Konflikt mit China: Ohne Taiwan fehlen zwei Drittel aller Chips

Der Besuch der Sprecherin(öffnet im neuen Fenster) des US-amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, in Taiwan hat scharfe Kritik(öffnet im neuen Fenster) aus China provoziert: Vizeaußenminister Xie Feng soll von einer "ernsten Provokation" und einem "Verstoß gegen den Ein-China-Grundsatz" gesprochen haben. Das Verteidigungsministerium drohte mit einer militärischen Reaktion, schon am Dienstag wurden weitere Kampfjets entsendet und maritime Manöver mit Schießübungen geplant, um Taiwan einzuschüchtern.
Abgesehen davon, dass jedweder Krieg furchtbares Leid für die Bevölkerung des angegriffenen Landes bedeutet, sind auch die Auswirkungen auf die globale Gemeinschaft nicht zu unterschätzen. Insbesondere Taiwan spielt eine Schlüsselrolle bei der weltweiten Versorgung mit Halbleitern, eine Blockade oder Besetzung der Insel könnte für viele Wirtschaftsbereiche eine Katastrophe mit gigantischem Ausmaß erreichen.
Laut den Wirtschaftsanalysten von Trendforce hält Taiwan satte zwei Drittel des weltweiten Marktanteils an Halbleitern(öffnet im neuen Fenster) , zumindest mit Blick auf den Umsatz. Bei der Wafer-Kapazität sind es immer noch enorme 48 Prozent, wobei TSMC als größte Foundry des Planeten diese nahezu vollständig(öffnet im neuen Fenster) stellt. Kleinere Fertiger wie UMC oder PSCM spielen relativ betrachtet kaum eine Rolle, dennoch stemmen auch sie ihren Anteil.
Ohne Taiwan kommt die Halbleiterindustrie weitestgehend zum Erliegen
TSMC produziert Chips für nahezu alle Unternehmen weltweit: Neben großen CPU/GPU-Anbietern wie AMD, Apple, Intel, Nvidia oder Qualcomm fallen darunter auch Unmengen an Zulieferern aus der Automobil-Branche. Schon während der Covid-Lockdowns zeigte sich deren starke Abhängigkeit von Taiwan, da in den USA und Südkorea oder gar in Europa nur ein Bruchteil an Halbleitern hergestellt oder weiterverarbeitet wird.
Denn ein Wafer oder ein vereinzeltes Die per se machen noch keinen funktionsfähigen Chip, erst durch das sogenannte Packaging entsteht ein solcher. Mit ASE sitzt das größte OSAT-Unternehmen (Outsourced Semiconductor Assembly & Test) ebenfalls in Taiwan, den Daten von Trendforce zufolge liegt der Marktanteil bei knapp einem Viertel(öffnet im neuen Fenster) – gefolgt von Amkor aus den USA und JCET aus China. Zählt man die ASE-Tochter SPIL mit dazu, kommt der OSAT-Anbieter gar auf über ein Drittel am weltweiten Marktanteil.
China ist sich dessen bewusst, weshalb die eigene Halbleiterindustrie seit Jahren mit Milliardeninvestitionen ausgebaut wird.
Europa und USA legen vor
Taiwans Regierung etwa hat TSMC untersagt, allzu viele Fabs auf dem Festland zu errichten. Die größte chinesische Foundry ist SMIC, welche jedoch Exportbeschränkungen seitens der USA unterliegt und daher einzig Zugriff auf DUV-Scanner für 14 nm und 7 nm hat. So überrascht es wenig, dass Halbleiter neben Erdöl der größte Importposten(öffnet im neuen Fenster) von China sind, auch Autos mit (zumindest anteilig taiwanischen) Chips werden sehr häufig eingekauft.
Folgerichtig würde ein ernsthafter Konflikt zwischen China und Taiwan die Weltwirtschaft massivst beschädigen, aber auch China selbst dürfte schwer getroffen werden. Insbesondere die als konsumfreudig geltende Mittelschicht könnte das zu spüren bekommen, wenn Autos oder iPhones unbezahlbar werden oder schlicht nicht mehr verfügbar sind. Paradoxerweise wäre genau das ein Argument für China(öffnet im neuen Fenster) : Die eigene Industrie ist so abhängig von Taiwan, dass eine Annexion von Vorteil wäre.
Gerade mit Blick auf den Chips Act for America und den European Chips Act , welche beide ebenfalls viele Milliarden zur Förderung der lokalen Halbleiterlieferkette vorsehen, könnte China eine militärische Reaktion als Möglichkeit ansehen, die eigene Unabhängigkeit zu stärken – auf Kosten von Taiwan und nahezu aller anderen Staaten dieser Welt.
Klassisches Gefangenendilemma
Aus diesem Grund wären allerdings auch Sanktionen gegen China verglichen mit denen gegen Russland ungleich schwerwiegender. Der Westen, allen voran die USA, ist extrem abhängig von Chinas Exporten, und das betrifft nicht nur auf Halbleitern basierende Elektronik. Kleidung sowie Spielwaren, aber auch viele Lebensmittel (ein Beispiel sind Erdbeeren(öffnet im neuen Fenster) ), kommen ebenfalls zu großen Teilen aus der Volksrepublik China.
Überdies ist China auf Importe für seine heimische Wirtschaft angewiesen: Ohne Eisenerz käme die Baubranche zum Erliegen, China ist hier größter Importeur(öffnet im neuen Fenster) . Auch Maschinen werden importiert, und ohne Ersatzteile stehen über kurz oder lang die Fabriken still. Realistisch betrachtet haben also alle Beteiligten des Konflikts viel zu verlieren – was weiterhin auf eine diplomatische Lösung hoffen lässt.



