von Orks infiltriert, die ich erst einmal ausschalten muss. Immerhin darf ich kurz mit dem Anführer sprechen.

Leider ohne Erfolg: Ich versuche ihn mit einem Bluff in die Irre zu führen und behaupte frech, ich sei seine Wachablösung. Er glaubt mir nicht und fordert mich zu einem Kampf heraus. Diesen verliere ich, also muss ich meinen letzten Spielstand laden.

Bei meinem zweiten Versuch bin ich klüger und lege eine Rast ein, nachdem ich das Herrenhaus von allen Orks bis auf den Anführer befreit habe. Ich versuche erneut zu bluffen und bin sehr erstaunt, dass es diesmal klappt. Die Orks ziehen ab und lassen mich allein im Haus zurück.

Zumindest scheint es so, bis ich einen Geheimraum finde und dort auf den sterbenden Roland treffe. Auch dieser Dialog kann sich dank der guten Sprachausgabe auch nach 30 Jahren noch hören lassen. Leider fehlt vom Rubin der Wahrheit jede Spur, so dass ich unverrichteter Dinge nach Gladstone zurückkehre.

Lands of Lore: Das neue Fazit zum Klassiker

Vor Ort komme ich zu spät und muss tatenlos mit ansehen, wie König Richard von Scotia vergiftet wird. Folgerichtig erhalte ich eine weitere zentrale Aufgabe und muss mich nun auch noch um ein Gegenmittel bemühen, mit dem der König geheilt werden kann.

Dabei verlässt mich Timothy, während ich mit Baccata einen neuen und besonders angriffsstarken Weggefährten erhalte. Im weiteren Verlauf des Spiels wird sich ein dritter Begleiter zeitweise oder dauerhaft der Gruppe anschließen.

Komfortable Dungeon-Erkundung

Mein nächstes Ziel sind die Höhlen im nördlichen Teil des Waldes, in denen das sogenannte Drarakel haust und mir die Zutaten für ein Gegenmittel verraten könnte. Die Höhlen erstrecken sich über vier weitläufige Etagen, die mit zahlreichen Fallen und Gegnern gespickt sind.

Besonderes Augenmerk muss ich auf die Druckplatten am Boden legen, die ich bei Berührung aktiviere: Die Wahrscheinlichkeit, dass mir kurz darauf ein Feuerball entgegenfliegt und ich schnell ausweichen muss, ist recht hoch.

Spätestens jetzt muss ich die Steuerung von Lands of Lore loben, die auf einfache Klickbefehle setzt, um anzugreifen, zu zaubern oder einen Gegenstand zu benutzen. Alternativ kann ich auch die entsprechenden Tasten auf der Tastatur drücken, was den Spielfluss zusätzlich beschleunigt.

Wie intuitiv die Steuerung tatsächlich ist, zeigt sich beispielsweise beim Besuch eines Schmieds: Möchte ich eine seiner Waffen kaufen, betrete ich seinen Laden und klicke eines der Schwerter an, die in der Ecke des Raumes hängen. Er nennt mir einen Preis, und wenn ich einverstanden bin, bekomme ich das gute Stück. So einfach ist das.

Die Benutzerführung macht Lands of Lore somit zu einem nach wie vor sehr einsteigerfreundlichen Rollenspiel. Sie ermöglicht obendrein ein sehr flottes Gameplay, das perfekt zum Echtzeitfaktor passt. Einzig das Durchklicken der Inventarleiste am unteren Bildschirmrand ist etwas mühsam, sobald sich das Inventar mit Heiltränken, Schlüsseln, Waffen und Rüstung gefüllt hat.

Sehr komfortabel ist indes die Automap, die mir jederzeit einen Überblick über alle bereits gefundenen Wege gibt. Auch die Interaktion mit der Spielwelt ist kinderleicht, denn ich muss nur mit der Maus auf Knöpfe und Schalter in Wänden oder Türrahmen klicken.

So stolziere ich von Ort zu Ort und kümmere mich alle paar Meter um irgendwelche Feinde, die gerne auch mal aus dem Nichts zu kommen scheinen. Die Rätsel beschränken sich auf das Ablaufen von Wänden und die damit verbundene Hoffnung, nicht irgendeinen mickrigen Knopf zu übersehen. All das sind für mich eher Kritikpunkte, da sie das Spiel eher seicht erscheinen lassen.

Aber man kann es auch positiv sehen: Je weiter ich in Lands of Lore vorankomme, desto einfacher und entspannter fühlt sich das Abenteuer an. Das liegt nicht zuletzt an der bereits gelobten fantastischen Benutzerführung, die fast jede Aktion mit einfachen Mausklicks erledigt.

Selbst der Tod ist hier vergleichsweise harmlos: Wenn ein Charakter keine Lebensenergie mehr hat, kann ich ihn mit einem einfachen Heilzauber wieder zum Leben erwecken. Das kostet freilich Magie-Energie, weshalb ich mich alle paar Schritte zurückziehen und ein paar Sekunden schlafen muss. Nervig ist somit nur die zum Teil hohe Frequenz an neuen Gegnern, die mich ständig in meinem Nickerchen stören wollen.

Nach meinem erfolgreichen Drarakel-Besuch stehen der nächste Wald und ein Sumpfgebiet auf dem Programm. Hier mache ich eine Pause und widme mich lieber diesem Artikel, als mich weiter in der atmosphärischen Welt von Lands of Lore zu verlieren. Aber ich werde auf jeden Fall bald wiederkommen, um der Hexe Scotia den Garaus zu machen!

Fazit: Immer noch eine Reise wert

Ein kurzer Blick in eine Komplettlösung(öffnet im neuen Fenster) bestätigt: Ja, das Spiel ist nicht übermäßig umfangreich oder gar herausfordernd, wobei ich mich dunkel an einen Dungeon namens Der Weiße Turm erinnere, der mich damals im späteren Spielverlauf mit fiesen Geistergegnern auf Trab hielt.

In jedem Fall hat sich mein Retro-Trip nach Gladstone gelohnt, allein schon wegen der tollen Sprachausgabe und der wunderschönen Pixelgrafik. Letztere sieht übrigens nicht nur im Standbild gut aus, sondern kann auch in der Bewegung überzeugen.

Damals wie heute faszinieren mich die Laufanimationen, weshalb ich hier nicht einfach von Block zu Block springe, sondern halbwegs flüssig vorwärts gehe oder mich zur Seite drehe.

Wer also Lust auf ein Rollenspiel der alten Schule hat und mehr Wert auf Grafik, Präsentation und Story als auf Spieltiefe oder Rätseldesign legt, kann auch 30 Jahre später noch bedenkenlos zu Lands of Lore greifen.

Mitarbeit: Benedikt Plass-Fleßenkämper


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