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Klimaschutz: 14 Millionen Elektroautos bis 2030 erforderlich

Eine Regierungskommission fordert einen schnelleren Umstieg auf klimafreundliche Antriebe. Sonst reichten die CO2-Einsparungen nicht aus.
/ Friedhelm Greis , dpa
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In wenigen Jahren sollen Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sein. (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de)
In wenigen Jahren sollen Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs sein. Bild: Friedhelm Greis/Golem.de

Die Elektrifizierung des Straßenverkehrs muss nach Einschätzung einer Regierungskommission in den kommenden Jahren deutlich an Fahrt gewinnen. "Trotz erheblicher technischer Fortschritte konnte der Verkehrssektor in den letzten Jahren die CO2-Emissionen nicht reduzieren" , heißt es im 78-seitigen Abschlussbericht (PDF)(öffnet im neuen Fenster) der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM), der am Mittwoch auf dem Verkehrskongress ITS in Hamburg vorgelegt wurde(öffnet im neuen Fenster) . "Die Notwendigkeit zum Handeln ist dringender denn je, denn das Verkehrsaufkommen wächst insbesondere im Güterverkehr bei gleichzeitiger Verschärfung der Klimaschutzziele weiter" , heißt es weiter.

Nach Einschätzung des Expertengremiums müssen bis 2030 "bis zu 14 Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland unterwegs sein, um einen ausreichenden Beitrag zur Umsetzung der im Juni 2021 erneut verschärften Klimaschutzziele im Verkehrssektor zu liefern" . Als bisheriger Planungshorizont für die Autobranche habe ein Bestand von sieben bis zehn Millionen E-Pkw 2030 gegolten. Vor dem Hintergrund der von der EU-Kommission vorbereiteten nächsten Verschärfung der Flottengrenzwerte und aktuellen Ankündigungen der Hersteller werde jedoch ein deutlich höherer Bestand "als realistisch angenommen und kann für die Erreichung der Klimaziele erforderlich werden" .

Fokus auf batterieelektrische Antriebe

Einen umfassenden Einsatz anderer Energieträger wie Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) präferiert der Bericht nicht. "Der batterieelektrische Antrieb ist die am weitesten entwickelte Lösung für Pkw, die zudem die größte CO2-Einsparung verspricht" , schreibt das Gremium. Für schwere Nutzfahrzeuge zeichne sich "noch keine Technologiepräferenz ab, aber auch in diesem Segment bietet die Elektrifizierung (Batterie, Brennstoffzelle, Oberleitung) große Potenziale" . Das Gremium fordert jedoch eine Fokussierung auf eine bestimmte Antriebstechnik "spätestens 2025" .

Für die vielen Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, die 2030 noch im Bestand seien, könnten alternative Kraftstoffe eine Möglichkeit zur Minderung der CO2-Emissionen darstellen. "Es werden jedoch erhebliche Mengen benötigt, um insbesondere die Bedarfe der Luft- und Schifffahrt zu decken" , heißt es weiter.

Die im Koalitionsvertrag von Union und SPD verankerte NPM sollte Vorschläge für Klimaneutralität im Verkehr erarbeiten, sich aber auch dazu äußern, wie die deutsche Autoindustrie wettbewerbsfähig bleiben kann. Zum Ende der Amtszeit der jetzigen Bundesregierung übergab das Beratergremium nach dreijähriger Arbeit während des internationalen Mobilitätskongresses ITS in Hamburg seinen Abschlussbericht an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU).

BDEW fordert schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) begrüßte in einer Stellungnahme den Abschlussbericht, an dessen Erstellung er selbst beteiligt war. Demnach hält der Verband sogar eine Zahl von 15 Millionen Elektroautos für erforderlich, um die Klimaschutzziele bis 2030 einhalten zu können.

Um den Ladebedarf der Fahrzeuge decken zu können, fordert der BDEW "die schnelle und unbürokratische Bereitstellung von Flächen für Ladestationsstandorte und die Beschleunigung der behördlichen Genehmigungsverfahren" . Zudem kritisierte er "ständige neue regulatorische Vorgaben für technische, aber nicht notwendige Nachrüstungen" . Damit ist unter anderem die Vorgabe gemeint, dass jede Ladesäule künftig eine Kartenzahlung ermöglichen muss .

Um die Zahl von 14 Millionen Elektroautos bis 2030 zu erreichen, müsste der Absatz der Fahrzeuge in den kommenden Jahren deutlich zulegen.

Elektroautoanteil noch niedrig

Erst im vergangenen Juli wurde die Marke von einer Million zugelassenen Elektroautos überschritten . In den ersten neun Monaten 2021 kamen nach Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) rund 2,02 Millionen neue Pkw in den Verkehr. Darunter waren knapp 237.000 Pkw mit einem rein elektrischen Antrieb. Das entspricht einem Marktanteil von fast 12 Prozent.

Scheuer forderte die Autoindustrie dazu auf, die Fertigung möglichst vieler Komponenten in die heimische Fertigung zu holen. Es sei die falsche Botschaft an die Autofahrer, Prämien für den Kauf von E-Fahrzeugen auszuloben, wenn die Endverbraucher dann ein Dreivierteljahr auf das Produkt warten müssten, weil verschiedene Teile nicht lieferbar seien, sagte Scheuer und fügte hinzu: "Beim Umbau der Mobilität brauchen wir die Verfügbarkeit der Produkte."

In der Autoindustrie kommt es derzeit immer wieder zu Produktionsstopps und Schichtausfällen, weil Halbleiter fehlen. Wichtige Lieferanten sitzen in Asien. Scheuer sagte: "Ich hoffe, dass nicht nur der globale Blick eines Herstellers das Entscheidende ist, sondern auch das, was an Komponenten unbedingt in Deutschland verbleiben muss, um auch in Deutschland die Lieferketten zu halten."

Kagermann: Jobverluste in Autoindustrie vermeidbar

Der Vorsitzende der Regierungskommission, Henning Kagermann, zeigte sich optimistisch, dass der klimaneutrale Umbau des Verkehrs unter dem Strich mehr Arbeitsplätze schaffe als vernichte. "Per saldo glaube ich, dass wir am Ende sogar mehr Jobs haben" , sagte Kagermann bei der Präsentation des Abschlussberichts.

Die größte Herausforderung sei allerdings das Thema Qualifizierung der Beschäftigten. "Die Schwierigkeit ist, dort hinzukommen, weil es andere Arbeitsplätze sind" und beispielsweise deutlich mehr Experten für Digitalisierung und Dienstleistungen gebraucht würden, sagte Kagermann. Qualifizierung in Richtung Digitalisierung und Dienstleistung sei nötig.


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