Knowledge Engine: Wirbel um angebliche Wikipedia-Konkurrenz zu Google

Nach dem Streit über die Neubesetzung eines Vorstandspostens gibt es neuen Krach zwischen der Wikipedia-Community und der Wikimedia-Stiftung (WMF). Auslöser sind Pläne für eine Suchmaschine, für die die Stiftung eine zweckgebundene Spende in Höhe von 250.000 Dollar erhalten hat. Unklar ist derzeit, welche Aufgaben die "Wissensmaschine" (Knowledge Engine) tatsächlich erfüllen soll.
Will die Stiftung damit kommerziellen Suchmaschinen wie Google, Bing oder Yahoo Konkurrenz machen? Verschiedene Passagen aus einer Vereinbarung zwischen der WMF und dem Geldgeber(öffnet im neuen Fenster) , der Knight-Stiftung(öffnet im neuen Fenster) legen diesen Schluss nahe. Darin heißt es: "Die Knowledge Engine von Wikipedia wird das Auffinden von Medien, Nachrichten und Informationen demokratisieren. Sie wird die relevantesten Informationen des Internets besser zugänglich und öffentlich kuratiert machen. (...) Heutzutage dominieren kommerzielle Suchmaschinen die Internetsuche. Dabei nutzen sie proprietäre Technik, um die Zugangswege zu Wissen und Informationen im Internet zu verfestigen. Ihre Algorithmen verschleiern den Weg, wie die Internetinformationen gesammelt und angezeigt werden."
Die erste transparente Suchmaschine
Dass die Knowledge Engine mehr Inhalte suchen soll, als in den verschiedenen Wikimedia-Projekten (Wikipedia, Wictionary, Wikidata, Wikibooks, Wikicommons etc.) enthalten sind, deutet ein weiterer Satz an. Darin wird die Suchmaschine als "System für das Finden von zuverlässigen und vertrauenswürdigen öffentlichen Informationen im Internet" beschrieben. Damit werde die Knowledge Engine die "erste transparente Suchmaschine des Internets" . An einer anderen Stelle wird davor gewarnt, dass Google, Yahoo oder andere kommerzielle Suchmaschinenbetreiber die neue Wikipedia-Suche torpedieren könnten, indem sie ein ähnliches Projekt starten könnten.
Letzteres könnte bedeuten: Die neue Wikimedia-Suche soll längst nicht so umfassend sein, wie es Google oder Bing heute schon sind. Sonst müsste die kommerzielle Konkurrenz nicht ein vergleichbares Projekt starten, um Wikipedia abzuwehren. Es könnte auch gemeint sein, dass Google oder Bing selbst einen transparenten Ableger starten könnten, der nicht so viel Geheimniskrämerei um den Suchalgorithmus betreibt.
Kritik an Intransparenz der Stiftung
Fehlende Transparenz ist in diesem Fall aber genau das, was die Community der Wikimedia-Stiftung in San Francisco vorwirft. Angeheizt wurde die Debatte durch das frühere Vorstandsmitglied James Heilman, der Ende Dezember 2015 vom übrigen Vorstand (Board of Trustees) geschasst wurde. In der internen Mitgliederpublikation Signpost behauptet Heilman nun indirekt(öffnet im neuen Fenster) , wegen seiner Kritik an der Spende aus dem Vorstand gedrängt worden zu sein. Zudem warf er der Geschäftsführung um Lila Tretikov vor, die Inhalte der Vereinbarung nicht veröffentlichen zu wollen. Tretikov hatte Ende Januar einige Details zu dem Projekt erläutert(öffnet im neuen Fenster) , die Vereinbarung aber aus Datenschutzgründen damals noch zurückgehalten.
Der nun vorgelegte Text wirft jedoch mehr Fragen auf, als er beantwortet. So wird das gesamte Budget für das Projekt in den Jahren 2015 und 2016 mit etwa 2,5 Millionen Dollar angegeben. Das erscheint reichlich wenig, um damit eine Google-Konkurrenz aufzubauen. Dem Dokument zufolge verfügt die Knowledge Engine über vier Stufen: Finden ( Discovery(öffnet im neuen Fenster) ), Beratung (Advisory), Community und Erweiterung (Extension). Die Spende soll die erste Stufe der Suchmaschine mitfinanzieren, für die ein Entwicklungszeitraum von 16 bis 18 Monaten veranschlagt wird.
Beobachter schätzen die Gesamtkosten für die mehrjährige Entwicklung der Engine auf zwölf Millionen Dollar(öffnet im neuen Fenster) . Daneben soll das Discovery-Projekt beispielsweise eruieren, inwieweit die Wikipedia vorab auf Endgeräten installiert werden kann. Ebenfalls soll herausgefunden werden, ob die Nutzer auch dann zur Wikipedia gehen, wenn sich hinter dem Lexikon ein offener Kanal verbirgt. Einem ersten Konzept zufolge(öffnet im neuen Fenster) könnte die Startseite der Wikipedia künftig derjenigen von Google stark ähneln.
Wales wirft Kritikern Paranoia vor
Stirnrunzeln bereitet manchem Wikipedianer die Formulierung, wonach das Projekt "Prototypen" für die künftige Ausgestaltung der eigentlichen Enzyklopädie Wikipedia.org entwickeln soll. Befürchtungen, dahinter könnte die computergenerierte Erstellung von Artikeln aus Wikidata stehen, wies Wikipedia-Gründer Jimmy Wales auf seiner Diskussionsseite(öffnet im neuen Fenster) als "unnötig paranoid" zurück. Dies sei schon allein aus technischen Gründen nicht umsetzbar und würde große Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz erfordern.
Zudem verfüge die Stiftung nicht über die erforderlichen Mittel, um eine direkte Konkurrenz zu Google oder Bing zu entwickeln. Solche Berichte seien "komplett und vollständig falsch" , schreibt der Wikipedia-Gründer(öffnet im neuen Fenster) . Wales selbst hatte mit dem Google-Konkurrenten Wikia Search schlechte Erfahrungen gemacht und das Projekt im Jahr 2009 eingestellt . Er wollte aber nicht ausschließen, dass die Wikipedia-Suche künftig auch akademische oder frei zugängliche Inhalte umfassen könnte. Das Wikipedia-Motto "Sei mutig" könne durchaus auf solche Gebiete ausgedehnt werden.
Kampf um die besten Programmierer
So richtig zufrieden sind viele Wikipedianer mit den bisherigen Antworten der Stiftung aber nicht. In der Mailingliste(öffnet im neuen Fenster) wird beispielsweise darauf verwiesen, dass es durchaus schon erfolgversprechende Projekte gebe ( Reasonator(öffnet im neuen Fenster) ), um aus Wikidata-Inhalten automatisch einen Artikel zu generieren. Was die Community am meisten stört, ist vor allem das widersprüchliche und intransparente Gebaren des Vorstands und der Geschäftsführung.
Ob die neue Suchmaschine jemals programmiert wird, hängt nach Ansicht der Spendenvereinbarung auch davon ab, ob dafür im Silicon Valley das geeignete Personal gefunden werden kann. Angesichts der starken Konkurrenz von Startups und etablierten IT-Firmen sei es schwerer denn je, hochqualifizierte Programmierer zu finden und zu halten. Vor diesem Hintergrund wird verständlicher, warum die Stiftung den früheren Personalmanager von Google und Tesla, Arnnon Geshuri, für sich gewinnen wollte .
Vorstand mit großer Nähe zu Google
Beobachter sehen im aktuellen Streit daher eine Art Stellvertreterkrieg über einen fundamentalen Wandel von Wikimedia. Die Stiftung entwickele sich vom Betreiber des Online-Lexikons zu einem normalen Tech-Unternehmen des Silicon Valley, das allerdings auf Spenden und die freiwillige Mitarbeit der Autoren angewiesen sei, heißt es auf Vice.com(öffnet im neuen Fenster) . Schon Anfang des Jahres hat die Signpost darauf hingewiesen, dass die Vorstandsmitglieder mehrheitlich mit Google verbandelt seien(öffnet im neuen Fenster) .
Dass das Online-Lexikon der technischen Entwicklung folgen muss, steht außer Frage. Indem Suchmaschinen wie Google neben den Suchergebnissen eine Kurzfassung von Wikipedia-Artikeln anzeigen, gehen dem Lexikon viele Leser und damit potenzielle Unterstützer verloren. Eine gut funktionierende Suche, die alle Wikipedia-Inhalte umfasst, wäre daher eine gute Möglichkeit, die Nutzer solange wie möglich auf der eigenen Seite zu halten und nicht zu kommerziellen Suchmaschinen zu treiben. Ein echter Angriff auf Google würde aber die technischen und finanziellen Mittel der Wikimedia bei weitem übersteigen.



