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Klinische Psychologie: Videospiel soll PTBS-Symptome bei Pflegekräften lindern

Eine Untersuchung mit Klinikpersonal deutet darauf hin, dass Tetris belastende Flashbacks reduzieren könnte. Die Methodik ist jedoch fraglich.
/ Nils Matthiesen
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Pilotstudie zu Tetris gegen Flashbacks (Symbolbild) (Bild: Henriksen19 / Pixabay)
Pilotstudie zu Tetris gegen Flashbacks (Symbolbild) Bild: Henriksen19 / Pixabay

Die regelmäßige Konfrontation mit traumatischen Ereignissen ist für medizinisches Fachpersonal eine hohe psychische Belastung. Eine in The Lancet Psychiatry(öffnet im neuen Fenster) veröffentlichte Pilotstudie der Universitäten Uppsala und Cambridge untersuchte nun, ob eine digitale Intervention auf Basis des Videospiels Tetris die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) beeinflussen kann. An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen 99 Gesundheitsfachkräfte teil, die während der Covid-19-Pandemie Traumata ausgesetzt waren.

Das Konzept der Imagery Competing Task Intervention (ICTI) basiert auf der kognitionspsychologischen Hypothese einer begrenzten visuell-räumlichen Arbeitsgedächtniskapazität. Da PTBS-typische Flashbacks oft als lebhafte, ungewollte Bilder auftreten, geht das Modell davon aus, dass das Spielen von Tetris mit diesen Erinnerungen um dieselben mentalen Ressourcen konkurriert. Durch diese visuelle Interferenz soll die Festsetzung der traumatischen Bilder im Gedächtnis abgeschwächt werden – ein Mechanismus, der zwar plausibel erscheint, in dieser Studie jedoch nicht direkt neurologisch gemessen wurde.

Fokus auf visuelle Konkurrenz

Der Ablauf der untersuchten Intervention folgt einem festen Protokoll: Probanden rufen die belastende Erinnerung zunächst kurz wach, ohne sie detailliert zu beschreiben. Danach folgt eine Anleitung zur "mentalen Rotation" – der Fähigkeit, Objekte im Geiste zu drehen. Anschließend spielen die Teilnehmer eine modifizierte, langsamere Version von Tetris, bei der diese Rotationsfähigkeit gezielt eingesetzt werden muss.

Professor Emily Holmes von der Universität Uppsala betont, dass der Fokus auf mentalen Bildern statt auf Sprache liegt. Dies soll die Intervention besonders niederschwellig machen. In der Studie dienten Gruppen, die Musik von Mozart hörten oder eine Standardversorgung erhielten, als Vergleich.

Methodische Einschränkungen der Pilotstudie

Die publizierten Daten weisen auf einen Rückgang der Flashbacks hin. Vier Wochen nach der Intervention berichtete die Tetris-Gruppe über signifikant weniger intrusive Erinnerungen als die Kontrollgruppen. Nach sechs Monaten gaben per Selbstauskunft 70 Prozent der Teilnehmer in der Interventionsgruppe an, keine Flashbacks mehr erlebt zu haben.

Kritisch zu betrachten ist hierbei allerdings die methodische Grundlage: Die Daten beruhen vollständig auf subjektiven Angaben der Probanden (Self-Reporting), was in der PTBS-Forschung eine bekannte Fehlerquelle darstellt. Zudem ist die Stichprobengröße von insgesamt 99 Personen, verteilt auf drei Studienarme, recht gering für allgemeingültige klinische Aussagen.

Ob die Angabe, keine Flashbacks mehr zu erleben, einer klinisch verifizierten Genesung entspricht oder lediglich eine verringerte Wahrnehmungsfrequenz widerspiegelt, bleibt daher offen. Die Forscher werten die Ergebnisse daher primär als Beleg für das Potenzial einer skalierbaren digitalen Behandlung, betonen jedoch die Notwendigkeit umfangreicherer Folgestudien mit objektiveren Messparametern.


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