Konsole auf Abwegen: Ganz professionell - Steamdeck als Büro-PC

Außerhalb unserer Tech-Bubble erleben wir häufiger Freunde und Bekannte, die abgesehen von ihrem Smartphone praktisch keinen PC besitzen. Wenn überhaupt, dann ist es ein altes Notebook, auf dem die Software für die Steuererklärung läuft und alle paar Monate ein Dokument gedruckt wird. Und im Urlaub geht es uns selbst so, dass wir nicht unbedingt unser Laptop dabeihaben wollen.
Die Valve Steamdeck kann hier als vollwertiger PC eine interessante Lücke füllen. Sie lässt sich wie eine Spielekonsole behandeln, kann aber dank Desktop-Modus und der Fähigkeit auch Microsoft Windows 11 auszuführen, auch als PC genutzt werden. Wir haben uns daher angeschaut, was nach über einem Jahr mit besseren Treibern möglich ist. Für Linux-Fans war die Konsole schon länger, auch in dieser Hinsicht attraktiv .
Dabei erleben wir direkt die erste Enttäuschung. Entgegen der Ankündigung von Valve, mit SteamOS 3.0 auch Dual-Boot zu unterstützen, gibt es diese Funktion offiziell bis heute nicht. Experten können sich mit einer manuellen Konfiguration behelfen und Windows dennoch auf der internen SSD installieren, andernfalls bleibt nur der deutlich einfachere Weg per SD-Karte.
Leichte Installation mit Hindernissen
Windows auf einer SD-Karte zu installieren, wird eigentlich nicht empfohlen, funktioniert für gelegentliche Nutzung aber dennoch ausreichend gut. Wir haben daher ein frisches Windows 11 auf einer Sandisk Extreme Pro 256 GByte installiert, die aktuell rund 30 Euro kostet.
Bei der Installation stoßen wir direkt auf eine der Limitierungen, die eine Steamdeck nicht ohne Zusatzhardware zum PC-Ersatz werden lässt: der extreme Mangel an USB-Anschlüssen. Während selbst Apple einsehen musste, dass ein einzelner Typ-C-Port nicht ausreicht, war Valve anderer Meinung. Der einzige andere Anschluss ist ein 3,5 mm-Klinkenstecker. Eine lang angekündigte Lösung für dieses Problem ist mittlerweile von Valve auf den Markt gekommen, die Steamdeck-Dockingstation(öffnet im neuen Fenster) .
Beim Hub auf Lademöglichkeiten achten
Alternativ dazu funktionieren auch andere USB-Hubs mit Displayausgang oder ein Bildschirm mit Typ-C-Eingang und eingebautem Hub. Wir haben beide Varianten getestet, die meiste Zeit aber einen Eizo Monitor benutzt, der Display- und USB-Signale über Typ-C empfängt und gleichzeitig bis zu 60 Watt Ladeleistung bereitstellt. So lässt sich die Konsole beliebig lange als PC nutzen. Bluetooth für Maus, Tastatur und Headset funktioniert erst nach der Treiberinstallation. Die Installation per Rufus-USB funktioniert fast automatisch, dank der USB-To-Go-Funktion, mit der sich direkt ein startfähiges Windows aus einer Windows 10 oder 11 Iso-Datei erstellen lässt. Die Konfiguration auf der Konsole selbst dauert auf der SD-Karte eine ganze Weile, braucht aber nur wenige Benutzereingaben. Windows 11 22H2 hat glücklicherweise einen passenden WLAN-Treiber, Umwege wie vor einem Jahr müssen wir deshalb nicht mehr gehen.
Alltagshelfer mit wenigen Einschränkungen
Der Systemstart von der SD-Karte dauert rund eine Minute, etwas länger als wir es von einer SSD kennen. Wirklich lange warten muss man aber nicht. Bei der Bedienung fällt aber auf, dass Ladezeiten von Programmen und Menüs immer mal wieder einige Sekunden dauern. Nach der Installation der Treiber(öffnet im neuen Fenster) läuft das System gut, man merkt aber immer etwas, dass hier ein eher schwacher PC am Werk ist.
Eine der Aufgaben, die man sicher nicht auf dem Handy machen möchte, dürfte das Schreiben von längeren Texten sein. Wir haben daher als Test diesen kompletten Artikel auf unserer Steamdeck geschrieben. Verglichen mit dem sonst genutzten Computer gibt es dabei praktisch keinen Unterschied. Wer seine Texte anschließen drucken muss, kann das ebenfalls tun. Unser Drucker im Netzwerk ließ sich problemfrei finden und nutzen.
Internetseiten in Google-Chrome lassen sich normal bedienen, beim Scrollen merken wir nur gelegentlich bei aufwändigen Elementen, dass ein schnelles Notebook oder gar ein Desktop-PC noch etwas mehr Performance hat. Nach einiger Zeit haben wir vergessen, dass wir die ganze Zeit das Testgerät für den Artikel statt des normalen Computers nutzen.
Nicht genug Leistung für anspruchsvolle Aufgaben
Die bessere gute Benutzbarkeit und einfache Installation können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Steamdeck mit einer Quad-Core-CPU auf Zen-2-Basis nicht mit Desktop-PCs mithalten kann. 4253 Punkte in Cinebench R23 sind eindeutig, den im Titel versprochenen Büro-PC gibt es - Mehr allerdings nicht!
Bild- und Videobearbeitung funktioniert deshalb nur eingeschränkt. Die Fotosammlung per USB abspeichern und zu sortieren ist unproblematisch. Auch das Konvertieren von 100 RAW-Fotos zu JPEG schaffte unsere Konsole in knappen sieben Minuten. Wenn aber aufwändigere Bearbeitung ansteht, fehlt der Konsole sowohl Rechenleistung als auch Arbeitsspeicher.
SteamOS Desktop-Modus statt Windows
Was uns besonders in Windows etwas stört, ist das Betriebsgeräusch. Unsere Konsole ist immer wieder deutlich hörbar. Ein Intel NUC oder ein Business-Notebook fallen meistens deutlich weniger auf, stellenweise sind sie sogar passiv gekühlt. Auch ein Desktop-PC in dieser Leistungsklasse sollte praktisch lautlos sein.
Wenn keine Windows-spezifische Software eingesetzt wird, empfehlen wir darüber hinaus, statt Windows 11 lieber den Desktop-Modus von SteamOS zu nutzen. Unter der Haube arbeitet ein normales Linux, das sich auch voll nutzen lässt. Vor allem entfallen dabei die Nachteile der langsamen Zugriffszeiten durch die SD-Karte.
Wer viele Daten auf der Konsole ablegt, kann dies dabei sowohl auf einer SD-Karte als auch auf der internen SSD tun. Die SD-Karte ist dabei die einfachere Option. Wer basteln mag, für den gibt es eine kleine Auswahl an kompatiblen SSDs. WD hat letzte Woche die SN770M(öffnet im neuen Fenster) mit bis zu zwei Terabyte Speicherkapazität im M.2-2230-Formfaktor vorgestellt. Allerdings lassen sich alle Hersteller den besonderen Formfaktor extra bezahlen.
Für Spiele bleibt SteamOS die bessere Wahl
Für Spiele empfehlen wir ganz klar SteamOS. Bei der Performance unterscheidet sich SteamOS zwar kaum von Windows, die Bedienung per Controller fühlt sich aber besser an. Für die Nutzung mit einem Monitor ist die Steamdeck außerdem etwas zu langsam. Während Full-HD je nach Titel noch funktionieren mag, wird es ab WQHD selbst mit FSR2 schwierig. Windows kann aber eine Alternative für Spiele sein, die mit SteamOS gar nicht kompatibel sind.
Das Controller-Mapping für Windows funktioniert nach etwas Konfiguration und einer passenden Anleitung zwar gut, die Voreinstellungen in SteamOS übertreffen dies aber im Komfort noch einmal deutlich. Gerade für die mobile Nutzung hat sich Valve Mühe gegeben, auch was Touch-Eingaben betrifft. Windows hat einige der Funktionen zwar auch, man merkt den Tablet- und Notebook-Fokus aber deutlich.
Fazit: Valves Steamdeck kann im Kombination mit einem Monitor sowie Maus und Tastatur tatsächlich die Aufgaben eines Desktop-PCs übernehmen. Allerdings vorwiegend die eines klassischen Büro-Computers. Anspruchsvolles 3D-Rendering, Videobearbeitung oder KI-Modelle gehören nicht zu den Stärken der kleinen Konsole.



