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Kernenergie: Kleine Atomreaktoren verlieren massiv an Attraktivität

SMRs sollten die Energiewende stützen und Rechenzentren versorgen. Doch steigende Kosten und gestoppte Projekte dämpfen die Euphorie.
/ Nils Matthiesen
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Krise bei kleinen modularen Reaktoren (Symbolbild) (Bild: KI-generiert mit Gemini)
Krise bei kleinen modularen Reaktoren (Symbolbild) Bild: KI-generiert mit Gemini

Die hohen Erwartungen an eine neue Generation kleiner Atomreaktoren, die sogenannten Small Modular Reactors (SMR) , weichen zunehmend einer wirtschaftlichen Ernüchterung, berichtet die Financial Times(öffnet im neuen Fenster) . Während SMRs lange Zeit als die Lösung für eine CO2-freie und grundlastfähige Energieversorgung angepriesen wurden, mehren sich nun die Anzeichen für erhebliche Hürden bei der praktischen Umsetzung. Steigende Zinsen, unterbrochene Lieferketten und eine massive Inflation bei den Materialkosten belasten die Rentabilität der Projekte.

Ein deutliches Signal für diese Entwicklung ist das Scheitern des Projekts von Nuscale Power(öffnet im neuen Fenster) am Idaho National Laboratory. Obwohl der Auftraggeber, der Energieverbund UAMPS, in Utah ansässig ist, sollte die Anlage in Idaho entstehen. Das Vorhaben wurde jedoch eingestellt, nachdem die kalkulierten Kosten für den erzeugten Strom um über 50 Prozent nach oben korrigiert werden mussten. Die versprochene Wirtschaftlichkeit gegenüber erneuerbaren Energien ließ sich unter den veränderten Marktbedingungen nicht halten. Dieser Rückschlag hat innerhalb der Branche Zweifel geweckt, ob die theoretischen Kostenvorteile einer Serienfertigung in absehbarer Zeit realisierbar sind.

Projektstopps und explodierende Baukosten

Das Kernproblem der SMR-Technik bleibt demnach die Finanzierung in einem Umfeld hoher Zinsen. Da es sich um extrem kapitalintensive Vorhaben handelt, wirken sich bereits geringe Zinssteigerungen massiv auf den späteren Strompreis aus. Hinzu kommt, dass die angestrebte Standardisierung der Komponenten bisher kaum über das Planungsstadium hinausgekommen ist. Jedes Design muss komplexe Genehmigungsverfahren durchlaufen, was die Zeitpläne für die Markteinführung immer weiter nach hinten verschiebt. In der Zwischenzeit sinken die Kosten für Photovoltaik-Anlagen und Batteriespeicher weiter, was den ökonomischen Druck auf die Nuklear-Start-ups erhöht.

Zudem kämpfen viele Entwickler mit technischen Herausforderungen bei der Skalierung. Die Errichtung der notwendigen Lieferketten für spezialisierte Brennstoffe und Bauteile erfordert Investitionen in Milliardenhöhe, bevor überhaupt der erste kommerzielle Reaktor in Betrieb gehen kann. Viele Investoren bewerten das Risiko daher derzeit neu und fordern verstärkt staatliche Absicherungen.

Strategische Wetten der Hyperscaler

Trotz dieser Rückschläge halten große Technologiekonzerne wie Microsoft , Google und Amazon an der Technologie fest, wenn auch mit einem deutlich längeren Zeithorizont. Für den Betrieb ihrer KI-Rechenzentren benötigen sie enorme Mengen an CO2-freiem Strom. Da SMRs voraussichtlich erst in den 2030er Jahren in größerem Stil verfügbar sein werden, setzen diese Unternehmen kurzfristig auf die Reaktivierung bestehender Kernkraftwerke oder den Ausbau klassischer erneuerbarer Energien.

Die Investitionen der Tech-Giganten in SMR-Entwickler sind daher als strategische Absicherung für das kommende Jahrzehnt zu verstehen. Sie dienen dazu, die Entwicklung der Technologie überhaupt zu ermöglichen, indem sie als garantierte Abnehmer für den künftigen Strom auftreten. Ob diese Unterstützung ausreicht, um der Branche über die aktuelle Phase der Kostensteigerungen hinwegzuhelfen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die ursprüngliche Hoffnung auf eine schnelle und günstige Lösung des Energieproblems durch Mini-Reaktoren ist jedoch vorerst verflogen.


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