Klaus Programmieren: Deutschlands KI-Coding-Tool braucht 7 Schritte und ein Fax
Wer dachte, eine App zu bauen, bedeute: Editor öffnen, Code schreiben, fertig – hat die Rechnung ohne das Bundesministerium für Digitales und Verkehr gemacht. Klaus Programmieren(öffnet im neuen Fenster) , die selbsternannte "Digitale Kodierungslösung der Bundesrepublik Deutschland" , löst das Problem der deutschen Softwareentwicklung auf dem einzig denkbaren Weg: indem sie ihn so kompliziert macht, dass niemand mehr anfängt.
Der Einstieg in die satirische Seite gibt den Ton vor. Wer sie besucht, wählt zunächst seine Sprache. Deutsch gilt als "rechtsverbindlich" . Englisch ist verfügbar, aber "legally non-binding" und "use at own risk" – als wäre die Sprachwahl eine Extremsportart. Ein Warnhinweis zitiert §23 Abs. 1 VwVfG, damit auch der letzte Entwickler versteht, dass er hier nicht bei Github ist.
147 Einwilligungskategorien und ein Haftungsausschluss für Wettervorhersagen
Schritt 1 fragt nach dem Projekttyp. Eine Social-Media-Plattform erfordert Formular A-38 und 14 Monate Prüfung. Ein Onlineshop setzt IHK-Mitgliedschaft, Verpackungslizenz und TSE-Zertifizierung voraus.
Eine Produktivitäts-App ist nur mit positivem TÜV-Gutachten zulässig. Ein Spiel ist derzeit nicht verfügbar – die USK-Prüfstelle hat Mittagspause. Was auch immer man wählt: Das Projekt wird laut Fußnote ohnehin der Kategorie "Verwaltungsdigitalisierung" zugeordnet. Die Auswahl ist rein dekorativ.
Schritt 3 aktiviert die Pflicht-Compliance-Module, die man nicht abwählen kann, weil sie "gesetzlich vorgeschrieben" sind. Darunter ein DSGVO-Modul, das Nutzerdaten "automatisch vor der Speicherung löscht" – was zumindest konsequent ist. Dazu ein Cookie-Banner mit 147 Einwilligungskategorien sowie ein Impressumsgenerator Pro, der 12.400 Zeilen rechtssicheres Impressum erzeugt, inklusive Haftungsausschluss für Wettervorhersagen. Das Fax-Fallback-System leitet bei Serverausfall alle Inhalte automatisch per Fax weiter. An wen, bleibt offen.
Widerspruch nur per Fax, Formular W-9, dreifache Ausfertigung
Zwischendurch erscheinen Sicherheitshinweise. Einer erklärt, dass beim Chaos Communication Congress demonstriert wurde, wie 70 Millionen Patientenakten frei zugänglich waren, weshalb das eigene Projekt nun einer erweiterten Datenschutz-Folgenabschätzung unterzogen wird. Geschätzte Zusatzverzögerung: vier Monate. Der einzige prominente Button lautet "Ich akzeptiere die Verzögerung" . Die Alternative – persönlich im Amt vorsprechen – ist dienstags von 10:00 bis 10:45 Uhr möglich, mit Termin, der vermutlich per Fax beantragt wird.
Ein weiterer Hinweis informiert darüber, dass 72 Kommunen Opfer eines Ransomware-Angriffs wurden, weil das VPN-Passwort admin123 lautete. Das BSI bittet um Verständnis für Bearbeitungsverzögerungen von sechs bis acht Wochen. Widerspruch: Formular W-9, dreifache Ausfertigung, per Fax.
Die Startseite bewirbt das Ganze als "KI-Kodierungsassistent für alle, die nichts zu verbergen haben" – ein Satz, der gleichzeitig Versprechen und stille Drohung ist. Zertifizierungen umfassen TÜV, BSI, DSGVO, DIN A4 und Fax-Ready. Servicestunden für den Antrag auf Projekterstellung: Montag bis Donnerstag, 9:00 bis 11:30 Uhr, Freitag bis 10:45 – außer an Feiertagen, Brückentagen, Betriebsausflügen und jeden zweiten Dienstag wegen Serveraktualisierungen.
Wer nach alldem noch programmieren will, hat vermutlich die charakterlichen Voraussetzungen für eine Karriere im öffentlichen Dienst.
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