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Klimaneutralität: Verbrenner könnten von schneller Verkehrswende profitieren

Je schneller die CO₂-Emissionen sinken, desto niedriger fallen die Kosten für die Verkehrswende aus. Sogar Millionen Verbrenner könnten auf der Straße bleiben.
/ Friedhelm Greis
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Für eine schnelle Verkehrswende müssten viel mehr Elektroautos unterwegs sein. (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de)
Für eine schnelle Verkehrswende müssten viel mehr Elektroautos unterwegs sein. Bild: Friedhelm Greis/Golem.de

Schnelle Investitionen in einen klimafreundlichen Verkehr sollen auf lange Sicht deutlich günstiger als ein zögerlicher Umstieg sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Agora Verkehrswende, die am 13. Mai 2024 veröffentlicht wurde. "Deutschland kann im Verkehrssektor bis 2045 ohne Mehrkosten oder Einbußen in der Mobilität konsequent klimaneutral werden, wenn die Bundesregierung unverzüglich umfassende zusätzliche Maßnahmen ergreift" , teilte der Thinktank für klimaneutrale Mobilität mit(öffnet im neuen Fenster) .

Um die jährlichen Ausgaben und Kosten zu vergleichen, geht die 22-seitige Studie (PDF)(öffnet im neuen Fenster) von drei unterschiedlichen Szenarien aus. Neben dem Referenzszenario mit den bis heute beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen kalkulieren die Autoren mit einem "kurzfristig ambitionierteren Zielszenario" (Wende 2025) und einem "kurzfristig weniger ambitionierten Zielszenario" (Wende 2030). Beide Zielszenarien sollen bis zum Jahr 2045 einen klimaneutralen Verkehr ermöglichen. Das sei mit dem Referenzszenario nicht möglich.

Schneller Hochlauf der E-Mobilität

Das Szenario Wende 2025 ist in der Tat sehr ambitioniert. Damit soll unter anderem das Ziel der Bundesregierung erreicht werden, bis zum Jahr 2030 rund 15 Millionen vollelektrische Pkw in Deutschland im Bestand zu haben. In den anderen beiden Szenarien sind es zu diesem Zeitpunkt lediglich 8,5 Millionen, was von Autoexperten und der Energiewirtschaft als realistisches Ziel eingeschätzt wird .

Wie dieser schnelle Hochlauf bei der E-Mobilität bis 2030 erreicht werden soll, geht aus der Studie nicht hervor. Es heißt lediglich: "Ein massiver Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge wird in allen Szenarien erforderlich, ebenso wie ein gewisser Bestand an Wasserstofftankstellen." Erfolge der Ausbau jedoch erst in den 2030er Jahren, fielen "dann im Einklang mit dem rapiden E-Pkw-Aufwuchs sehr hohe Ausgaben für die Ladeinfrastruktur an" .

In der Pressemitteilung forderte Projektleiter Carl-Friedrich Elmer die Bundesregierung jedoch auf, "günstige Rahmenbedingungen und geeignete Anreize für private Klimaschutzinvestitionen zu schaffen" . Ein erster Schritt wäre "eine am CO 2 -Ausstoß orientierte Reform der Steuern, Abgaben und Subventionen rund um den Pkw" . Dazu zählten die Kfz- und Dienstwagenbesteuerung, ein CO 2 -Preis mit Klimageld und eine verursachergerechte Pkw-Maut.

Verbrenner müssten stillgelegt werden

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass im Referenzszenario im Jahr 2045 kurioserweise deutlich mehr Elektroautos als in den Wende-Szenarien auf deutschen Straßen unterwegs wären. Zudem wäre der Pkw-Bestand wesentlich höher. Konkret geht das Wende-2025-Szenario von 33 Millionen E-Autos und 4 Millionen Verbrennern im Jahr 2045 aus. Dem stehen 45 Millionen E-Autos und 7 Millionen Verbrenner im Referenzszenario gegenüber.

Im Wende-2030-Zielszenario müssten im Jahr 2045 fast sämtliche Pkw (38 Millionen) batterieelektrisch angetrieben werden, "was am Ende nur durch das vorzeitige Stilllegen von Verbrennern zu erreichen ist" , heißt es.

Diese "Durchelektrifizierung" sei notwendig, um die vermehrten Emissionen aus den Vorjahren zu kompensieren. "Im Wende-2025-Zielszenario ist das nicht nötig, deshalb können selbst 2045 noch einige Pkw mit Verbrennungsmotor im Bestand verbleiben, die dann mit emissionsfreien Kraftstoffen betrieben werden" , schreiben die Autoren. Im Referenzszenario lässt sich jedoch bis 2045 keine Klimaneutralität erreichen. Dann würden weiterhin jährlich 15 Millionen Tonnen CO 2 -Äquivalent ausgestoßen.

Trotz des sinkenden Pkw-Bestands in den beiden Zielszenarien ist der Studie zufolge kein Mobilitätsverzicht erforderlich.

Deutlich mehr öffentlicher Verkehr

Während der motorisierte Individualverkehr im Referenzszenario zunimmt, nimmt er in den beiden anderen Szenarien zugunsten öffentlicher Verkehrsmittel jedoch deutlich ab. "Die Verkehrsleistung der Eisenbahnen ist dann fast doppelt so hoch wie im Referenzszenario, die von Bussen ist sogar dreimal so hoch" , heißt es.

Um den Verkehr klimaneutral zu machen, muss jedoch nicht nur der Pkw-Bestand elektrifiziert werden. Der Studie zufolge setzt sich der batterieelektrische Antrieb bei schweren Nutzfahrzeugen langsamer als bei leichten Nutzfahrzeugen durch. So dominierten im Referenzszenario bei den Neuzulassungen batterieelektrisch angetriebene schwere Nutzfahrzeuge erst ab der ersten Hälfte der 2030er Jahre, bei der Fahrleistung erst in der zweiten Hälfte.

Fast 10 Billionen Euro bis 2045

In allen Szenarien liegen die privaten und öffentlichen Ausgaben für den Verkehrssektor bei mindestens 350 Milliarden Euro pro Jahr. "Die Studie berücksichtigt alle direkten Kosten des Verkehrssystems. Neben den Investitionskosten, etwa für Fahrzeuge, Tank- und Ladeinfrastruktur sowie Straßen und Schienen, gehören dazu auch die Betriebsausgaben, etwa für Personal, Antriebsenergie und Wartung" , heißt es. Im Referenzszenario summieren sich die Gesamtausgaben zwischen 2023 und 2045 auf 9,329 Billionen Euro. Im Vergleich dazu kostet das Wende-2025-Szenario lediglich 77 Milliarden Euro mehr, während das Wende-2030-Szenario zusätzliche 645 Milliarden Euro kostet.

Anders sieht es jedoch aus, wenn die Klimaschäden berücksichtigt werden. "Die Klimaschadenskosten für die Emissionen des Jahres 2019 lassen sich auf etwa 30 Milliarden Euro beziffern" , heißt es. Das bedeutet: Je schneller die CO2-Emissionen sinken, desto niedriger fallen die Klimaschäden aus. Daher kommt die Studie zu dem Schluss, dass das Wende-2025-Szenario am Ende die Gesamtausgaben um 60 Milliarden Euro im Vergleich zu Referenzszenario reduziert. Das Wende-2030-Szenario bedeute hingegen Mehrausgaben in Höhe von 518 Milliarden Euro.

Nach Einschätzung von Agora Verkehrswende sollte die Politik öffentliche Investitionen ermöglichen und private Investitionen anreizen. "Politisches Zögern hat einen Preis. Der Preis bemisst sich entweder in Geld oder in Treibhausgasen, mit all den damit verbundenen Risiken. Letztendlich geht es nicht nur um wirtschaftlichen Wohlstand, sondern auch um den verfassungs- und völkerrechtlich vereinbarten Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen" , sagte Wiebke Zimmer, stellvertretende Direktorin des Thinktanks.


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