Klimabilanz des Fahrradverkehrs: Jedes Milchmädchen würde sich schämen

In der Klimaschutzdebatte sind manche Positionen so absurd, dass sich eine ernsthafte Auseinandersetzung damit im Grunde gar nicht lohnt. Dazu gehört die Auffassung, dass Windkraftanlagen den Jetstream bremsten(öffnet im neuen Fenster) und damit Dürreperioden herbeiführten. Fast noch widersinniger erscheint die Berechnung eines Schweizer Professors, wonach Fahrradfahren im Grunde klimaschädlicher als Autofahren sei. Was die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) aber nicht davon abgehalten hat, diese These in einem nur schwer als Satire erkennbaren Text(öffnet im neuen Fenster) zu unterstützen.
So rechnete der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger am 13. November 2022 in der Handelszeitung vor(öffnet im neuen Fenster) , dass Fahrradfahrer pro Personenkilometer mehr Kohlendioxid ausstoßen können als ein Pkw: "Fleisch essende Velofahrerinnen und Velofahrer verursachen also pro Personenkilometer 133 Gramm CO2 - das Vierfache des gut besetzten Autos." Der öffentliche Verkehr (ÖV) und das Fahrrad könnten daher klimaschädlicher sein als das Auto.
Das Ergebnis dieser Berechnung dürfte viele Autofans nicht überrascht haben. Es MUSS ja rein intuitiv schon energetisch effizienter sein, ein aerodynamisch gestyltes Hightechmobil herzustellen, mit Treibstoff zu versorgen und anzutreiben, als einen unsportlichen Mitteleuropäer mit Proteinen zu füttern, damit er sich auf 20 Kilo Metall gegen den Wind abstrampeln kann. Von der aufwendigen Herstellung der atmungsaktiven Fahrradjacken ganz abgesehen.
Kalkulation schon 2019 widerlegt
Daher ist Eichenberger nicht als erster auf diese Rechnung gekommen. Schon im September 2019 machte eine vergleichbare Kalkulation in den sozialen Medien die Runde(öffnet im neuen Fenster) . Damals hatte ein Twitter-Nutzer behauptet, ein Dieselfahrer emittiere sechs Prozent weniger CO2 als ein Fahrradfahrer auf derselben Strecke.
Der Fahrradfahrer und Physiker Axel Morgner berechnete hingegen (öffnet im neuen Fenster) auf Basis verfügbarer Studien, dass ein Fahrradfahrer bei normalem Tempo zusätzliche 16,14 g CO2 pro Kilometer verursache. Hingegen müsse bei einem durchschnittlichen Diesel von fast 200 g CO2 pro Kilometer ausgegangen werden, was ungefähr dem Zwölffachen entspreche. Potzblitz, wer hätte das erwartet!
Zahlen nachgebessert
In einer Replik auf die heftige Kritik an seiner Milchmädchenrechnung präzisierte Eichenberger seine Rechnung(öffnet im neuen Fenster) : "Beim Velofahren verbrauchen Sie pro Kilometer etwa 25 kcal Energie zusätzlich, verursachen also 60 Gramm CO2 pro Kilometer zusätzlich." Auch diese Rechnung ist in mehreren Punkten angreifbar.
So geht Eichenberger von einem CO2-Äquivalent von 2,4 g pro kcal aus. Inwieweit dies zutrifft, ist allerdings unklar. Seinen Angaben zufolge rechnet der WWF bei der Ernährung mit einem CO2-Äquivalent von 6 kg pro Schweizer pro Tag. Bei einem durchschnittlichen Kalorienverbrauch von 2.500 kcal pro Tag ergibt dies die genannten 2,4 g. Der tatsächliche Kalorienverbrauch pro Person lässt sich aus Untersuchungen wie der Ernährungserhebung (PDF)(öffnet im neuen Fenster) herleiten.
Jedoch gibt die Welternährungsorganisation FAO für die Schweiz eine durchschnittliche Kalorien versorgung von 3.354 kcal pro Kopf pro Tag an(öffnet im neuen Fenster) . Für die CO2-Bilanz spielt es jedoch keine Rolle, ob ein Lebensmittel tatsächlich gegessen wird oder die halbe Tiefkühlpizza am Ende in der Biotonne landet. Die Produktion ist entscheidend. Unter dieser Annahme entspricht 1 kcal in der Schweiz einem CO2-Äquivalent von 1,79 g.
Verbrauch der Radfahrer zu hoch angerechnet
Noch besser sieht die Rechnung für Deutschland aus. Das Umweltbundesamt(öffnet im neuen Fenster) geht bei der Ernährung von 1,69 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Kopf und Jahr aus. Das entspricht 4,66 kg pro Tag. Bei einem durchschnittlichen Lebensmittelverbrauch von 3.554 kcal pro Kopf pro Tag(öffnet im neuen Fenster) entspricht dies einem Äquivalent von 1,3 g CO2 pro kcal. Das heißt: Eichenbergers Wert würde sich in Deutschland zunächst von 60 auf 32,7 g CO2 pro km reduzieren, in der Schweiz auf 44,7 g.
Korrekturbedarf gibt es auch beim Energieverbrauch der Fahrradfahrer. Die von Eichenberger angenommenen 25 kcal pro km würden bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h etwa 500 zusätzliche kcal pro Stunde bedeuten. Die Webseite Fitrechner.de(öffnet im neuen Fenster) geht jedoch bei einem männlichen Fahrer mit einem Gewicht von 80 kg und einer Geschwindigkeit von 15 bis 20 km/h von einem zusätzlichen Verbrauch von 360 kcal pro Stunde aus. Damit reduziert sich der zusätzliche Verbrauch auf rund 18 kcal pro km, was in Deutschland einem zusätzlichen CO2-Ausstoß von 23,5 g pro km entspricht, in der Schweiz von 32,2 g.
Diese 23,5 g oder 32,2 g sind weit von den ursprünglich von Eichenberger genannten 133 g pro km entfernt und immer noch deutlich weniger als die nachgebesserten 60 g pro km. Zudem lässt sich konstatieren, dass die wenigsten Menschen in Mitteleuropa zusätzliche Kalorien aufnehmen müssten, um die Energie für tägliche Fahrten mit dem Fahrrad aufzubringen. Nimmt man die Differenz von rund 800 kcal zwischen den bereitgestellten und verbrauchten Kalorien zum Maßstab, könnten damit täglich 44 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, ohne dass zusätzliche Lebensmittel produziert werden müssten.
Aber der Klimavergleich ist nicht das einzige absurde Argument in Eichenbergers Artikel.
Wer Ökostrom für sich erzeugt, ist eine Umweltsau
So behauptet er: "Beim ÖV wird angenommen, er fahre mit Strom aus eigenen Wasserkraftwerken der Verkehrsbetriebe und sei deshalb praktisch klimaneutral. Doch dieser Strom könnte für anderes verwendet werden. Dafür müsste er aufs öffentliche Stromnetz geleitet werden. Als Folge würden automatisch andere Kraftwerke abgeschaltet. Das wären zumeist CO2-Schleudern irgendwo in Europa. So gerechnet fahren unsere Züge (und Elektroautos) also nicht mit sauberem, sondern mit stark klimabelastendem Strom."
Wer sich eine Solaranlage aufs Dach stellt, um seinen eigenen Strom zu erzeugen, ist also laut Eichenberger in Wahrheit eine Umweltsau. Er sollte stattdessen besser alle seine eigenen Verbraucher abschalten und den Strom für andere ins Netz einspeisen.
Behörde hat andere Zahlen
Interessanterweise scheint Eichenberger mit seinem Artikel den Eindruck erweckt zu haben, seine Berechnung basiere auf genauen Zahlen der Schweizer Behörden. So schreibt beispielsweise die FAZ: "Nun haben sich das Schweizer Bundesamt für Statistik und das Amt für Raumentwicklung den Belastungen der Allgemeinheit durch den Verkehr gewidmet, und Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger hat einen genauen Blick auf die Zahlen geworfen."
Doch das Gegenteil ist der Fall. Eichenberger schreibt: "Wenn man ihre Zahlen pro Personenkilometer rechnet, kosten ÖV und Velo um ein Vielfaches mehr als das Auto. Nur bezüglich Umwelt und Klima schneiden ÖV und Velo besser ab. Aber das liegt weitgehend an der kreativen Buchführung von ARE und BFS." Eichenberger wirft daher den Behörden vor, die Zahlen falsch berechnet und den angeblich hohen CO2-Ausstoß der Fahrradfahrer ignoriert zu haben.
Was wäre die Lösung?
Doch selbst unter der Annahme, dass die Statistiker einen wie auch immer gearteten CO2-Ausstoß der Radfahrer vernachlässigen: Was könnte die Schlussfolgerung daraus sein? Das Fahrrad ist ohnehin nicht dazu geeignet, den Großteil des Autoverkehrs zu ersetzen. Da muss es andere Lösungen geben, um den CO2-Ausstoß zu senken. Verkehrsvermeidung und -verlagerung, Tempolimit oder Elektrifizierung lauten die Konzepte.
Sollen aber Menschen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, künftig aufs Auto umsteigen? Damit sich Anwohner an noch mehr Lärm, Feinstaub, Abgasen und vollgeparkten Bürgersteigen erfreuen können? Das kann selbst Eichenberger nicht im Ernst wollen.
Und um ihre überflüssigen Pfunde dann abzutrainieren, könnten die neuen Autopendler stattdessen ins Fitnessstudio fahren. Am besten natürlich mit dem Auto. Schließlich schreibt die FAZ, das Fahrrad sei nicht die nachhaltige Mobilität von morgen: "Das ist und bleibt das Auto, sofern man richtig rechnet und alle Klima-Opportunitätskosten einbezieht."
Nur externe Kosten pro Personenkilometer
Darüber hinaus versteift sich Eichenberger auf die "sehr hohen Unfall- und Infrastrukturkosten" des Fahrradverkehrs. Schon im März 2021 hatte er in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)(öffnet im neuen Fenster) auf die "hohen gesellschaftlichen Kosten" des Fahrradverkehrs durch Unfälle und Infrastruktur verwiesen.
So behauptet Eichenberger, die externen Kosten des Fahrradverkehrs beliefen sich auf 22 Rappen pro Personenkilometer (pkm) und seien damit dreimal so hoch wie beim Pkw-Verkehr. Tatsächlich schreibt das Schweizer Amt für Raumentwicklung (ARE) in einer Studie (PDF)(öffnet im neuen Fenster) , dass sich die Kosten beim Radverkehr auf 4,1 Rappen pro pkm beliefen, verglichen mit 7,8 Rappen beim Autoverkehr. Doch Eichenberger stellt lieber seine eigene Rechnung auf. Und behauptet ohne Belege, der Gesundheitseffekt des Fahrradfahrens werde überschätzt. So kommt er am Ende auf seine "negative Gesamtbilanz des Velos gegenüber dem Auto" .
Sein zentrales Argument: Die Verkehrspolitik müsse sich vor allem an den externen Kosten pro Personenkilometer ausrichten. Was vermutlich bedeuten würde: Je mehr Verkehr generiert wird, umso besser. Denn desto eher rechnen sich die Investitionen. Weil das mit einem Auto natürlich viel leichter als mit einem Fahrrad umzusetzen ist, lässt sich auf diese Weise der Bau einer Autobahn wohl eher rechtfertigen als der Bau eines Fahrradweges. Und eine solche Debatte lohnt sich beim Klimaschutz nun wirklich nicht mehr.



