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KI-generierter Gastbeitrag: Ein Armutszeugnis für die politische Debatte

Die FAZ hat zu Recht den KI-generierten Gastbeitrag von Mario Voigt gelöscht. So einfach darf es sich die Politik in gesellschaftlichen Debatten nicht machen.
/ Friedhelm Greis
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Ein Social-Media-Verbot für Kinder sollte nicht von ChatGPT diskutiert werden. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)
Ein Social-Media-Verbot für Kinder sollte nicht von ChatGPT diskutiert werden. Bild: Sean Gallup/Getty Images

Zu den Tätigkeiten, die mit am stärksten von den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz (KI) betroffen sein werden, gehört sicherlich das Redenschreiben für Politiker. Warum Praktikanten damit beauftragten, das Grußwort zur Eröffnung des Thüringer Bratwursttags zu schreiben, wenn das auch von ChatGPT erledigt werden kann? Doch das Schreiben guter politischer Reden ist durchaus eine hohe Kunst und sollte nicht dadurch entwertet werden, dass sogar Beiträge zu aktuellen politischen Debatten zu 100 Prozent von einer KI stammen.

In früheren Zeiten spielten Redenschreiber(öffnet im neuen Fenster) für Politiker eine wichtige Rolle. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Journalist Klaus Harpprecht(öffnet im neuen Fenster), der Anfang der 1970er Jahre für den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) arbeitete. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ließ den bekannten Mainzer Büttenredner Rolf Braun für sich schreiben. Die Redenschreiberin von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Eva Christiansen, galt als deren wichtigste politische Beraterin. Der ultrakonservative Stephen Miller schrieb 2016 die Wahlkampfreden für Donald Trump.

Entscheidend für die Wirksamkeit politischer Reden und Gastbeiträge ist natürlich, dass die Politiker sich mit deren Inhalten identifizieren. Auch dann, wenn die konkrete Formulierung nicht von ihnen selbst stammt.

Es geht nicht um das Thema

Von dem österreichischen Journalisten Karl Kraus stammt der häufig falsch wiedergegebene Satz(öffnet im neuen Fenster): "Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: Man muss ihn auch ausdrücken können." Will heißen: Wenn man schon nichts Substanzielles zu sagen hat, sollte es wenigstens gut formuliert sein. Das klingt wie eine vorweggenommene Beschreibung von ChatGPT. Ein Pressefotograf beklagte sich diese Woche auf einem Termin, dass derzeit fast alle Politikerreden nur noch nach ChatGPT-Gesülze klängen.

Doch so einfach darf es sich der Ministerpräsident eines Bundeslandes nicht machen, wenn er sich mit einem überregionalen Debattenbeitrag meldet. Das konkrete Thema, ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche, ist sehr komplex. Da kann es sich lohnen, sich wirklich ein paar Gedanken zu machen und nicht nur einen kurzen Prompt zu formulieren. Wer jedoch nur ChatGPT schreiben lässt, macht deutlich, dass es ihm eigentlich nicht um das Thema, sondern nur um die Aufmerksamkeit und die mediale Präsenz geht.

Selbst Halluzinationen wurden nicht erkannt

Bislang beruht das Instrument des Gastbeitrags auf Gegenseitigkeit: Das Medium kann sich mit einer prominenten Person schmücken, während die Autoren damit eine große Verbreitung erreichen können. Angela Merkel brachte mit einem Gastbeitrag in der FAZ(öffnet im neuen Fenster) im Dezember 1999 ihren politischen Übervater Kohl zu Fall.

Wer sich mit solchen Beiträgen in Debatten einbringt, sollte daher etwas zu sagen haben. Zwar kann das auch nach hinten losgehen, wie zuletzt im Falle von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), doch prinzipiell ist es eine Win-Win-Situation.

Diese wird allerdings entwertet, wenn der Inhalt praktisch auf Knopfdruck von einer KI generiert wird. Dann wird der Markt in kurzer Zeit mit politischem KI-Müll überflutet. Erst recht wird das problematisch, wenn dieser Inhalt, wie im Falle Voigts, noch zum Teil halluziniert wurde.

Auf unsere Anweisung, in einen entsprechenden Gastbeitrag noch ein paar Zitate einzufügen, antwortete ChatGPT: "Für einen seriösen Gastbeitrag würde ich keine erfundenen oder zugespitzten Zitate verwenden, sondern kurze, belastbare Aussagen von Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten, die tatsächlich dokumentiert sind." Selbst das scheint nicht funktioniert zu haben, was nicht gerade für die Technik- und Medienkompetenz der Thüringer Staatskanzlei spricht.

Auch Plagiatsvorwürfe gegen Voigt

Zu guter Letzt haben Politiker auch eine gewisse Vorbildfunktion. Es kam schon zu einigen spektakulären Rücktritten, weil Minister in ihren Dissertationen zu viel abgeschrieben hatten. Auch Voigts Doktorarbeit soll Hunderte Plagiatsstellen aufweisen(öffnet im neuen Fenster).

Daher ist es fast schon bezeichnend, dass die Staatskanzlei gar nicht erst versuchte, die KI-Nutzung abzustreiten. Im Gegenteil. Die Nutzung generativer KI-Systeme sei aufgrund einer Dienstanweisung erfolgt, teilte sie der FAZ mit. Das ist an sich nichts Verwerfliches, aber wenn der Text offenbar zu 100 Prozent von der KI stammt, ist das eines überregionalen Gastbeitrags unwürdig. Das haben selbst die Praktikanten in der Thüringer Staatskanzlei nicht verdient.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)


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