Zum Hauptinhalt Zur Navigation Zur Suche

Kooperation: UN-Bericht warnt vor digitaler Pandemie

Ein UN-Bericht warnt vor großflächigen Ausfällen kritischer Digitalinfrastruktur. Sonnenstürme, gekappte Seekabel oder Extremwetter könnten Kaskadeneffekte auslösen.
/ Michael Linden
1 Kommentare Auf Google folgen (öffnet im neuen Fenster)
UN warnt vor digitalem Supergau und fehlender Resilizenz. (Bild: KI-generiert mit OpenAI Image 2.0)
UN warnt vor digitalem Supergau und fehlender Resilizenz. Bild: KI-generiert mit OpenAI Image 2.0

Ein neuer Expertenbericht zeichnet ein nüchternes Bild der Verletzlichkeit moderner digitaler Infrastrukturen. Die Studie When digital systems fail: The hidden risks of our digital world(öffnet im neuen Fenster) wurde von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU), dem UN-Büro für Katastrophenvorsorge (UNDRR) und Sciences Po Paris gemeinsam veröffentlicht.

Der Bericht beschreibt Szenarien, in denen Sonnenstürme, durchtrennte Seekabel oder extreme Wetterereignisse Kettenreaktionen auslösen könnten. Die Autoren schreiben von der Gefahr einer "digitalen Pandemie". Damit sind großflächige Ausfälle gemeint, die sich über Sektoren und Ländergrenzen hinweg ausbreiten. Aktuelle Risikomanagement-Frameworks seien für diese Dynamik nicht ausgelegt.

Untersucht wurden drei Bereiche: Weltraum, Erdoberfläche und Tiefsee. Ein Sonnensturm vom Ausmaß des Carrington-Ereignisses von 1859(öffnet im neuen Fenster) könnte Satelliten lahmlegen, Navigationssysteme stören und Stromnetze destabilisieren. Die Wiederherstellung würde sich laut Bericht über Monate hinziehen, da Ersatzteile für Hochspannungstransformatoren weltweit nur in wenigen Fabriken hergestellt werden.

Kaskadeneffekte als zentrales Problem

Die Forscher verweisen auf empirische Studien, wonach bis zu 89 Prozent der durch Naturgefahren verursachten digitalen Störungen nicht aus dem ursprünglichen Schaden resultieren. Vielmehr entstehen sie durch sekundäre Folgewirkungen in vernetzten Systemen. Die Zahl der letztlich betroffenen Personen kann demnach bis zu zehnmal höher liegen als jene, die dem Ausgangsereignis direkt ausgesetzt sind.

Als Beispiel nennt der Bericht den Stromausfall in Spanien 2025, bei dem 15 Gigawatt Leistung schlagartig wegfielen. Telekommunikationsdienste in Spanien und Portugal brachen zusammen, Folgewirkungen reichten bis nach Marokko und Grönland. Auch der Vulkanausbruch bei Tonga 2022, der die Inselgruppe für fünf Wochen vom Internet trennte, wird als warnendes Beispiel angeführt.

Vier Infrastrukturbereiche stehen im Fokus der Analyse: Stromnetze als Fundament, Seekabel als Rückgrat des internationalen Datenverkehrs, Satellitensysteme sowie Rechenzentren. Letztere bezeichnen die Autoren als versteckten Konzentrationsrisikofaktor. Bis 2030 dürfte sich der globale Stromverbrauch von Rechenzentren auf rund 945 Terawattstunden mehr als verdoppeln.

Verlust analoger Rückfalloptionen

Ein weiterer Befund des Berichts betrifft den schleichenden Verlust analoger Fähigkeiten. Fielen digitale Systeme im großen Stil aus, stünden Krankenhäuser, Banken und Verwaltungen ohne praktikable Alternativen da. Mitarbeiter seien oft ausschliesslich auf elektronische Systeme geschult, manuelle Verfahren würden nicht mehr geübt.

Doreen Bogdan-Martin, Generalsekretärin der ITU, betonte, Resilienz müsse in die DNA der genutzten Technologien eingebaut werden. Kamal Kishore vom UNDRR ergänzte, digitale Infrastruktur müsse als resiliente Infrastruktur geplant und unterhalten werden. Arancha González von Sciences Po sprach sich für interdisziplinäre Zusammenarbeit aus.

Die Autoren formulieren sechs Handlungsprioritäten: Wissensaufbau zu kritischen Risiken, Modernisierung des Risikomanagements, Stärkung internationaler Standards, proaktive Koordination bei Hochrisikofeldern wie Weltraumwetter und Seekabeln, gesellschaftliche Resilienz sowie Vertrauensbildung zwischen Akteuren. Der Bericht entstand unter Mitwirkung von Fachleuten aus 12 Ländern.


Relevante Themen