Abo
  • Services:
Anzeige
Der Komiker Dieter Nuhr beim Querdenker Award 2014
Der Komiker Dieter Nuhr beim Querdenker Award 2014 (Bild: Dominik Bindl/Getty Images)

Kritik an Dieter Nuhr: Wir alle sind der Shitstorm

Der Komiker Dieter Nuhr beim Querdenker Award 2014
Der Komiker Dieter Nuhr beim Querdenker Award 2014 (Bild: Dominik Bindl/Getty Images)

Der Komiker Dieter Nuhr klagt nach Kritik an seinem Griechenland-Witz über einen Rückfall ins Mittelalter via "Shitstorm" - ein Begriff, der überstrapaziert ist und abgeschafft gehört, schreibt eine SZ-Autorin.
Von Hannah Beitzer

Das ging ziemlich in die Hose für Dieter Nuhr. Der Komiker postete kurz nach dem Griechenland-Referendum einen Witz auf Twitter und Facebook: "Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!"

Anzeige

Und bekam hunderte Reaktionen wie diese: "Falls Herr Nuhr irgendwann mal unter den vielen Geldbündeln der Gagen seine Ideale wiederfindet und sich überlegt, warum er mal Kabarettist geworden ist, wird er sich hoffentlich für diesen unqualifizierten und dummen Witz auf Bildzeitungsebene schämen" oder: "Eine Volkswirtschaft ist keine Hauswirtschaft. Und wenn man von ersterem nicht so viel Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!"

Nun beklagte Nuhr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen "Shitstorm" gegen sich. Er konstatiert einen zivilisatorischen Rückfall ins Mittelalter, nennt den Shitstorm "die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts". Dutzende Beleidigungen und Drohungen habe er von seiner Seite gelöscht, daraufhin sei ihm Zensur vorgeworfen worden.

Der Beitrag ist einer von vielen, der sich in den vergangenen Wochen und Monaten mit dem Phänomen beschäftigt: Die Zeit zum Beispiel widmete dem Thema erst kürzlich mehrere Seiten. Der Begriff "Shitstorm" taucht beinahe täglich in Zeitungsartikeln und sozialen Medien auf - sei es, dass sich Menschen online über Kanzlerin Angela Merkels Verhalten gegenüber einem Flüchtlingsmädchen beschweren oder einem Unternehmen sexistische Werbung vorwerfen. Dabei ist Shitstorm nicht gleich Shitstorm - eine Annäherung in fünf Schritten.

1. Was ist Trollerei - und was ist angemessene Kritik?

Das Wichtigste zu Beginn: Menschen in sozialen Medien auf persönlicher Ebene anzugreifen oder gar zu bedrohen, ist falsch. Und jeder, ganz egal ob Journalistin, Berufspolitiker, Aktivistin oder Komiker hat das Recht, gegen "Trolle" - wie solche Störer im Netz heißen - vorzugehen: Twitter-Follower zu blockieren, Kommentare auf der eigenen Facebook-Seite oder dem eigenen Blog zu löschen, Anzeige zu erstatten. Das ist - der vielleicht wichtigste Punkt in Nuhrs Artikel - keine Zensur. Neben Kommentaren, die eindeutig daneben sind, enthalten viele Shitstorms aber auch nüchterne und sachliche Beiträge und eine ganze Menge Kommentare, die weder der einen noch der anderen Seite eindeutig zuzuordnen sind.

Es ist natürlich wahr, dass im Netz nicht alle so differenziert diskutieren, wie sich das manch ein Journalist, Politiker, Prominenter wünscht. Das hat unter anderem damit zu tun, dass hier gesellschaftliche Gruppen aufeinander treffen, die sich normalerweise nicht begegnen, dass sich Menschen mit unterschiedlichem Bildungs- und Informationsstand einbringen. Und nicht nur das: Eine US-Studie hat unlängst ergeben, dass Menschen, denen ein Thema emotional besonders nahe geht, weniger in der Lage sind, dieses Thema klar zu beurteilen, Widersprüche und Feinheiten zu erkennen. Sie äußern sich in sozialen Netzwerken, die zu Übertreibungen und Zuspitzungen einladen, entsprechend.

Dazu kommt: Was der Einzelne als Beleidigung empfindet und was als angemessene Kritik, ist subjektiv. Wenn zum Beispiel Kritiker von Dieter Nuhr in verschiedenen Abwandlungen schreiben, dieser habe keine Ahnung und solle deswegen "einfach mal die Fresse halten", kann man das tatsächlich so interpretieren, als solle der Komiker "mundtot" gemacht werden, wie er selbst schreibt. Wenn man jedoch weiß, dass "Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten" ein Spruch aus Nuhrs Standard-Repertoire als Komiker ist, kann man die Äußerungen auch als ironische Anspielungen lesen.

Zuguterletzt können auch hunderte nüchterne Kommentare bedrohlich wirken auf denjenigen, an den sie gerichtet sind. Das hat schon allein mit ihrer puren Masse zu tun. Auch ein bekannter Mensch wie Dieter Nuhr, der ein Millionenpublikum erreicht, ist halt nur ein einzelner Mensch, dem hunderte Kritiker gegenüber stehen.

2. Es geht um Machtverhältnisse

Auf der anderen Seite scheinen sich viele derjenigen, die sich über Shitstorms beklagen, gar nicht bewusst zu sein, in welch einer privilegierten Situation sie eigentlich sind. "Diejenigen, die sich über den 'rauen Ton' beschweren, sind oft genug auch jene, die sehr daran gewöhnt sind, dass ihre Stimme gehört wird (wie z.B. Journalist_innen) und selbst bei Widerspruch ihre Relevanz nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird", schreibt etwa Autorin Lucie in dem feministischen Blog Kleinerdrei.

Denjenigen, die die Reichweite nicht haben, bleibt wenig mehr als ihre Kritik über soziale Medien zu äußern. Wenn es ziemlich viele Menschen sind, die das tun, wird diese Kritik dann natürlich zu einem Instrument, Druck auszuüben auf diejenigen, die im Hierarchieverhältnis über dem stinknormalen Nutzer stehen - sei es, weil sie Redakteur einer renommierten Zeitung sind oder eben Komiker, denen ein Millionenpublikum zuhört. Ein Instrument übrigens, das durchaus der klassischen Demo vor dem Verlagsgebäude oder der Parteizentrale ähnelt. Der Shitstorm ist damit, wenn man so will, kein Beitrag zur Debatte im feuilletonistischen Sinn, sondern eine Form von politischem Aktivismus, ein Weg, bestehende Machtverhältnisse in Frage zu stellen.

Wenn Nuhr, der Komiker mit dem Millionenpublikum, davon spricht, dass "die pöbelnde Masse" heute wieder "selbstbewusst als Handelnder" auftritt, dann hat das einen bitteren Beigeschmack. Böswillig interpretiert: "Die da unten" sollen gefälligst unten bleiben, zu seinen Auftritten kommen, aber ihm "da oben" gefälligst nicht auf die Nerven gehen mit ihrer Kritik.

Wer geschützt werden muss 

eye home zur Startseite
NWM 31. Jul 2015

Äh - Doch! Liegt doch in der Natur der Sache, das jemand ohne Humor näher am Wasser...

DrWatson 30. Jul 2015

Und Preise entstehen durch Angebot und Nachfrage. Was ist daran jetzt Quatsch? Wer muss...

kitingChris 30. Jul 2015

Unabhängig davon wie man zum Rest des Textes steht ich finde das Fazit wirklich klasse!

KlarrKlarheit-in D 29. Jul 2015

Das ist wohl wahr!! Interessant sich mal wieder schwarz-weiss Meinungen anzuschauen...

KlarrKlarheit-in D 29. Jul 2015

Neues Gesetz!!! Öffentliche Personen behalten die Eigentumsrechte an ihrer Person...



Anzeige

Stellenmarkt
  1. MediaMarktSaturn IT Solutions, München
  2. Leadec Management Central Europe BV & Co. KG, Heilbronn
  3. KRÜSS GmbH, Hamburg
  4. thyssenkrupp AG, Essen


Anzeige
Top-Angebote
  1. für 8,88€ kaufen + 25% Rabatt auf Teil 2 sichern!
  2. (-67%) 19,99€
  3. (-47%) 31,99€

Folgen Sie uns
       


  1. Nvidia

    Keine Volta-basierten Geforces in 2017

  2. Grafikkarte

    Sonnets eGFX Breakaway Box kostet 330 Euro

  3. E-Commerce

    Kartellamt will Online-Shops des Einzelhandels schützen

  4. id Software

    Quake Champions startet in den Early Access

  5. Betrug

    Verbraucherzentrale warnt vor gefälschten Youporn-Mahnungen

  6. Lenovo

    Smartphone- und Servergeschäft sorgen für Verlust

  7. Open Source Projekt

    Oracle will Java EE abgeben

  8. Apple iPhone 5s

    Hacker veröffentlicht Secure-Enclave-Key für alte iPhones

  9. Forum

    Reddit bietet native Unterstützung von Videos

  10. Biomimetik

    Drohne landet kontrolliert an senkrechter Wand



Haben wir etwas übersehen?

E-Mail an news@golem.de


Anzeige
Threadripper 1950X und 1920X im Test: AMD hat die schnellste Desktop-CPU
Threadripper 1950X und 1920X im Test
AMD hat die schnellste Desktop-CPU
  1. Ryzen AMD bestätigt Compiler-Fehler unter Linux
  2. CPU Achtkerniger Threadripper erscheint Ende August
  3. Ryzen 3 1300X und 1200 im Test Harte Gegner für Intels Core i3

Sysadmin Day 2017: Zum Admin-Sein fehlen mir die Superkräfte
Sysadmin Day 2017
Zum Admin-Sein fehlen mir die Superkräfte

Orange Pi 2G IoT ausprobiert: Wir bauen uns ein 20-Euro-Smartphone
Orange Pi 2G IoT ausprobiert
Wir bauen uns ein 20-Euro-Smartphone
  1. Odroid HC-1 Bastelrechner besser stapeln im NAS
  2. Bastelrechner Nano Pi im Test Klein, aber nicht unbedingt oho

  1. Re: Deshalb braucht man Konkurrenz

    Rolf Schreiter | 22:09

  2. Das gabs schon früher

    kandesbunzler | 22:00

  3. Re: Geil...

    My1 | 21:58

  4. Gut, dass die damals nicht auf die Idee gekommen...

    marvin_42 | 21:57

  5. Re: IMHO KervyN an Oracle abgeben...

    My1 | 21:57


  1. 17:56

  2. 16:20

  3. 15:30

  4. 15:07

  5. 14:54

  6. 13:48

  7. 13:15

  8. 12:55


  1. Themen
  2. A
  3. B
  4. C
  5. D
  6. E
  7. F
  8. G
  9. H
  10. I
  11. J
  12. K
  13. L
  14. M
  15. N
  16. O
  17. P
  18. Q
  19. R
  20. S
  21. T
  22. U
  23. V
  24. W
  25. X
  26. Y
  27. Z
  28. #
 
    •  / 
    Zum Artikel