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Wer geschützt werden muss

3. Du stehst nicht im Stau, Du bist der Stau

Fest steht auch, dass die, die Shitstorm-Dynamiken im Netz beklagen, damit eben jene Dynamiken befeuern. Jeder kritische Artikel, der zu einem Shitstorm-Thema erscheint, dreht es schließlich noch eine Windung weiter, provoziert Reaktionen und Gegen-Reaktionen, was dann wieder zu der Klage führt: völlig überdreht, diese Debatte! Und das Spiel beginnt von vorn. Wenn zum Beispiel ein FAZ-Blogger den Shitstorm gegen eine Journalistin beklagt - und gleichzeitig zum Shitstorm gegen eine ihrer Kritikerinnen bläst.

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"Du stehst nicht im Stau, Du bist der Stau - Du schreibst nicht über die Empörungswelle, Du bist die Empörungswelle": Mit diesem Vergleich bringt der Netzexperte Sascha Lobo das Problem mit dem Shitstorm auf den Punkt. Klar, jeder ist ja der Ansicht, dass er das Recht hat, sich zu einem Thema zu äußern - und eine Instanz, die bestimmt, wer tatsächlich das Recht hat, gibt es nicht. Was auch gut so ist.

4. Wen wir besonders schützen müssen

Es geht also häufig um Diskurshoheit und damit Macht - wer sie hat, wer nicht, wer sie verteidigen und wer sie angreifen will. Doch was ist eigentlich mit denen, die keine besondere Machtposition im Diskurs haben und trotzdem angegriffen werden? Das "trotzdem" führt an dieser Stelle in die Irre, legt der Artikel The trolls are winning von Ellen Pao nahe, ehemalige Chefin der Online-Plattform Reddit.

Pao hatte selbst mit massiven Bedrohungen zu kämpfen. Sie schreibt, besonders Frauen und Minderheiten seien von Beleidigungen und Hass betroffen, wenn sie sich öffentlich äußern. Also gerade Gruppen, die in der Gesellschaft nicht als einflussreich gelten - und die von ihren Angreifern zurück auf den vermeintlichen Platz verwiesen werden sollen.

Dafür gibt es viele Beispiele. Seien es nun Frauen, die sich in der männlich dominierten Welt der Computerspiele über Sexismus beschweren oder Homosexuelle, die für ihre Rechte eintreten. Vergewaltigungs- und Morddrohungen sind für feministische Aktivistinnen trauriger Alltag - und machen deutlich, dass der inflationäre und pauschale Gebrauch des Begriffs "Shitstorm" problematisch ist.

"Ein Unternehmen auf seinen Social-Media-Kanälen für sexistische Werbung zu kritisieren ist etwas anderes, als einer Aktivistin zu sagen, dass sie nur mal wieder 'ordentlich durchfickt' gehört", sagt dazu die deutsche Feministin Anne Wizorek. Klar auch: Das Unternehmen hat ein Social-Media-Team, das dafür bezahlt wird, auch massenhafte Kritik zu managen. Der stinknormale Mensch hat das nicht und ist mit seinen Gefühlen und Ängsten allein.

5. Wir müssen verzeihen lernen - und für andere einstehen

Da ist es kein Wunder, dass einen manchmal beim Blick ins Netz die Verzweiflung packt. Ellen Pao betont in ihrem Artikel, dass ab einer gewissen Größe das Community-Management einer Plattform nicht mehr in der Lage sei, allein für gute Stimmung zu sorgen. Es sei dann auf die Nutzer angewiesen.

Als Reaktion auf die Angriffe hätten ihr viele liebevolle und freundliche Nachrichten geschrieben. Und viele hätten sich entschuldigt, nicht eingegriffen, weggesehen zu haben. "Im Kampf um das Internet gibt mir die Macht der Menschlichkeit, Hass zu überwinden, Hoffnung", schreibt sie abschließend, "Ich weiß, dass wir gewinnen können". Gerade die, die in der privilegierten Position sind, zu den Meinungsmachern zu gehören, haben eine besondere Verantwortung, die Dynamiken des Shitstorms zu brechen. Das bedeutet auch, sich wenn nötig solidarisch zu denen zu zeigen, deren Meinung man nicht teilt - gerade mit denen.

Wie das aussehen kann, hat zum Beispiel Welt-Redakteurin Ronja von Rönne gezeigt. Die Autorin war für einen anti-feministischen Text in den sozialen Medien harsch angegangen worden. Und wie das so ist: Der Kritiksturm schlug bald um und erwischte diejenigen, die von Rönne angegriffen hatten. Darunter war eine Journalistin der Tagesschau, deren Entlassung aufgeregte Rönne-Fans forderten.

"Ich lasse mich, ähnlich wie diese ARD-Frau, gerne zu schrägen Formulierungen hinreißen, einfach nur, weil mich die Pointe reizt", schrieb von Rönne darauf auf Facebook: "jetzt dazu aufzurufen, der Frau zu kündigen, ist etwas, bei dem ich massiv dagegen halte. Für Verzeihlichkeit! Für die Freiheit, dummes Zeug zu reden!"

Von Rönne hat recht. Menschen machen Fehler, reden und schreiben dummes Zeug, genauso, wie sie kluges Zeug reden und schreiben. Die Auseinandersetzung damit und die Kritik daran ist wichtig. Aber: Im Netz vergessen viele in der Diskussion die Regeln des Anstands. Diese Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann, ist schon alt, vieldiskutiert - wie Netzbewohner der ersten Stunde nicht müde werden zu betonen. Sie ist aber umso wichtiger, als mehr und mehr Menschen soziale Netzwerke nutzen, um ihre Meinung zu sagen.

Vielleicht wäre es ein erster Schritt, den lästigen Begriff "Shitstorm" endlich sein zu lassen und die Bestandteile bei ihrem Namen zu nennen: (scharfe) Kritik ist (scharfe) Kritik, Beleidigungen sind Beleidigungen, Drohungen sind Drohungen, Hass ist Hass und eine Debatte ist eine Debatte. Hoffentlich. Irgendwann einmal.

 Kritik an Dieter Nuhr: Wir alle sind der Shitstorm
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NWM 31. Jul 2015

Äh - Doch! Liegt doch in der Natur der Sache, das jemand ohne Humor näher am Wasser...

DrWatson 30. Jul 2015

Und Preise entstehen durch Angebot und Nachfrage. Was ist daran jetzt Quatsch? Wer muss...

kitingChris 30. Jul 2015

Unabhängig davon wie man zum Rest des Textes steht ich finde das Fazit wirklich klasse!

KlarrKlarheit-in D 29. Jul 2015

Das ist wohl wahr!! Interessant sich mal wieder schwarz-weiss Meinungen anzuschauen...

KlarrKlarheit-in D 29. Jul 2015

Neues Gesetz!!! Öffentliche Personen behalten die Eigentumsrechte an ihrer Person...


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