Bestimmte Zukünfte möglich machen
Solche Hoffnungen, sagt Prohl, würden weitreichende gesellschaftliche und technische Veränderungen "plausibel oder wünschenswert erscheinen lassen". Zum Beispiel sehr unternehmensfreundliche Politik, Massenentlassungen oder Rechenzentren im Weltall.
In dieser Hinsicht ähneln religionsanaloge Geschichten über KI auch diversen christlichen Bildern. Zum Beispiel dem vom Paradies. Nicht, erklärt Prohl, weil sich Tech-Apologeten unbedingt direkt an diesen Bilder bedienten. Sondern, weil ihr Umgang mit KI so ähnlich funktioniere wie eine Religion im weiteren Sinne.
Einerseits, weil utopische Visionen von grenzenloser Freizeit und Produktivität ebenso Erlösungsvorstellungen seien wie das Paradies, sagt Prohl. Andererseits, weil sowohl das Paradies als auch die KI-Utopie unter anderem dafür existierten, Menschen zu veranlassen, einem bestimmten moralischen Kodex zu gehorchen. Gleichwohl könne man Religion keineswegs auf die Durchsetzung von Ordnungsvorstellungen reduzieren, fügt Prohl hinzu.
KI-Akzelerationisten sind dennoch ein Beispiel, wie das bei KI als Religion aussieht(öffnet im neuen Fenster). Sie versuchen nämlich, Menschen durch ein bestimmtes Verständnis von KI zu verpflichten, zu ihrem Fortschritt beizutragen. Sie sollen Rechenzentren unkritisch hinnehmen, stets das neue Modell oder die neue App herunterladen und ständig überlegen, wie sie noch weiter die Produktivität und die Token-Nutzung steigern(öffnet im neuen Fenster). Wer es nicht tut, argumentieren sie, versündige sich, nicht an der besseren Welt mitzuwirken.
Sprachmodell im Rechner, führe uns nicht in Versuchung
Versuche, KI für Religion einzusetzen, wählen hingegen oft einen anderen Ansatz. Der Vatikan veröffentlichte zum Beispiel ein besorgtes KI-Sicherheitspapier(öffnet im neuen Fenster). Die Evangelische Kirche in Deutschland sieht Eloki ausdrücklich nur als Werkzeug. Beides sind Antworten darauf, welche Welt diese Institutionen bauen wollen und wie Menschen darin miteinander umgehen werden. Das zu leiten, sagt Terbuyken, sei schließlich "einer der Zwecke von Religion".
Inhaltlich helfe KI dabei nicht, sagt er. Doch Sprachmodelle seien so einfach und niederschwellig zu verwenden, dass es "sehr, sehr schwer" sei, der Versuchung zu widerstehen, sich der Expertise aus der Maschine zu bedienen. Den Begriff "Versuchung" wählt Terbuyken dabei bewusst. Denn einen Aspekt der christlichen Versuchung sieht er bei KI sehr deutlich: Sie verleite uns dazu, den einfachen Weg zu gehen.
Lieber nach Rom pilgern oder ins Textfeld?
Gerade ein Verständnis für KI als Religion könnte einen Weg weisen, wie KI dennoch der Gesellschaft dienen kann. Denn KI, religiöse Bots und VR könnten zwar Gefühle von Transzendenz erzeugen, sagt Prohl. Aber für viele Menschen sei es "immer noch attraktiver, nach Rom zu fahren".
Im Großen – in der Reise auf den Petersplatz – scheinen viele etwas zu finden, das KI ihnen nicht geben kann und das es virtuell vielleicht überhaupt nicht geben kann. Und das bevorzugten sie, sagt Prohl, "egal wie anstrengend das ist". Ähnlich könnte es auch bei Niessners Ideal der Predigt sein: Das, was sie ausmacht, ist die authentische menschliche Begegnung.
Als Antwort auf KI als Religion, könnten Kirchen und andere Institution uns also dabei unterstützen, im Alltag mehr solcher Erfahrungen mit anderen Menschen zu machen. Wenn sie dafür KI für Religion, für Schule oder Verwaltung einsetzen, mag die Technologie am Ende ein Segen sein.
Aktuell scheint der Trend aber in die andere Richtung zu gehen. Denn im Kleinen, in Abermilliarden Chatverläufen und alltäglichen Mensch-KI-Interaktionen, verschiebt sich die Balance tendenziell zu immer mehr KI. Die Technologie scheint dabei immer mehr als Religion zu wirken, als Selbstzweck. Wenn das stimmt, wäre eine dringende Frage, wem KI wessen Paradies beschert(öffnet im neuen Fenster).
Tim Reinboth(öffnet im neuen Fenster) ist freiberuflicher Wissenschaftsjournalist und Kognitionswissenschaftler. Er schreibt über Herausforderungen, Möglichkeiten und kuriose Momente an den Schnittstellen von Technologie und Gesellschaft.
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