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Katastrophenschutz: Endlich klingelt es am Warntag

Zwei Jahre nach dem ersten bundesweiten Warntag klingelt es dank Cell Broadcast deutschlandweit. An anderen Stellen fehlen weiterhin Warnmittel.
/ Sebastian Grüner , Friedhelm Greis
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Nur Geräte mit aktiver Sim-Karte können die Cell-Broadcast-Warnung empfangen. (Bild: Martin Wolf/Golem.de)
Nur Geräte mit aktiver Sim-Karte können die Cell-Broadcast-Warnung empfangen. Bild: Martin Wolf/Golem.de

Die Verschiebung des bundesweiten Warntags, um doch noch deutschlandweit die Cell-Broadcast-Technik (CB) für Warnungen zu testen, hat sich gelohnt. Blieb es vor zwei Jahren beim ersten bundesweiten Warntag nach der Wiedervereinigung wegen fehlender Sirenen und Problemen mit den Warn-Apps noch weitgehend ruhig, klingelt nun dank CB zahlreiche Telefone.

Der Weg dahin war lang. Zwar musste schon kurz nach dem verpatzten ersten Warntag der Chef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz seinen Posten räumen und das Amt prüfte früh die Einführung von Cell Broadcast als Warnmittel. Anlass für die Einführung der CB-Technik ist jedoch nicht der verpatzte erste Warntag, sondern dass während der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 in Deutschland mindestens 186 Menschen starben, auch weil Warnungen sie nicht rechtzeitig erreichten. In einem Kommentar kritisierten wir , dass es in Deutschland erst Tote braucht, bis derartige Sicherheitstechniken umgesetzt werden.

Immerhin: das ausgegebene Ziel von Mobilfunkanbietern und BBK , dass es "richtig, richtig laut" wird, haben die Beteiligten offenbar erreicht. Noch im Sommer 2022 gab es Befürchtungen, dass es auch am zweiten Warntag wieder ruhig bleiben könnte , weil zu wenige Mobiltelefone die technischen Voraussetzungen für CB hatten.

Zumindest für aktuell noch unterstützte iPhones und Android-Telefone gilt das aber nicht mehr. Außerdem können auch ältere Handys die Nachrichten empfangen. Belastbare Schätzungen dazu, wie viele Geräte aber tatsächlich erreicht werden, wie dies etwa für das Warnsystem in den Niederlanden umgesetzt wird, stehen für Deutschland noch nicht bereit.

Auch in der Golem-Redaktion haben wir Warnungen für teils sehr alte Geräte empfangen. Dazu gehören etwa ein Smartphone mit Android 6. Noch ältere Feature-Phones haben keine Warnungen erhalten. Geräte ohne SIM-Karte erreichen die Nachrichten bei uns nicht. Laut Richtlinien werden die Warnungen standardmäßig im Abstand von 2 Minuten sechs Mal versendet. Geräte, die also in diesem Zeitraum von zehn Minuten nicht eingeschaltet sind, erhalten die Nachricht nicht, was wir bestätigen konnten.

Ein Kollege aus München berichtet zudem, dass die Warnungen dort offenbar nicht ausgelöst wurden. Auch andernorts blieb es auf den Mobiltelefonen still, wie etwa die Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Grüne) auf Twitter(öffnet im neuen Fenster) schreibt. Möglicherweise liegt das nicht nur an den genutzten Endgeräten, sondern auch an den Providern selbst. So berichten einige Telekomkunden, wie unser Kollege, dass sie nicht gewarnt worden sind. Das scheint wiederum aber abhängig von der konkreten Region gewesen zu sein.

Vorerst nur auf Deutsch und Englisch

Ob die Personen, die die Warnungen empfangen, auch deren Inhalt verstehen, steht jedoch auf einem anderen Blatt. An diesem Warntag wurden die Cell-Broadcast-Nachrichten zunächst nur in deutscher und englischer Sprache versendet. Die jeweils angezeigte Sprache soll abhängig von den Systemeinstellungen sein.

Wissenschaftler hatten im Gespräch mit Golem.de gefordert, dass mit den Warnungen auch Touristen oder geflüchtete Menschen erreicht werden sollten. Zum Test am Warntag erreichten uns die Nachrichten auf einem Telefon mit spanischer Spracheinstellung auf Deutsch und Englisch, die beide dargestellt wurden.

Die Technische Richtlinie DE-Alert (PDF)(öffnet im neuen Fenster) sieht eine solche Mehrsprachigkeit zumindest vor. So heißt es unter anderem: "Eine CBC-Implementierung sollte jedoch nicht auf die Sprachen Deutsch und Englisch beschränkt, sondern grundsätzlich in der Lage sein, zukünftig auch weitere Sprachen (z.B. Arabisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Spanisch und Türkisch) zu unterstützen." Rein technisch müssen dazu mehrere Nachrichten verschickt werden.

Warnungen auch über Apps und teils ohne Sirenen

Neben dem neu eingeführten CB sowie Radio und Fernsehen zählen auch Smartphones-Apps wie Nina und Katwarn zu den Warnmitteln des Bundes. Die Apps funktionieren über das Internet per WLAN etwa auch auf Tablets ohne Mobilfunkmodem, lösten zum ersten Warntag aber noch sehr verzögert aus. Die Warnungen von Nina kamen Berichten zufolge direkt mit nur kurzer Verzögerung. Die Warnungen per Katwarn kamen teils etwas später an, was wir ebenfalls bestätigen können. Im Ernstfall könnte das dramatische Konsequenzen haben, ist aber immer noch besser als beim vergangenen Warntag.

Die Warnung durch Sirenen hingegen hat vielerorts in Deutschland besser funktioniert – sofern Sirenen vorhanden sind. So forderte im vergangenen Jahr etwa der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, auch mit Blick auf die Hochwasserkatastrophe, ein Warnsystem wie im Kalten Krieg mit flächendeckenden Sirenen .

Doch in Berlin sind beispielsweise von den geplanten 400 Sirenen erst 28 errichtet, wie der Tagesspiegel berichtete(öffnet im neuen Fenster) . Diese sind zudem offenbar nicht angebunden, so dass sie zum heutigen Warntag noch nicht genutzt werden können. Auch die Anzeigetafeln der BVG an den Haltestellen für Busse, Tram und U-Bahnen können demnach nicht direkt mit den Warnungen versorgt werden. Das muss die BVG manuell übernehmen.

Nachtrag vom 8. Dezember 2022, 12:09 Uhr

Das BBK ruft zur Verbesserung und Überprüfung der Warnsysteme alle dazu auf, an einer Umfrage(öffnet im neuen Fenster) teilzunehmen. Dazu heißt es(öffnet im neuen Fenster) : "Durch Ihre Teilnahme an der Befragung zum Warntag gestalten Sie die Warninfrastruktur in Deutschland aktiv mit und helfen, diese zu verbessern." Die Umfrage ist vollständig anonym und dauert laut BBK etwa 10 Minuten. Feedback lässt sich über die Umfrage bis zum 15. Dezember einreichen.

Nachtrag vom 8. Dezember 2022, 14:00 Uhr

Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sagte zum Warntag: "Nach vorläufigen Erkenntnissen war der bundesweite Warntag 2022 ein Erfolg! Das Zusammenspiel der einzelnen Systeme hat funktioniert und die Menschen sind auf das wichtige Thema Warnung aufmerksam geworden. Für abschließende Ergebnisse ist es noch zu früh." Die Rückmeldungen würden ausgewertet.

Zu dem von zahlreichen Nutzern berichteten Ausbleiben der CB-Nachrichten einzelner Provider in bestimmten Regionen sagte Tiesler bisher noch nichts. Das System wird von ihm aber als funktionsfähig angesehen. "Die Probewarnung hat gezeigt, dass unsere technische Infrastruktur robust ist und die technischen Probleme der Vergangenheit behoben sind. Die intensive Arbeit zur Einführung des neuen Warnkanals und der Härtung der bestehenden Infrastruktur hat sich gelohnt."


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