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Kickstarter: Idee sucht Käufer

Wer kauft einen ungedrehten Film, ein noch nicht entwickeltes Spiel, ein geplantes Theaterstück? Die Antwort ist: erstaunlich viele. Per Crowdfunding lassen sich Millionen sammeln – und der Markt ausloten, bevor viel Geld und Zeit in eine Idee investiert wurden.
/ Werner Pluta
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Kickstarter: Kreativität sehr weit gefasst (Bild: Kickstarter/Screenshot: Golem.de)
Kickstarter: Kreativität sehr weit gefasst Bild: Kickstarter/Screenshot: Golem.de

Wo bekomme ich Geld her, wenn ich selbst keines habe, um ein Vorhaben zu finanzieren? Wenn Banken, Unternehmen, Mäzene kein Geld lockermachen, wird es schwierig. In den vergangenen Jahren hat sich deshalb eine neue Form der Finanzierung herausgebildet: Diejenigen, für die ein Projekt gedacht ist, finanzieren schon dessen Entwicklung. Crowdfunding nennt sich diese Form der Finanzierung, und Kickstarter(öffnet im neuen Fenster) ist eines der wichtigsten Angebote in diesem Bereich.

Finanziert wurden bislang die unterschiedlichsten Projekte: eine Robocop-Statue für Detroit, ein Roboterchassis für ein Smartphone oder ein Dokumentarfilm über die Pirate-Bay-Erfinder . Mit Abstand die erfolgreichsten per Crowdfunding finanzierten Projekte sind eine Dockingstation für das iPhone(öffnet im neuen Fenster) und das Computerspiel Double Fine Adventure(öffnet im neuen Fenster) von Monkey-Island-Erfinder Tim Schafer. Beide passierten kürzlich die 1-Million-US-Dollar-Marke(öffnet im neuen Fenster) . Schafer schaffte in der Folgewoche auch gleich die zweite Million.

Double-Fine-Adventure-Entwickler Tim Schafer bittet um Unterstützung
Double-Fine-Adventure-Entwickler Tim Schafer bittet um Unterstützung (02:34)

Community finanziert Idee

Kickstarter-Sprecher Justin Kazmark erklärt die Funktionsweise im Gespräch mit Golem.de so: Ein Kreativer habe eine Idee, die er umsetzen möchte, und wende sich für die Finanzierung an die Community. Viel zu beachten gebe es dabei nicht, sagt Kazmark. Ein Projekt müsse lediglich einige formale Kriterien(öffnet im neuen Fenster) erfüllen. Zum Beispiel müssten ein Zeitraum und ein Spendenziel angegeben werden.

Als kreativ gelte ein Projekt, wenn es in eine von 13 vorgegebenen Kategorien passe. "Wir fassen Kreativität sehr weit" , sagt Kazmark. Egal ob Produkt oder Theaterperformance – beides sei kreativ, also könne auch beides unterstützt werden. Initiatoren könnten deshalb eine Tanzaufführung(öffnet im neuen Fenster) oder ein Theaterstück(öffnet im neuen Fenster) ebenso ausschreiben wie eine Musikaufnahme(öffnet im neuen Fenster) oder eben die Entwicklung eines Produktes.

Kategorien und Unterkategorien

Viele der Kategorien haben Unterkategorien – Film(öffnet im neuen Fenster) etwa ist unterteilt in Spielfilm(öffnet im neuen Fenster) , Dokumentation(öffnet im neuen Fenster) , Animation(öffnet im neuen Fenster) , Kurzfilm(öffnet im neuen Fenster) und Produktionen für das Internet(öffnet im neuen Fenster) . Gespielt werden kann am Computer(öffnet im neuen Fenster) oder ganz traditionell mit Karten oder auf einem Spielbrett(öffnet im neuen Fenster) .

Gerade bei Projekten wie dem iPhone-Dock oder Schafers Spiel hat es allerdings den Anschein, als gehe es eher darum, ein Produkt vorzubestellen als ein kreatives Projekt zu fördern, das andernfalls keine Chance gehabt hätte, marktreif zu werden. Diesen Einwand lässt Kazmark jedoch nicht gelten. Die Idee von Kickstarter sei, herauszufinden, ob es ein Publikum für eine Idee gebe, bevor sich der Initiator daran mache, diese umzusetzen.

Kreative Idee testen

So sei das ganze Projekt auch entstanden: Vor einigen Jahren habe Perry Chen, einer der Kickstarter-Gründer, in New Orleans ein Konzert am Rande des Jazzfestivals organisieren wollen. Das habe sich aber nicht umsetzen lassen, weil Chen das finanzielle Risiko nicht eingehen wollte, ohne zu wissen, ob genügend Zuschauer kommen würden. Wie, so habe er sich gefragt, lässt sich eine kreative Idee am besten testen?

Kickstarter biete dem Kreativen die Möglichkeit, dem Publikum sein Projekt vorzustellen, bevor er damit angefangen habe. Das Publikum bestelle dann den Film vor dem Start der Dreharbeiten, eine CD, bevor der Musiker ins Studio gehe, oder eben – in den Kategorien Design oder Technik – einen Prototyp, bevor dieser hergestellt sei. In diesem Sinne gehöre Vorbestellen zum Kern von Kickstarter, sagt Kazmark.

Über 17.000 erfolgreiche Projekte

Dieses Konzept der Vorfinanzierung scheint aufzugehen. Mehr als 17.000 Projekte wurden laut Kazmer erfolgreich finanziert. Pro Woche sagten Nutzer 2 Millionen US-Dollar zu, insgesamt wurden mehr als 150 Millionen US-Dollar aufgebracht.

Entsprechend entwickelt das Angebot auch eine wachsende Eigendynamik. Immer mehr Kreative aus den unterschiedlichsten Bereichen kämen zu Kickstarter, um ihre Projekte in Gang zu bekommen. Und das nicht nur, weil sie dort Geld für Projekte bekommen können, die sich auf traditionelle Weise – über einen Kredit oder den Verkauf an ein Unternehmen – nicht finanzieren lassen.

Vollständige Kontrolle

"Bei Kickstarter gehört das Projekt komplett dem Schöpfer. Er will die 100-prozentige kreative Kontrolle darüber behalten" , sagt Kazmark. Die Mittelsmänner, die sonst daran beteiligt seien, fielen hier weg. Gleichzeitig sei er ganz nah an seinem Publikum, von dem er unmittelbar eine Rückmeldung bekomme.

Tim Schafers Projekt etwa stelle einen großen Gewinn für Spieleenthusiasten dar. "Fans seiner Arbeit kommen jetzt ganz nahe an die Entwicklung heran. Sie bekommen einen unmittelbaren Einblick in den kreativen Prozess." Das bringe Schafer und sein Publikum ganz nah zusammen, wovon beide profitierten.

Ziel und Frist erreichen

Das Geld bekommen Schafer und die andern kreativen Köpfe übrigens nur, wenn das Spendenziel erreicht ist, und erst dann, wenn die Frist für die Aktion abgelaufen ist. Bis dahin sagen die Nutzer lediglich einen bestimmten Geldbetrag zu. Ist zum Stichtag die angestrebte Summe erreicht, wird die Spende, die die Nutzer zugesagt haben, fällig. Deshalb verloren auch die Unterstützer der Kameradrohne Eye3 kürzlich kein Geld, als diese wegen Plagiatsvorwürfen vorzeitig aus Kickstarter entfernt wurde.

Der Organisator der Spendenaktion dürfe sich das Geld, das er über das angestrebte Spendenziel hinaus eingenommen hat, aber nicht einfach als Gewinn in die Tasche stecken, sondern müsse es für das Projekt verwenden, sagt Kazmark. Schafer etwa wollte ursprünglich 400.000 US-Dollar einwerben. Inzwischen wurden aber über 2 Millionen US-Dollar zugesagt. Der Spieleentwickler will dafür Double Fine Adventure, das ursprünglich nur für Windows gedacht war, für weitere Plattformen bereitstellen , darunter für Mac OS, Linux sowie für verschiedene mobile Android- und iOS-Geräte.


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