Nach zwölf Nachrichten macht Gott Feierabend
Golem untersuchte das am Beispiel von chatwithgod.ai. Das Design der Webseite könnte man als neutral-warm beschreiben. Sie lädt Menschen unterschiedlicher Konfessionen ein, zu erzählen, was sie heute brauchen. Nutzer können ihre Laune angeben und auf Themenvorschläge, wie "Jesus"einsteigen. Im Chat-Fenster beginnt die Unterhaltung mit "Wie kann ich helfen?" Wer doch mit Menschen interagieren möchte, kann Gebete posten, sich etwas wünschen oder die Anfragen andere Nutzer beantworten.
Dann kommt die Kehrseite. Denn: Zwölf Nachrichten sind gratis, danach muss man zahlen. Oder Gott macht bis morgen Feierabend. Die App antwortet zwar spirituell – was herkömmliche Modelle nicht immer schaffen -, ist ansonsten aber genauso darauf bedacht, Nutzer an die Unterhaltung zu binden. Im Test fragte die App beispielsweise ständig, ob uns der Rat gefalle, ob sie geholfen habe oder was wir sonst bräuchten. Im Gegensatz zu einem Gespräch, erfährt man vom Chatbot selten Widerstand und gerät schnell immer tiefer in die virtuelle Beziehung(öffnet im neuen Fenster).
Von Gott bekommt man keine Klarheit
KI für Religion bietet also mal wieder einen Einblick, was Gespräche mit Chatbots verlockend macht, was ihnen fehlt und warum sie kompliziert sind. Einer der springenden Punkte scheint zu sein, wie unmittelbar im Chat die Antwort kommt. Und zwar: sofort. Außerdem sei die Antwort meistens "eindeutig" und "sprachlich perfekt", sagt Terbuyken. So fühlen sich LLM-Outputs für viele Nutzer intuitiv wahr an.
Auch spirituelle Bots erwecken auf diese Art den Eindruck, dass sie uns den Weg weisen können. Sie vermitteln gekonnt und mit Absicht ein Gefühl von Intimität und Verständnis und dass sie uns zuhören. Dabei sei aber leicht zu vergessen, sagt Terbuyken, dass am anderen Ende "immer noch eine komplett seelenlose Autocomplete-Maschine" steht.
Die eindeutigen Aussagen einer App wie chatwithgod.ai unterscheide sie zudem klar vom Dialog mit Gott. Denn das LLM steht zu 100 Prozent hinter jedem Unsinn, den es produziert, während es im Dialog mit Gott niemals Klarheit von außen gebe. Die einzige Klarheit in Glaubensfragen sei die, die man über viel Zeit in der Auseinandersetzung mit sich selbst und in Gesprächen mit anderen findet.
Die Dynamiken zwischen Mensch und Gott versus Mensch und KI sind daher vollkommen unterschiedlich. Alles am Chatbot soll einfach, unverbindlich und zuvorkommend sein. Reibung gebe es da nicht, sagt Terbuyken. Unsicherheit werde per default möglichst vermieden. Dabei sei gerade Zweifel ein "ganz, ganz großer Teil von Glaube". Im Gegensatz zu Eloki ändern Gottbots daher, was Glauben heute bedeutet.
Die magische Intelligenz im Himmel
Wenn Menschen aus den Antworten von Sprachmodellen dann noch schlussfolgerten, dass KI allwissend sei, werde die Technologie endgültig zu so etwas wie Religion. Im christlichen Glauben ist Allwissenheit schließlich ein Attribut Gottes. Wer sie KI verleiht, setzt sie in einer christlich geprägten Gesellschaft daher automatisch mit der höheren Macht gleich (g+) .
Das leitet hinüber zu KI als Religion, dem Forschungsgebiet von Inken Prohl. Sie ist Professorin für Religionswissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Prohl untersucht, wie bestimmte Erzählungen, Bilder und Praktiken der "magischen Intelligenz im Himmel" eine besondere Wirkmacht zuschreiben. In der Fachsprache sei KI eine "religionsanaloge Formation". Dabei gehe es aber um KI als kulturelles Phänomen, nicht um eine Bewertung, wie die Kirchen KI nutzen.
In der Praxis beschreibt der Begriff "religionsanalog", wie die besondere Macht, die Menschen KI zuschreiben, aus dem technologischen Werkzeug eine Autorität erschafft, an deren Aussagen sich Menschen orientieren. Nicht wenige hoffen etwa, dass KI die großen gesellschaftlichen Probleme lösen wird – Klimawandel(öffnet im neuen Fenster) oder Krieg(öffnet im neuen Fenster) beispielsweise – und dass sie so der Menschheit die Zukunft sichern wird.
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