KI in der Schule: Wenn Albert Einstein und Harry Potter beim Lernen helfen
Die KI-Anwendungen von Fobizz(öffnet im neuen Fenster) sollen beim Erstellen von Aufgaben und Elternbriefen helfen, aber auch bei der Bewertung von Schülern unterstützen und den Schülern selbst zeigen, was KI kann und wo die Grenzen sind. Besonders viel Spaß haben die Schüler offenbar mit KI-simulierten Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Marie Curie, Pippi Langstrumpf oder Harry Potter, mit denen sie chatten können. Aber es gibt noch viele andere Anwendungsmöglichkeiten, wie Diana Knodel im Interview erklärt.
Golem.de : Frau Knodel, Ihre Plattform Fobizz bietet Online-Weiterbildungen und Lernwerkzeuge für Lehrkräfte und Schulen an. Was gibt es zum Thema Künstliche Intelligenz (KI)?
Diana Knodel: Als ChatGPT Ende November 2022 herauskam, war uns relativ schnell klar, dass das einen großen Einfluss auf die Bildung haben wird – und dass wir dazu etwas anbieten müssen. Wir haben dann die Fobizz KI-Assistenz gelauncht. Das sind verschiedene Tools rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Zum Beispiel haben wir eine Art ChatGPT für Schulen gebaut.
Golem.de: Wo liegt der Unterschied zum herkömmlichen ChatGPT?
Knodel: Die Lehrkräfte müssen sich nicht beim Anbieter OpenAI registrieren, sondern können ChatGPT über ihr Fobizz-Konto nutzen. Die Anfragen werden dadurch anonymisiert, das ist wichtig im Hinblick auf den Datenschutz. Eingegebene Daten werden auch nicht zu Trainingszwecken verwendet, das haben wir über unsere Schnittstelle so konfiguriert. Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass unser Angebot mit der Datenschutzgrundverordnung konform ist.
Golem.de: Was können Fobizz-Nutzer mit dem KI-Werkzeug machen?
Knodel: Lehrkräfte können damit zum Beispiel ihren Unterricht planen, sie können Aufgaben erstellen oder Elternbriefe schreiben lassen. Wir haben auch die KI-Werkzeuge Dall-E und Stable Diffusion eingebunden, so dass die Lehrkräfte auch Bilder generieren können. Darüber hinaus haben wir – auf Wunsch der Lehrkräfte – kürzlich eine Korrekturen-KI eingerichtet, die Vorschläge für die Bewertung von Schülern macht. Das Feedback der KI wird dafür natürlich nicht komplett ausreichen. Aber die Lehrkraft kann den Vorschlag nutzen und prüfen, inwieweit der mit der eigenen Beurteilung übereinstimmt und gegebenenfalls angepasst werden muss.
Golem.de: Sie bieten auch KI-Werkzeuge an, die von Lehrkräften gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern genutzt werden können.
Knodel: Genau, dafür haben wir Klassenräume entwickelt. Das heißt, Lehrkräfte können für eine begrenzte Zeit einen virtuellen Raum eröffnen und die Schüler über einen Link oder QR-Code dorthin einladen. Die Nutzung erfolgt entweder anonym oder mit einem Pseudonym. Die Schüler nennen sich also vielleicht Micky Maus oder Harry Potter und können die KI-Tools ausprobieren, zum Beispiel für einen Zeitraum von 24 Stunden.
Golem.de: Wie kann diese Nutzung aussehen?
Knodel: Die Lehrkraft gibt den Schülerinnen und Schülern zum Beispiel die Aufgabe, eine Analyse oder eine Zusammenfassung von Goethes Faust zu schreiben. Danach können sie das Ergebnis mit dem Ergebnis von ChatGPT oder von der Fobizz KI-Assistenz vergleichen und prüfen, welche Unterschiede es gibt. Ein anderes, schönes Beispiel hat ein Lehrer kürzlich auf Fobizz geteilt. Die Kinder sollten ein Gedicht zum Thema Frühjahr schreiben, die KI erhielt dieselbe Aufgabe. Anschließend haben die Kinder darüber abgestimmt, welche dieser Gedichte wohl von Menschen stammen und welche von der KI.
''Kinder können sich ab der 4. Klasse mit KI beschäftigen''
Golem.de: Es geht also darum, so etwas wie KI-Kompetenz zu entwickeln?
Knodel: Absolut. Ich glaube, darum muss es jetzt auch in der Schule gehen. KI wird uns in Zukunft als Werkzeug zur Verfügung stehen, mit allen Chancen und Risiken. Deswegen finde ich es wichtig, dass Kinder frühzeitig einen guten Umgang damit lernen – angeleitet in der Schule.
Golem.de: Die Unesco hat gerade ihren globalen Leitfaden für generative KI in Bildung und Forschung veröffentlicht. Es wird empfohlen, dass KI-Anwendungen wie ChatGPT erst ab einem Alter von 13 Jahren genutzt werden sollen, um die Rechte und Wohlergehen von Kindern zu schützen. Was sagen Sie dazu?
Knodel: Grundsätzlich finde ich das total unterstützenswert. Wir wissen aber alle, dass Kinder sich nicht unbedingt an solche Empfehlungen halten. In Snapchat zum Beispiel haben sie ganz einfach die Möglichkeit, auf KI-Werkzeuge zuzugreifen. Auch die Spieleplattform Roblox hat angekündigt, KI einzubinden und für alle 200 Millionen Nutzer freizuschalten. Kinder begegnen KI auf solchen Wegen häufig schon sehr früh.
Deshalb finde ich es umso wichtiger, dass man in der Schule das angeleitete und begleitete KI-Lernen ermöglicht. Zu Hause haben Kinder vielleicht nicht unbedingt die Möglichkeit, mit ihren Eltern über KI-Nutzung zu sprechen, aber in der Schule wäre das möglich. Wenn die Lehrkraft entsprechend weitergebildet wurde und sich gut mit KI auskennt, spricht für mich nichts dagegen, dass Kinder schon im jüngeren Alter KI in der Schule kennenlernen.
Golem.de: Ab welchem Alter wäre das konkret?
Knodel: Kinder können sich schon ab der vierten Klasse spielerisch mit dem Thema beschäftigen, aber auf alle Fälle ab Klassenstufe 5. Dann bekommen sie naturwissenschaftliche Fächer und häufig auch Computerunterricht, in dem es teilweise schon um die Nutzung von Social Media geht. Ich glaube, da kann man das Thema KI sehr gut unterbringen.
Golem.de: In den digitalen Fobizz-Klassenräumen können Schüler mit KI-Simulationen bekannter Persönlichkeiten und Figuren chatten. Worum geht es da genau?
Knodel: Das ist eines unserer Tools. Die Schülerinnen und Schüler können KI-simulierte Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Marie Curie, Pippi Langstrumpf oder Harry Potter auswählen und dann mit ihnen chatten. Es steht groß dabei, dass diese Personen nicht echt sind, dass es sich um KI-Simulationen handelt. Aber es macht trotzdem Spaß, in diese Gespräche einzutauchen.
Einer unserer Lehrer hat im naturwissenschaftlichen Unterricht die Aufgabe gestellt, mit Isaac Newton zu chatten und möglichst viel über ihn herauszufinden. Parallel dazu recherchieren die Schüler auch mithilfe anderer Quellen, zum Beispiel Google, Wikipedia und bestimmter Lexika. Dieses Wissen gleichen sie mit den Informationen ab, die von der KI geliefert wurden. Für den Fremdsprachunterricht sind die virtuellen Charaktere auch wunderbar geeignet. Man kann sich zum Beispiel mit Marie Curie auf Französisch über ihre Forschung unterhalten.
Golem.de: KI-Unterricht setzt natürlich voraus, dass die Lehrkräfte die Tools selbst durchblicken und regelmäßig nutzen. Welche Fortbildungen gibt es da auf Fobizz?
Knodel: Wir haben eine Fortbildung, in der Begriffe wie KI und ChatGPT und die grundlegende Funktionsweise von KI-Tools erklärt werden. Darüber hinaus gibt es auf Fobizz unterschiedliche KI-Lerneinheiten, zum Beispiel zum KI-Einsatz im Mathematikunterricht, zu KI und Inklusion oder zu Prompt-Crafting für den Fremdsprachenunterricht – also dazu, wie man am besten Anweisungen für die KI formuliert. Die Fortbildungen werden zu einem Großteil von den Lehrkräften erstellt, die bei uns als Autoren registriert sind und die sich schon intensiv mit dem Thema beschäftigt haben.
''Wir alle wissen, dass KI nicht immer die Wahrheit sagt''
Golem.de: Wie viele Lehrkräfte aus Berlin sind bei Fobizz registriert?
Knodel: Aus Berlin sind bereits 5.000 Lehrkräfte dabei. Bundesweit erreichen wir 300.000 Lehrkräfte und 5.000 Schulen. Kürzlich hat Mecklenburg-Vorpommern eine Landeslizenz erworben und stellt die Fobizz-Fortbildungen seitdem allen Schulen dort zur Verfügung. In Berlin ist die Förderfrage noch nicht gelöst, aber wir sind immer offen für Gespräche mit Kultusministerien und Schulbehörden.
Golem.de: Was kostet die Nutzung von Fobizz?
Knodel: Jeder kann Fobizz kostenfrei testen, es gibt mehrere Gratiskurse und -webinare. Auch die Fobizz-Tools und die KI-Assistenz lassen sich kostenfrei nutzen. Wenn man regelmäßig damit arbeiten will, braucht man eine Lizenz (hier ein Link zu den Preisen(öffnet im neuen Fenster) , Anm. d. Red.). Auch Schulen haben die Möglichkeit, Fobizz zunächst kostenfrei auszuprobieren, zum Beispiel an einem schulinternen Fortbildungstag.
Golem.de: Wenn es um KI und Hausaufgaben geht, klingeln bei vielen Lehrkräften und Eltern die Alarmglocken. Was entgegnen sie Kritikern?
Knodel: Wie gesagt: Kinder begegnen KI nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause oder bei Freunden. Dort lernen sie aber vielleicht nicht den kritischen Umgang mit KI, den wir uns wünschen. Wie wir alle wissen, sagt KI nicht immer die Wahrheit, sondern erfindet teilweise Inhalte. Auch inhaltliche Fehler und Stereotype kommen vor. Das heißt: Selbst wenn man solche Werkzeuge für die Hausaufgaben nutzt, muss man sich damit auskennen.
Man benötigt nach wie vor Expertenwissen, um die generierten Informationen einzuschätzen. Deshalb plädiere ich dafür, dass Kinder lieber in der Schule einen kritischen, konstruktiven Umgang mit KI erlernen. Fobizz bietet übrigens auch digitale Elternabende an, bei denen Erziehungsberechtigte KI ausprobieren und uns Fragen stellen können. Diese Aufklärungsarbeit ist uns sehr wichtig.
Golem.de: An den Schulen herrscht teilweise großer Lehrkräftemangel. Wie kann KI da helfen?
Knodel: Ich glaube nicht, dass Lehrkräfte kurz- oder mittelfristig durch KI ersetzt werden können. Ich hoffe aber, dass sie entlastet werden, wenn die KI administrative Tätigkeiten übernimmt. Die Lehrkräfte hätten dann wieder mehr Zeit für die eigentliche pädagogische Arbeit. Ich glaube, dass das Pädagogische, Empathische, Menschliche im beginnenden KI-Zeitalter noch viel wichtiger wird.
Dr. Diana Knodel ist Mitgründerin der deutschsprachigen Plattform Fobizz, die Online-Weiterbildungen und Lernwerkzeuge für Lehrkräfte und Schulen anbietet. Zu den thematischen Schwerpunkten der Plattform zählen Künstliche Intelligenz, Medien und Informationstechnologien. Knodel hat Informatik und pädagogische Psychologie an der Universität Ulm studiert und wurde an den Universitäten Ulm und Regensburg promoviert. 2016 war sie Gastprofessorin und Dozentin an der TU Berlin im Bereich Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. Knodel ist Autorin von Kinderbüchern (Carlsen-Verlag) und einem Schulbuch (Klett) zum Thema "Programmieren für Kinder".
Dieser Artikel ist zuerst bei Tagesspiegel Online (T+) erschienen(öffnet im neuen Fenster) .
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