Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Kryptozahlungen: Orlen verliert Hunderte Millionen bei Ölkauf

Orlen will venezolanisches Öl kaufen und zahlt Millionen im Voraus. Doch große Teile verschwinden in einem Geflecht aus Kryptohändlern.
/ Przemyslaw Szymanski
11 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
Logo des polnischen Energiekonzerns Orlen (Symbolbild) (Bild: Orlen)
Logo des polnischen Energiekonzerns Orlen (Symbolbild) Bild: Orlen

Ein missglückter Ölhandel mit Kryptowährungen hat beim polnischen Energiekonzern Orlen ein Loch von Hunderten Millionen US-Dollar hinterlassen. Die Gruppe wollte Ende 2023 über ihre Schweizer Handelstochter Orlen Trading Switzerland (OTS) sechs Millionen Barrel venezolanisches Öl kaufen. Stattdessen verschwanden nach Recherchen der Financial Times(öffnet im neuen Fenster) große Teile einer Vorauszahlung von 230 Millionen US-Dollar in einem Geflecht aus Zwischenhändlern und Kryptogeschäften.

Begonnen hatte das folgenreiche Geschäft mit einer politischen Entscheidung im Oktober 2023. Damals lockerten die USA ihre Sanktionen gegen Venezuela für sechs Monate und öffneten vorübergehend den dortigen Ölmarkt. Das Rohöl war günstig, ließ sich wegen unterbrochener Handels- und Zahlungswege aber nur schwer kaufen.

Um dennoch Geschäfte abschließen zu können, verlangte der staatliche Ölkonzern PDVSA laut dem Bericht zunehmend Vorauszahlungen in USDT. Der vom Unternehmen Tether herausgegebene Stablecoin ist an den US-Dollar gekoppelt.

Vertrag lässt Zahlungsweg offen

Für den Einkauf wandte sich OTS an den Dubaier Rohstoffhändler Hannon International. Der Vertrag vom 29. November 2023 hatte einen Wert von 345 Millionen US-Dollar. Da zwei Drittel vorab fällig waren, überwies OTS den Vorschuss innerhalb von fünf Tagen. Nach Angaben einer mit den Vorgängen vertrauten Person sollte das Geschäft 25 bis 30 Millionen US-Dollar Gewinn einbringen. Kryptowährungen und weitere Vermittler erwähnte der Vertrag nicht.

Die tatsächliche Abwicklung wich davon deutlich ab. Nach Darstellung Hannons musste das Unternehmen das Geld in USDT umtauschen und an PDVSA weiterleiten. Ein Finanzdienstleister in Dubai stellte 80 Millionen USDT bereit und verlangte rund 400.000 US-Dollar. Für einen weiteren Umtausch überwies Hannon 135 Millionen US-Dollar an Horizon Global.

Nach Angaben Hannons wandelte Horizon jedoch nur einen Teil der Summe um und stellte 85 Millionen USDT bereit. Über die verbleibenden 50 Millionen US-Dollar wird vor einem Gericht in Dubai gestritten. Horizon weist die Forderung Hannons zurück. Weitere 30 Millionen US-Dollar überwies Hannon an Gold Mar International Trading. Auch diese Summe sollte in USDT umgetauscht und an PDVSA weitergeleitet werden, kam dort aber nicht an.

Orlen erhielt lediglich Schweröl

Währenddessen warteten drei von Orlen gecharterte Supertanker wochenlang leer vor dem Exportterminal José. Der Gründer von Hannon reiste deshalb mit einem Mitarbeiter nach Caracas. Dort übergaben sie Vermittlern USB-Sticks mit Zugangsschlüsseln zu hohen USDT-Beträgen. Nach Angaben Hannons gingen so 132 Millionen US-Dollar verloren. Weitere 54 Millionen US-Dollar seien für Gebühren und erfolglose Beschaffungsversuche ausgegeben worden.

Das bestellte Merey-16-Rohöl blieb aus. Orlen erhielt lediglich rund 500.000 Barrel Schweröl, etwa die Hälfte der in einem späteren Vertrag mit Hannon vereinbarten Menge. Im April 2024 beendete der Konzern den Vertrag mit Hannon. Einschließlich Fracht-, Rechts- und weiterer Kosten beziffert die polnische Regierung den Schaden auf mindestens 1,6 Milliarden Zloty, umgerechnet etwa 424 Millionen US-Dollar.

Der Fall beschäftigt inzwischen auch die Justiz. Der frühere OTS-Chef wurde laut Reuters(öffnet im neuen Fenster) im Januar 2025 in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgenommen. Polen beantragte seine Auslieferung, weil ihm Verträge zum Nachteil Orlens vorgeworfen werden. Gerichte in den Emiraten lehnten den Antrag jedoch ab, woraufhin er wieder freikam. Auch gegen weitere ehemalige Manager wurden Vorwürfe erhoben. Die Betroffenen weisen diese zurück. Eine gerichtliche Entscheidung steht noch aus. Unabhängig davon versucht Orlen, einen Teil des Geldes über Schiedsverfahren zurückzuholen.


Relevante Themen