Auch ein ethisches Problem

iRights.info: Lässt sich dieses Problem tatsächlich technisch lösen, etwa mit Blockaden für öffentliche Archive, oder muss die Gesellschaft einfach anders mit Biografien umgehen, wenn sie digital zunehmend transparenter werden?

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Eric Steinhauer: Das ist sicherlich auch ein ethisches Problem. Ich vermute, dass sich die Gesellschaft ändert. Wahrscheinlich gilt es in ein paar Jahren als unschicklich, wenn ein Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch auf Partyfotos des Bewerbers hinweist. Dann gerät der Arbeitgeber unter Rechtfertigungsdruck, nicht mehr der Bewerber. Aber dieser Wandel in der Gesellschaft braucht Zeit. Wir müssen jedoch schon heute die Verfügbarkeit von Informationen über Personen reflektieren, wenn wir ein digitales Langzeitarchiv anlegen wollen.

iRights.info: Inwiefern?

Eric Steinhauer: Wir müssen erst mal unterscheiden. In der Debatte um das "Recht auf Vergessenwerden", in der beispielsweise unliebsame Facebook-Fotos, Kommentare und Blogeinträge eine Rolle spielen, geht es um das sogenannte kommunikative Gedächtnis. Es speichert und erinnert Sachverhalte einer lebendig erlebten Gegenwart. Hier sollte es für eine gewisse Zeit und in gewissen Grenzen Einschränkungen bei der sofortigen Verfügbarkeit geben. Wenn wir aber über eine Langzeitarchivierung reden, geht es um das kulturelle Gedächtnis, um das, was wir 100 Jahre und länger bewahren wollen. Da spielt das Persönlichkeitsrecht keine Rolle mehr, weil die betroffenen Personen längst tot sind. Für die Langzeitarchivierung, die jetzt schon beginnt, sind auch diese personenbezogenen Informationen wichtig und interessant, wir sollten sie daher auch jetzt aufbewahren.

Beschränkung: Nutzung nur vor Ort

iRights.info: Was schlagen Sie also vor?

Eric Steinhauer: Wir müssen einen Ausgleich zwischen dem Persönlichkeitsrecht, kommerziellen Interessen und dem öffentlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Interesse an einer Langzeitarchivierung finden. Zunächst sollten die Gedächtnisinstitutionen von sich aus, ohne großen Verwaltungsaufwand, die Inhalte, die öffentlich im Netz zugänglich sind, sammeln und bewahren dürfen. Bei der Verbreitung könnten gewisse Hemmnisse eingebaut werden. Man könnte beispielsweise die Nutzung von Inhalten, bei denen noch ein urheberrechtlicher Schutz und die Persönlichkeitsrechte zu beachten sind, auf die Räumlichkeiten der Gedächtnisinstitutionen beschränken.

iRights.info: Sie fordern also ein europäisches Archive.org mit beschränkter Nutzung?

Eric Steinhauer: So könnte man es sagen.

iRights.info: Schon heute erzielt fast jede Suche bei Google über eine Million Ergebnisse. Wie kann die Wissenschaft diese Masse an Informationen in Zukunft überhaupt sinnvoll erfassen, strukturieren und aufarbeiten?

Eric Steinhauer: Pessimistisch könnte man sagen, die Welt neigt dazu, Archiv ihrer selbst zu werden. Dann ist sie nur noch mit dem Speichern beschäftigt und kommt nicht mehr dazu, in der Gegenwart zu leben. Doch zur Methode: Historiker arbeiten auch heute zur Ur- und Frühgeschichte anders als zum Mittelalter oder zur Neuzeit, weil sie ein ganz anderes Quellenmaterial vorfinden, auch vom Ausmaß her. Mit Blick auf die gegenwärtige Masse an verfügbaren Quellen muss die Wissenschaft vielleicht neue Wege gehen. Vielleicht muss sie eher statistische Verfahren finden, um Aussagen zu treffen, oder die Kunst des Ausblendens weiterentwickeln.

iRights.info: Das Ausblenden ist eine Kunst?

Eric Steinhauer: Wir denken immer, Archive bewahren etwas. Das stimmt nicht, zumindest nicht vollständig. Archive sind vor allem Institutionen, die etwas wegschmeißen, selektieren. Die erste Frage ist immer: Was hebe ich auf und was werfe ich weg? Die sogenannte Kassationsquote von Archiven, also die Wegschmeiß-Quote, liegt in der Regel bei bis zu 98 Prozent. Das Repräsentative und das Besondere werden aufgehoben, damit können wir dann künftig arbeiten. Der Rest ist weg.

Angesichts der Masse an Informationen im Internet wäre also eine Debatte über Vergessensstrategien sinnvoll. Oder positiv gesprochen: Was wollen wir überhaupt im digitalen Gedächtnis behalten und was nicht? Müssen wir vielleicht von vorne herein selektiv speichern? Leider wird über diese Frage noch viel zu wenig nachgedacht.

Das Interview erschien zuerst bei iRights.info und wurde für Golem.de leicht gekürzt.

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 Kulturelles Gedächtnis: Wie speichern wir das Internet?
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__destruct() 25. Mai 2012

Und deswegen sollten die Daten möglichst schnell gesichert werden.

kinderschreck 23. Mai 2012

Sofern Du nicht beim dann aktuellen Nachfolger der T-Com bist :-)

Himmerlarschund... 22. Mai 2012

Hättest du das mal mit dem Golem-Forum auch gemacht, dann hättest du festgestellt, dass...

Himmerlarschund... 22. Mai 2012

Was hat das mit VDS zu tun? Hier geht es nicht um Verbindungsdaten, sondern um Inhalte...

dabbes 22. Mai 2012

Ablichten: rufe ich die Seite im IE oder Firefox auf ;-) Archiviere ich die Desktop oder...


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