Kindle Oasis im Test: Amazons E-Book-Reader ist ein echtes Mager-Modell

Der Kindle Oasis ist Amazons neuer Oberklasse-E-Book-Reader und mit Abstand das teuerste dieser Geräte auf dem Markt. Den Preis rechtfertigen soll die extradünne Bauweise, durch die er besonders leicht ist und gut in der Hand liegt. Doch das bedingt auch einen schwachen Akku. Wir haben uns angesehen, wie der Kindle Oasis damit auskommt und wie er im Vergleich zum weiterhin verfügbaren Kindle Voyage abschneidet - Amazons bisherigem Spitzenmodell.

Der Kindle Oasis wiegt lediglich 132 Gramm und misst an der dünnsten Stelle gerade einmal 3,6 mm. Kein anderer E-Book-Reader ist auch nur ansatzweise so dünn und leicht. An einer Seite ist das Gerät allerdings dicker als 3,6 mm. Dort hat er eine Ausbuchtung, die mit 8,5 mm mehr als doppelt so dick wie das übrige Gehäuse ist. Hier ist der kleine Akku eingebaut.














Der Amazon-Reader wirkt dadurch deutlich leichter, als es die Waage anzeigt, weil ein Großteil des Gewichts dort ist, wo das Gerät gehalten wird: in der Handfläche. Das erinnert an die Yoga-Tablets von Lenovo, die ebenfalls den Akku in eine Ausbuchtung verlagert hatten. Beide Konzepte profitieren von einer sehr ausgewogenen Gewichtsverteilung.
Wenig Gewicht, wenig Akku
Durch die sehr leichte Bauweise hat im Gehäuse allerdings nur ein schwacher Akku Platz. Amazon verkauft den Kindle Oasis daher nur zusammen mit einem Akkupack. Wird dieses allerdings verwendet, ist der eigentlich so dünne und leichte Reader ebendies nicht mehr ganz so sehr: Damit steigen Gewicht und Dicke auf 240 Gramm respektive 11 mm. Zwar ist der E-Book-Reader so noch immer nicht unangenehm schwer, aber schwerer und dicker als der Kindle Voyage mit 7,8 mm und 188 Gramm.
Das wäre kein Problem, wenn der Akku im Gerät die von Amazon selbst versprochenen 14 Tage Laufzeit erreichen würde, der Nutzer also nicht immer auf das Akkupack angewiesen wäre. Doch in der Praxis ist dieser Wert nicht einmal ansatzweise realistisch. Wir waren unangenehm überrascht, wie schnell der Akku im Kindle Oasis sich entleert. Andere moderne E-Book-Reader haben eine wochenlange Laufzeit, so dass selbst bei intensiver Nutzung der Akku für längere Zeit ignoriert werden kann. Beim Kindle Oasis ist das Gegenteil der Fall: Wer sich das Gerät kauft, darf den Akkustand nicht mehr außer Acht lassen.
Der Akku - schwach und schwächer
Zunächst reichte während unseres Tests eine Akkuladung - ohne Akkupack - für 8 Stunden Nonstop-Lesen. Nach einem Firmware-Update verlängerte sich die Laufzeit auf rund 11 Stunden. Diese Werte haben wir bei aktiviertem Flugmodus und bei mittlerer Displaybeleuchtung ermittelt. Dabei liefert das Display eine Helligkeit von 10 cd/qm, das gibt einen angenehmen Lesekontrast und ein Lesegefühl wie bei einem gedruckten Buch, auch wenn das Umgebungslicht nicht sonderlich hell ist, etwa bei bedecktem Himmel.














Die von Amazon genannten zwei Wochen Akkulaufzeit beziehen sich nicht auf eine intensive Dauernutzung, sondern auf das Lesen von ein oder zwei Stunden am Tag. Wird die ermittelte Intensivlesezeit entsprechend umgerechnet, bedeutet das, dass der Akku weniger als eine Woche durchhält.
Aufgrund der geringen Akkuleistung des Kindle Oasis sollten Nutzer den Flugmodus nur dann ausschalten, wenn sie Zugriff auf das Internet benötigen, sonst verringert sich die Akkulaufzeit nochmals deutlich. Bei bestehender WLAN-Verbindung war der Akku schon nach weniger als 7 Stunden leer, und im UMTS-Betrieb war schon nach 4,5 Stunden Schluss. Vor dem Update hielt der Akku im E-Book-Reader etwa eine Stunde weniger durch.
Anders als beim Kindle Oasis muss sich der Besitzer eines Kindle Voyage eigentlich keine Gedanken um den Flugmodus machen. Ob mit oder ohne Internetanbindung kann der Reader bei intensiver Nutzung locker eine Woche ohne Aufladen verwendet werden. Im Kindle Voyage steckt ein 1.320-mAh-Akku, im Kindle Oasis lediglich ein 245-mAh-Akku. Das erklärt die drastischen Unterschiede.
Die Displayhelligkeit wird zum Thema
Wegen des leistungsschwachen Akkus im Kindle Oasis wird auch die Intensität der Displaybeleuchtung wichtig. Wieder etwas, das bei anderen modernen E-Book-Readern mit Hintergrundbeleuchtung kaum eine Rolle spielt. Denn bei einer mehrtägigen intensiven Nutzung fällt kaum auf, wenn der Akku im E-Book-Reader ein paar Stunden früher leer ist oder ein paar Stunden länger hält.














Wer draußen liest oder sich bei Sonnenschein dicht an einem Fenster aufhält, kann die Displaybeleuchtung verringern oder auch ganz abschalten, ohne dass sich der Leseeindruck verschlechtert. Dann erhöht sich die Akkulaufzeit des Kindle Oasis bei aktiviertem Flugmodus nur geringfügig auf etwa 15 Stunden - allerdings muss das Umgebungslicht die ganze Zeit in entsprechender Intensität vorhanden sein.
Bei einem E-Book-Reader braucht man den Akkustand eigentlich nicht in einer möglichst exakten Prozentangabe. Das ist beim Kindle Oasis anders - und das ist Amazon offenbar bewusst: Im Einstellungsmenü erscheint ein Prozentwert - allerdings nur, wenn der Akkupack mit dem Reader verbunden ist. Es bleibt sonderbar, warum die Prozentanzeige nicht auch ohne angedocktes Akkupack angezeigt wird.
Wer E-Books meist nur einige Stunden am Stück liest und das Gerät dann wieder in der Tasche versenkt, kann sich mit der geringen Laufzeit des Kindle Oasis noch am ehesten arrangieren. Wer aber mit dem Kindle Oasis auch mal ein Wochenende beim digitalen Schmökern versinken möchte oder wer längere Zeit mit möglichst leichtem Gepäck unterwegs ist, könnte sich am dann notwendigen Nachladen stören.
Das Akkupack soll's richten
Diese Probleme soll das Akkupack lösen, das einen 1.290-mAh-Akku enthält. Damit soll der Kindle Oasis mindestens die Laufzeit bieten, wie Nutzer sie von anderen E-Book-Readern gewöhnt sind - allerdings dann mit einem erhöhten Gewicht.














Das mechanische Zusammenspiel zwischen Kindle Oasis und Akkupack ist vorbildlich: Der Andockmechanismus ist gut durchdacht, und das Verbinden beider Einheiten bereitet keinerlei Probleme. Der Kontakt zwischen beiden Einheiten wird immer gewährleistet, wenn sie miteinander verbunden sind. Das Akkupack wird dabei magnetisch am Reader gehalten - er hält sicher und fest. Das Trennen der Einheiten erfordert daher einen gewissen Kraftaufwand, ist aber dennoch gut machbar.
Bezüglich des Akkumanagements fällt die Bewertung aber weniger positiv aus: Das Akkupack hat es in unseren Tests nicht geschafft, den Reader-Akku immer vollständig zu laden. Obwohl Reader und Akkupack rund zehn Stunden verbunden waren, hatte der Reader-Akku beim Ablösen nicht seine volle Kapazität. Damit verringert sich die maximal mögliche Laufzeit mal eben um ein bis zwei Stunden. Hier sollte Amazon dringend mit einem Firmware-Updaten nachbessern, damit dem Laden des Reader-Akkus eine entsprechend hohe Priorität eingeräumt wird.
Neuer Ruhemodus mindert den Komfort
Speziell um den Akku des Kindle Oasis zu schonen, hat Amazon einen neuen Ruhemodus integriert. Der geht allerdings zulasten des Komforts. Wird der ausgeschaltete Reader länger nicht benutzt, aktiviert sich dieser Ruhemodus und führt dazu, dass das Gerät beim Einschalten rund 7 Sekunden braucht, bis es wieder verwendet werden kann. Diese Wartezeit empfinden wir als zu lang. Bei einem modernen E-Book-Reader erwartet der Käufer zu Recht, das Gerät auf Knopfdruck verwenden zu können. Dieser Ruhemodus wird auch dann aktiv, wenn der Reader mit der Akkuhülle verbunden ist.














Der Displayschutz am Akkupack wird wie ein Buch aufgeklappt und kann bequem auf der Rückseite des Lesegeräts fixiert werden. Sobald die Lederabdeckung das Display freigibt, schaltet sich der E-Book-Reader an und geht wieder aus, wenn die Lederhülle das Display erneut bedeckt. Diese Automatik ist im Alltag sehr angenehm. Wir haben eine Abschaltoption dafür nicht vermisst.
Lagesensor ist nicht abschaltbar
Ganz anders sieht es beim Einsatz des Lagesensors aus: Der Kindle Oasis dreht den Displayinhalt automatisch, und diese Funktion lässt sich nicht abschalten. Wer das nicht benötigt, wird sich darüber etwas ärgern, denn das Drehen des Displayinhalts verbraucht Energie, weil der Aufbau des Bildes bei einem E-Paper-Display Strom benötigt. Besonders bei der kurzen Akkulaufzeit ohne Akkupack könnte ein Abschalten der Option hilfreich sein.
Bis zu fünf Ladevorgänge sind mit dem Akkupack möglich, danach muss auch dieser wieder geladen werden. Das Akkupack lässt sich leider nur laden, wenn es mit dem Kindle Oasis verbunden ist. Es lässt sich somit leider nicht auf dem Reader weiterlesen, während das Akkupack am Netzteil hängt und auflädt.
Der Kindle Oasis hat auch seine guten Seiten
Doch jenseits der Akkuproblematik hat der Kindle Oasis durchaus gute Seiten. Sehr angenehm finden wir die Drucktasten. Mit ihnen kann bequem in Büchern geblättert werden - parallel zum Blättern mittels Touchscreen. Die Tasten sind gut auch einhändig erreichbar und sehr gut zu erfühlen. Sie bieten damit mehr Komfort als die Sensortasten am Kindle Voyage, bei denen der Nutzer darauf achten muss, dass er sie trifft. Weil der Kindle Oasis die Tasten nur auf einer Seite hat, gibt es die Funktion, den Displayinhalte mittels Lagesensor mitzudrehen.














Der matte 6-Zoll-Touchscreen im Kindle Oasis liefert eine Auflösung von 300 dpi - sie ist identisch mit der des Kindle Voyage. Inhalte erscheinen auf beiden E-Paper-Displays klar und deutlich. Der Leseeindruck ähnelt in sehr heller Umgebung ohne eingeschaltetem Displaylicht stark dem eines Buches. Im Gegensatz zu einem Smartphone- oder Tablet-Display ist der Eindruck auf dem E-Paper-Display vor allem unter direktem Sonnenlicht besonders gut. Ein zu schwaches Umgebungslicht gleicht das Displaylicht sehr gut aus.
Nach Angaben von Amazon wurde die Displayausleuchtung im Kindle Oasis im Vergleich zum Kindle Voyage überarbeitet. Allerdings ist kein deutlicher Unterschied auszumachen, beide Testmuster haben eine gute Ausleuchtung. Käufer des Kindle Oasis berichten allerdings von Problemen bei der Ausleuchtung, dann sind deutliche Lichthöfe auf dem Display zu erkennen. Unser Testmuster weist diese Probleme nicht auf. Wer ein Gerät mit störenden Lichthöfen erwischt hat, sollte das bei Amazon reklamieren.
Zwar leuchtet das Displaylicht im Kindle Oasis mit 150 cd/qm heller als die 125 cd/qm im Kindle Voyage, aber wir hatten keinen Fall, in dem diese Lichtreserven nötig waren. Der Kindle Voyage hat eine automatische Helligkeitsregelung, die auch abgeschaltet werden kann. Beim Kindle Oasis fehlt sie komplett. Das sehen wir aber nicht als Verlust, weil uns die Automatik im Kindle Voyage nicht zuverlässig genug war.
Das Gehäuse ist leicht und stabil
Das Gehäuse des Kindle Oasis besteht aus einem galvanotechnisch metallisierten Polymerrahmen. Dadurch ist das Gehäuse nicht nur leicht, sondern auch verwindungsstabil. Der gesamte Aufbau des Geräts soll so gestaltet sein, dass es auch leichte Stürze schadlos übersteht. Das Displayglas wurde aus einem chemisch verstärkten Material hergestellt, damit es möglichst lange intakt bleibt. Trotz des hohen Preises ist der Kindle Oasis nicht wasserdicht - die Kindle-Geräte sind also weiterhin nicht badewannentauglich.














Der Kindle Oasis erscheint mit der aktuellen Firmware für die E-Book-Reader von Amazon. Parallel zur speziell für die E-Book-Nutzung angepassten Schriftart Bookerly hat Amazon kürzlich eine weitere Schriftart namens Amazon Ember veröffentlicht. Während Bookerly eine Serifenschrift ist, handelt es sich bei Amazon Ember um eine serifenlose Schrift. Beide sollen für die Nutzung auf E-Book-Readern optimiert sein.
Optimiert für Amazon
Für Neukunden gibt es eine neue Funktion: Sie können ihre Lieblingsgenres für Bücher bestimmen und danach einige Werke bewerten, um abhängig von diesen Bewertungen möglichst gute Buchempfehlungen von Amazon zu erhalten. Damit will Amazon Neulingen aus seinem Sortiment von über einer Million Büchern das Passende anbieten.
Wer das 3G-Modell des E-Book-Readers hat, kann das WLAN-Modul nicht separat umschalten. Es gibt nur einen zentralen Flugmodus, das ist auch beim Kindle Voyage so. Wie bei den Kindle-E-Book-Readern üblich, ist auch der Kindle Oasis vor allem auf die Nutzung von Amazons E-Books optimiert. Mit Hilfsmitteln können zwar auch andere E-Book-Formate auf dem Reader verwendet werden, aber der Nutzungskomfort ist nicht so angenehm wie bei den E-Books aus Amazons Ökosystem.
Verfügbarkeit und Fazit
Der Kindle Oasis(öffnet im neuen Fenster) kostet in der Nur-WLAN-Ausführung mit Akkupack 290 Euro. Für 350 Euro gibt es die Variante mit zusätzlichem UMTS-Modem, um Bücher weltweit auch ohne WLAN-Anbindung herunterladen zu können. Der Käufer kann zwischen drei Ausführungen des Akkupacks mit unterschiedlichem Displayschutz aus Leder wählen: in Schwarz, Bordeaux oder Walnuss. Generell liegt dem E-Book-Reader nur ein USB-Kabel, aber kein Netzteil bei. Beide Geräte sind derzeit nicht verfügbar, und Kunden erhalten das Gerät je nach Modell und Hüllenfarbe erst im Mai oder sogar Juli 2016.
Fazit
Einen besonders leichten und dünnen E-Book-Reader, der sehr gut in der Hand liegt, hat Amazon mit dem Kindle Oasis zwar geschaffen. Doch diese Vorteile nützen nur wenig, wenn man das Gerät im Gegenzug nicht annähernd so lange verwenden kann wie andere moderne E-Book-Reader, die noch dazu nur wenig schwerer und deutlich günstiger sind. In unseren Tests war die von Amazon versprochene Akkulaufzeit von zwei Wochen bei angemessener Displaybeleuchtung nicht zu schaffen, nicht einmal die Hälfte der Zeit ist realistisch mit dem Kindle Oasis möglich.














Mit dem zugehörigen Akkupack wiederum ist zwar die Laufzeit sehr gut, aber damit wird das Gerät nicht nur dicker, sondern auch schwerer als vergleichbare Reader. Besonders ärgerlich ist dabei: Das Akkupack lädt den Akku im Kindle Oasis nicht zuverlässig vollständig auf, so dass die knappen Reserven im Gerät nicht genutzt werden. Auch der neuartige Ruhemodus ist in der Praxis eher ein Ärgernis.
Wir haben keinen überzeugenden Grund gefunden, uns für den Kindle Oasis statt für den 100 Euro günstigeren Kindle Voyage zu entscheiden. Und wer auf die Blätterknöpfe am Kindle Voyage verzichten kann, kann noch mal 70 Euro sparen und erhält mit dem aktuellen Paperwhite-Modell einen nahezu gleichwertigen Leseeindruck wie bei den teureren Modellen.



