Die neue Abhängigkeit heißt Uran, das Problem heißt Platzbedarf
10 Prozent des Endenergiebedarfs der EU sind knapp 1 Petawattstunde oder 1 Billion Kilowattstunden. Die Zahl ist so hoch, weil die Stromerzeugung beim Energiebedarf nur einen kleinen Teil ausmacht, ungefähr ein Drittel. Den Rest übernehmen aktuell fossile Brennstoffe.
Besäße man Kraftwerke, die rund um die Uhr und das ganze Jahr konstant Strom einspeisen, müssten sie eine Gesamtleistung von 114 Gigawatt (GW) aufweisen. Mit Wartung, Instandhaltung und eventuellen Reparaturen lässt sich vorsichtig von 140 GW ausgehen, die nötig wären.
Das ließe sich mit 50 großen Atommeilern realisieren, aber die modularen Reaktoren weisen eher zwischen 5 und 50 Megawatt auf, je nach bevorzugter Technik. Sie müssen so klein sein, um schnell in Serie produziert zu werden und ohne Personal und mit komplett abgeschlossenem Spaltmaterialkreislauf arbeiten zu können.
Skalierung ist kein Problem mehr
Geht man für eine einfache Berechnung von 14 Megawatt pro SMR aus, sind die nötigen Skaleneffekte längst erreicht. Mit 10.000 solcher kleinen Kraftwerke ließe sich ein Zehntel der benötigten Energie in der EU erzeugen. Für den Rest kommen Windkraft und Photovoltaik zum Zug, kombiniert mit Stromspeichern.
Das heißt aber auch, dass in jeder Stadt mit wenigstens 40.000 Einwohnern ein Atomkraftwerk stehen müsste. In kleinen Großstädten wie Remscheid oder Jena wären es schon drei. Berlin müsste 80 davon aufstellen. Jede Stadt bekäme ihr eigenes kleines Kernkraftwerk. Bei den nötigen Zwischen- und Endlagern für mittel- und hochradioaktive Abfälle sähe es wohl kaum anders aus.
Praktisch kaum umsetzbar
Hätte diese europäische Technologie Erfolg und würde schließlich zum Exportschlager, käme das Problem der Uranversorgung hinzu. Die stößt bereits jetzt an ihre Grenzen, wie das Beispiel USA zeigt.
Zumal die gesamten Vorräte des Erzes, auch die lediglich geschätzten, in 240 Jahren aufgebraucht(öffnet im neuen Fenster) sein sollen. Nimmt man nur die bereits als gesichert angesehenen Vorkommen, sind es nur 50 Jahre.
In der Berechnung steigt die weltweite Nutzung der Kernkraft jedoch nicht an, die derzeit knapp 2 Prozent des globalen Energiebedarfs deckt. Wären es 10 Prozent wie in der Beispielrechnung, wären es nur noch zehn Jahre, bis das halbwegs bezahlbar abbaubare Uran verbraucht ist. Die kleinen Reaktoren müssten ihr Spaltmaterial deshalb schon selbst erzeugen, aus Thorium, Plutonium oder aus etwas, das noch erfunden werden muss.
Abhängig von alten Bekannten
Und auch Uran, Plutonium oder Thorium kommen wiederum nicht aus der EU. Australien, die USA und einige zentralasiatische Länder verfügen über die größten Vorkommen. Russland wiederum zählt zu den Ländern mit den größten Kapazitäten zur Urananreicherung.
Immerhin hält die Kommissionspräsidentin das Risiko klein. Sollte sich die eine oder andere Stadt lieber für eine Handvoll Windräder und eine Biogasanlage entscheiden, statt ein europäisches SMR zu kaufen, das 10 Prozent der lokalen Energie liefert, dürfte das zu verschmerzen sein.
Sie nennt nämlich als Investitionssumme 200 Millionen Euro, die die EU bereitstellt, um die Welt der Kernenergie zu erobern. Mit diesen 50 Cent pro Einwohner dürfte sich kein einziges SMR bauen lassen.
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