Was ist dran an Schmidhubers Vorwürfen?
Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den Extremen von "Fast alles ist irgendwo schon mal in ähnlicher Form aufgetaucht" und "Andere Hyperparameter sind schon eigene Contribution". Die meisten grundlegenden Ideen, auf denen moderne KI-Verfahren aufbauen, sind deutlich älter als ihre bekanntesten Veröffentlichungen.
Im konkreten Fall der GANs hat Schmidhuber nicht unrecht. Die Grundidee von konkurrierenden Netzwerken existierte tatsächlich lange vor GANs in seinen alten Veröffentlichungen. Dass Ian Goodfellow diese Idee kopiert haben soll, trifft aber auch nicht voll zu: Schmidhubers Arbeiten waren damals eher theoretisch, wenig praktisch anwendbar und erzeugten keine realistischen Bilder.
Erst Goodfellow und seine Mitautoren brachten die konkrete Idee in eine Form, die praktisch einsetzbar war, stabil und kontrollierbar. Gleichzeitig ist die Formulierung der Grundidee mathematisch etwas anders aufgebaut. Böswillig ließe sich bestenfalls sagen: Goodfellow hat sich inspirieren lassen und diese Inspirationsquelle dann unter den Tisch fallen lassen.
Doch auch das erscheint angesichts des großen Zeitsprungs und der vorherigen Arbeiten des Autors plausibel: Goodfellow kam eher aus der Richtung der Computer Vision, dem maschinellen Verarbeiten von Bildern, und hatte inhaltlich Berührungspunkte mit Themen, die den Schritt zu tatsächlichen GANs nahelegen – etwa Adversarial Examples, bei denen bereits ebenfalls Bilder so angepasst werden, dass ein anderes Netz davon getäuscht wird. Der Sprung zu GANs mit dem Training von zwei Netzen, wobei das eine Bilder produziert, die möglichst ein anderes Netz täuschen, ist dann nicht mehr weit.
Sicher lässt sich allerdings nicht sagen, woher Goodfellow seine Inspiration hatte, das Problem ist eher der Umgang mit der Diskussion. Schmidhuber war offenbar bereits Reviewer des ursprünglichen Papers. Er machte Verbesserungsvorschläge wie einen Verweis auf seine Arbeit und musste über die Akzeptanz des Papers in der Konferenz entscheiden.
Auch hier verläuft wieder eine schwammige Trennlinie zwischen guter Praxis und schlechtem Stil: Als Reviewer die eigenen Zitationen zu pushen, indem man alles mit der eigenen Arbeit vergleicht und eine Erwähnung fordert, ist leider üblich, in diesem Fall vielleicht berechtigtes Interesse.
Wer der eigentliche Erfinder ist, lässt sich somit nicht mehr klar benennen. Für die wissenschaftliche Entwicklung ist das ohnehin unerheblich. Das Problem lässt sich aber bei vielen anderen Veröffentlichungen und berühmten KI-Forschern identifizieren und ist kein Einzelfall. Häufig ist es Schmidhuber selbst, der zum Angriff übergeht und die – seiner Meinung nach – Missstände anprangert.
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