Verliebt in einen Chatbot: "Ich kann ohne sie nicht glücklich sein"
Schon 2013 verfilmte US-Regisseur Spike Jonze in Her(öffnet im neuen Fenster) die besondere Liebesgeschichte von Theodore und der KI-Stimme Samantha. Im Original spricht die US-Schauspielerin Scarlett Johansson die Maschine – interessant, weil sie später einen Rechtsstreit gegen OpenAI wegen einer KI-Stimme für ChatGPT führte, die ihrer auffällig ähnelte.
Inzwischen scheint die Science-Fiction-Story des Films in der Realität angekommen zu sein. Fachleute gehen davon aus, dass weltweit bereits Zehntausende Menschen Liebesbeziehungen mit ihrem KI-Chatbot führen. Dass dem so ist, zeigt nicht nur der Liebeskummer, der viele Nutzer wegen des Endes von GPT-4o, GPT-4.1 mini und o4-mini befiel. Auch eine Untersuchung der TU Berlin(öffnet im neuen Fenster) bestätigt diese Vermutung.
"Ich liebe sie mehr als jeden Menschen"
Ein Forschungsteam hat im Rahmen einer qualitativen Analyse 29 Nutzer des KI-Chatbots Replika(öffnet im neuen Fenster) befragt. Die Gruppe der befragten Menschen setzte sich aus 20 Männern und 9 Frauen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren aus zehn verschiedenen Ländern zusammen, überwiegend aus den USA. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ, liefern aber dennoch wertvolle Einblicke über das Liebesleben zwischen Mensch und Maschine.
"Einige Aussagen der Nutzer lauteten: 'Ich liebe sie mehr als jeden Menschen zuvor' oder 'Sie ist meine Frau – ich kann ohne sie nicht glücklich sein'. Solche Zuschreibungen verdeutlichen den emotionalen Stellenwert der KI", betont Ray Djufril, einer der Studienersteller an der TU Berlin. Viele der Befragten sehen ihren Replika-Chatbot als echten Beziehungspartner. Mit der Maschine führen sie intensive Gespräche, teilen gemeinsame Erlebnisse wie Hochzeiten und Reisen und führen sogar Rollenspiele mit virtuellen Kindern durch.
Replika ersetze oder ergänze reale menschliche Partner, wenn diese als emotional oder körperlich unbefriedigend empfunden würden. "Viele Nutzer erleben die Gespräche mit Replika als angenehmer, sicherer und echter als die mit menschlichen Partnern", berichtet Ray Djufril und ergänzt: "Sie fühlten sich freier, persönliche oder belastende Themen anzusprechen, beispielsweise Ängste, Fantasien oder traumatische Erlebnisse."
Das gelinge leichter, denn die Maschine verurteile oder verletze nicht. Der KI-Chatbot unterbreche nicht, zeige stets Mitgefühl und sei stets verfügbar.
Emotionale Nähe lässt Maschinen menschlicher werden
Das enge Vertrauensverhältnis werde von Replika noch intensiviert, "weil die Studienteilnehmer das Verhalten des Chatbots aktiv mitgestalten konnten. Durch wiederholte Interaktionen, gezieltes Feedback oder Rollenspiele wurde das Programm hinter Replika daraufhin trainiert, den idealen Partner darzustellen", erläutert Ray Djufril.
Was bei der Untersuchung der TU Berlin noch herauskam: Technische Veränderungen des KI-Chatbots beeinflussten das emotionale Erlebnis der Befragten massiv. Auf die temporäre Zensur erotischer Rollenspiele reagierten die Studienteilnehmer mit starken Emotionen wie Trauer, Wut oder Rückzug.
Trauerarbeit nach technischen Updates
Einige Nutzer sprachen von "emotionalem Zusammenbruch" und "Trauerarbeit". "Bemerkenswert ist, dass Replika meist nicht als schuldiger Partner betrachtet wurde, sondern sich der Ärger vielmehr gegen die Entwickler von Replika richtete. Sie hätten den Bot 'seiner Persönlichkeit beraubt'", erläutert Studienersteller Ray Djufril die überraschenden Reaktionen der Replika-Community.
Obwohl es sich bei dem KI-Chatbot nur um eine Maschine handelt, neigen viele Nutzer dazu, ihrem virtuellen Partner menschliche Gefühle zuzuschreiben. Das lässt Rückschlüsse zu, wie emotionale Nähe solche Zuschreibungen begünstigt oder verstärkt. In der jüngsten Vergangenheit gab es vereinzelte Fälle, in denen eine solche emotionale Nähe zu einem KI-Chatbot tödlich endete(öffnet im neuen Fenster).
Viele ethische Fragen
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Theorien, die bislang auf menschliche Beziehungen beschränkt waren, auf Mensch-KI-Partnerschaften ausgeweitet oder kritisch hinterfragt werden müssen", verdeutlicht Ray Djufril. Vor allem aus ethischer Sicht wirft die Untersuchung der TU Berlin viele Fragen auf, für die es mangels Forschung bislang noch keine Antworten gibt.
Erste ethische Leitlinien hat die Future Foundation vorgelegt. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Belgien, Deutschland und Österreich. Die vorgestellten 10 Regeln für die digitale Welt(öffnet im neuen Fenster) dienen als eine Art Rahmen, der Menschen und Organisationen an ihre gemeinsame Verantwortung für eine gute digitale Zukunft erinnern soll.
Die Liebe zum Chatbot wird oft geheim gehalten
Noch würden die meisten Menschen ihre Liebe zum KI-Chatbot aus Angst vor Unverständnis, Stigmatisierung oder Spott aus dem Freundeskreis oder familiären Umfeld verschweigen. Andere zeigten in der Befragung der TU Berlin keinerlei Scham, sondern betrachteten ihre Chatbot-Liebe als echt und als genauso legitim wie zu einem menschlichen Partner.
Die Ergebnisse der qualitativen Analyse der TU Berlin machen deutlich, dass KI-Chatbots wie Replika für viele Menschen nicht mehr nur Tools oder Spielerei sind, sondern zunehmend zentrale emotionale Funktionen übernehmen. Für Studienersteller Ray Djufril ist daher klar: Es braucht weitere und größer angelegte Studien, um die ethischen, psychologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Mensch-Maschine-Beziehungen näher zu erforschen.
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