Nur gestrandete Erneuerbare?

Wenn beispielsweise ein Bitcoin-Miner mit Strom aus einem nahegelegenen Windpark betrieben wird, würde das zumindest zunächst nicht dazu führen, dass dort die Kapazitäten erhöht würden. Vielmehr würde dann in der Regel an anderer Stelle im Stromnetz der fehlende Strom durch flexible Kraftwerke ausgeglichen, und das sind meist fossile Kraftwerke.

Diese Verdrängungseffekte sind schwer zu modellieren, aber sie bestehen in jedem Fall. Coinshare argumentiert jedoch, dass nicht nur ein Großteil des Bitcoin-Minings mit erneuerbaren Energien stattfinde, sondern dass es sich überwiegend um sogenannte gestrandete erneuerbare Energien handele. Gemeint sind damit Anlagen, die mehr Strom produzieren, als das Netz gerade aufnehmen kann. Ein Beispiel ist wieder die chinesische Region Sichuan. In der dortigen Regenzeit wird in Wasserkraftwerken mehr Strom erzeugt als abgenommen werden kann.

Auch der Verweis auf gestrandete Erneuerbare erscheint eher fragwürdig. Alex de Vries verweist in einer weiteren Publikation in der Fachzeitschrift Joule darauf, dass die meisten Miner ihre Hardware vermutlich in Jahreszeiten, in denen weniger überschüssiger Strom verfügbar ist, nicht abschalten.

Stattdessen dürften sie mit der zu diesem Zeitpunkt in Sichuan verfügbaren Energie betrieben werden, und das ist in der Regel Kohle. Coinshare selbst verweist darauf, dass einige Miner sogar ihre Hardware zu diesen Zeiten in andere Regionen mit vergleichsweise billigem Strom transportieren, beispielsweise in die innere Mongolei. Auch dort kommt der Strom primär aus Kohlekraftwerken.

Mittelfristig ist eine sinnvollere Nutzung gestrandeter Stromerzeugung notwendig

Doch selbst die reine Nutzung von gestrandeten erneuerbaren Energien ist nicht zwangsweise unproblematisch. Denn langfristig ist es natürlich nicht erstrebenswert, dass größere Mengen an vergleichsweise ökologisch erzeugter Energie verschwendet werden. Sinnvoll wäre es vielmehr, diese anderweitig zu nutzen. Naheliegend wäre etwa, die Stromnetze in den entsprechenden Regionen besser auszubauen, damit ungenutzter Strom anderswo verwendet werden kann.

Für eine klimafreundlichere Energieversorgung ist es langfristig nicht nur wichtig, die Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umzustellen, auch andere Bereiche müssen dekarbonisiert werden. Eine vieldiskutierte Möglichkeit hierfür ist die sogenannte Sektorkopplung: Andere Energieverbraucher müssen direkt oder indirekt ebenfalls Strom aus erneuerbaren Energien nutzen. Auch chemische Grundstoffe müssen künftig aus nichtfossilen Quellen erzeugt werden.

Möglich ist dies etwa, indem überschüssiger Strom genutzt wird, um Wärme zu erzeugen und damit zu heizen. Mit entsprechender Speichertechnologie muss diese auch nicht sofort genutzt werden. Auch kann mit überschüssigem Strom Wasserstoff oder synthetischer Kraftstoff produziert werden, wenngleich das vergleichsweise ineffizient ist. Aus all dem folgt, dass es zumindest mittelfristig nicht das Ziel sein kann, überschüssigen Strom für weitgehend sinnlose Rechenoperationen zu verwenden - denn dafür ist er viel zu wertvoll.

Bricht Bitcoin alleine das Zwei-Grad-Ziel?

Neben Abschätzungen, wie viel Strom Bitcoin aktuell verbraucht, haben manche Studien versucht, auch die zukünftigen Emissionen abzuschätzen. Viel Aufmerksamkeit erregte dabei eine Studie, die die Nature Climate Change im vergangenen Jahr veröffentlicht hat.

Die vergleichsweise kurze Studie stellt die Frage, was passieren würde, wenn Kryptowährungen vergleichbar mit anderen technischen Innovationen wachsen. Laut den Studienautoren würde das alleine innerhalb weniger Jahrzehnte verhindern, dass die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzt werden kann.

Die Studie wurde viel kritisiert, da ihre Annahmen vergleichsweise unrealistisch sind. Es ist kaum anzunehmen, dass Bitcoin oder ähnliche Systeme innerhalb kurzer Zeit andere Währungen in großem Maßstab verdrängen. Schon technisch wäre es wenig realistisch, innerhalb kurzer Zeit so viele Kraftwerke zu bauen.

Damit haben die Kritiker dieser Studie vermutlich recht. Gleichzeitig ist es aber natürlich auch ein Eingeständnis: Dass Kryptowährungen das bisherige Währungssystem ersetzen, ist nicht realistisch.

Bitcoin ist nicht alleine

Bitcoin ist zwar die mit Abstand bekannteste Kryptowährung, aber längst nicht die einzige. Die meisten Alternativen setzen ebenfalls Proof-of-Work-Algorithmen ein und haben daher ebenfalls einen hohen Stromverbrauch. Detaillierte Berechnungen findet man zu den meisten Alternativ-Kryptowährungen nicht, Schätzungen gehen davon aus, dass Bitcoin 60 bis 70 Prozent des Marktes dominiert. Die restlichen Währungen dürften also durchaus ebenfalls einen nicht unerheblichen Treibhausgasausstoß produzieren.

Bekanntlich werden Blockchains nicht nur für Kryptowährungen eingesetzt, sondern inzwischen auch als Lösungen für alles Mögliche verkauft. Wie viel davon wirklich sinnvoll ist, kann man zu Recht bezweifeln. Doch es gibt Gründe anzunehmen, dass der Blockchain-Hype jenseits von Kryptowährungen vergleichsweise harmlos in Sachen Klimabilanz ist.

Häufig handelt es sich nämlich bei kommerziellen Blockchain-Produkten um sogenannte private Blockchains. Teilnehmen an diesen darf nicht einfach jeder, sondern nur ein geschlossener Kreis von Personen. Ob man solche Produkte überhaupt als Blockchain bezeichnen sollte, ist bereits strittig. Aber entscheidend ist, dass hier keine Notwendigkeit für einen Proof-of-Work-Mechanismus besteht, es kommen üblicherweise andere Konsensmechanismen zum Einsatz.

Aus ähnlichen Gründen ist auch die Facebook-Währung Libra kein größeres Problem in Sachen Klimaschutz: Facebook setzt auf eine Blockchain, deren Inhalte von einer zentralen Instanz kontrolliert werden, und nutzt keinen Proof-of-Work-Mechanismus.

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senf.dazu 16. Feb 2022

So in kWh je erzeugtem oder gehandeltem Bitcoin bzw. umgerechnet auf ¤ oder...

Symposium 21. Okt 2019

Zu Gartenzwergen liest man komischerweise nirgends übertrieben negative und faktisch...

Symposium 21. Okt 2019

So ist es.

Symposium 21. Okt 2019

Mit Bitcoin ist es wie mit vielen anderen Dingen auch - diejenigen, die es nicht...



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