Während wir noch reden, übernimmt bereits die sprechende KI

Unterdessen werden KI-gesteuerte Anwendungen zunehmend alltäglicher. Jeder Besitzer eines Smartphones oder eines smarten Lautsprechers kann mit seinen Geräten reden, die Sprachassistenten hören auf Namen wie Siri, Google und Alexa, und dahinter verbergen sich permanent weiterlernende und damit "intelligenter" werdende Maschinen. Was weniger bekannt ist: Sprachbasierte KI wird auch längst als Filter benutzt. Etwa von der Social-Media-Plattform Instagram: Sie verbirgt beleidigende Kommentare automatisch, mittlerweile auch solche, die auf Deutsch verfasst wurden und nicht mal Schimpfworte beinhalten müssen - die Instagram-KI versteht sprachliche Kontexte und kann beleidigende Aussagen identifizieren.

So gehen wir längst mit KIs um, mitunter ohne es zu merken. Kommende Anwendungen für Bilderkennungsverfahren sind vor allem Gesichtserkennung (deren möglicher Einsatz in Deutschland mindestens umstritten ist) und die Steuerungssoftwares für autonome Fahrzeuge. Und die medizinische Diagnostik könnte regelrecht revolutioniert werden dadurch, dass künstliche Intelligenz früher, besser und fehlerloser als menschliche Augen Anzeichen von Krankheiten etwa in MRT-Aufnahmen aufspüren und klassifizieren wird.

Am letzten Beispiel lassen sich Chancen und Risiken von KI gut verdeutlichen. Einerseits besteht die begründete Hoffnung, dass der Einsatz dieser Technologie unser aller Gesundheit zugutekommen wird. Andererseits stellen sich grundsätzliche ethische Fragen, ob und wie weit eine Maschine entscheidungsvorbereitend dabei mitwirken kann, welche Behandlungen Ärzte vornehmen. Zudem würde KI das Berufsbild der Ärzte verändern, womöglich würden manche gar überflüssig. Und wie lassen sich Patientendaten wirksam schützen? Reicht eine bloße Anonymisierung, wenn jede MRT-Aufnahme eigentlich zur Verbesserung der KI-Diagnostik gebraucht wird?

Das Eckpunktepapier der Bundesregierung bleibt auch da vage, es ist ja auch erst mal nur ein Entwurf, der eine weitere Diskussion ermöglicht: "Die Entwicklung der KI schreitet dynamisch voran, demgemäß muss auch die Strategie KI in ihrer Umsetzung dauerhaft mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft rückgekoppelt werden, um eine vertrauens- und innovationsfördernde KI-Kultur in Deutschland zu etablieren."

Der Willen ist da

Erste Reaktionen auf den Kabinettsbeschluss aus der KI-Wissenschaftsgemeinde, die das Science Media Center gesammelt hat, sind denn auch eher zurückhaltend. Jürgen Schmidhuber ist Direktor des schweizerischen Dalle-Molle-Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz und der wohl prominenteste deutsche KI-Forscher. Er sagt zwar, die Eckpunkte der Bundesregierung läsen sich gut, er vermisse aber "Details einer konkreten Umsetzung". Deutschland solle sich vor allem auf die Förderung "neuer KI" konzentrieren, die auf maschinellem Lernen und auf tiefen neuronalen Netzen basiert, doch dafür müssten hierzulande erst überhaupt neue Strukturen geschaffen werden.

Matthias Bethge vom Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften der Universität Tübingen wiederum findet die "klare Willensbekundung", Deutschland zum weltweit führenden Standort für künstliche Intelligenz machen zu wollen, "sehr gut". Er gibt aber zu bedenken: "Die Herausforderung besteht darin, eine Goldgräber-Stimmung zu entfachen, die Talente aus aller Welt nach Europa zieht." Womöglich könnte eine im Eckpunktepapier angedeutete Kooperation mit Frankreich, dessen Präsident Emmanuel Macron eine Technologieoffensive zumindest angekündigt hat, dabei helfen. Doch auch da sind die Details vage.

Deutlich konkretere Ideen hatte erst im Mai die Stiftung Neue Verantwortung vorgelegt in einem Papier namens Eckpunkte einer nationalen Strategie für künstliche Intelligenz. Zum Autorenkreis gehörte auch Dietmar Harhoff, der Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation, die die Bundesregierung berät. In diesem Papier findet sich neben einer durchaus deutlichen Kritik an der bisherigen KI-Förderung in Deutschland die zentrale Anregung zum Aufbau "eines starken und international wettbewerbsfähigen KI-Ökosystems". Diese Idee sucht man im Eckpunktepapier der Bundesregierung vergeblich - oder sie ist so verklausuliert, dass man sie auch mit einer größeren Lupe nicht findet.

Die Autoren um Harhoff hatten ihre Eingangsbemerkungen in dem Papier mit einer erstaunlichen Sentenz geschlossen: "Das Gute ist, dass Deutschland das Rad nicht neu erfinden muss: Zahlreiche Länder haben bereits nationale KI-Strategien vorgelegt, in denen sich viele gute Ideen finden lassen. Nun ist es aber dringend Zeit, dass Deutschland auch endlich selbst nachzieht."

Daran hat sich die Bundesregierung durchaus gehalten. Nun hat sie noch knapp vier Monate Zeit, eine wirklich konkrete, nationale KI-Strategie vorzulegen.

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 Künstliche Intelligenz: Vages wagen
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