• IT-Karriere:
  • Services:

Karfreitag: Osterregeln für Kino im Streamingzeitalter "absurd"

Die Filmwirtschaft findet die Feiertagsregeln fürs Kino nicht mehr zeitgemäß. Die Abschaffung wird seit Langem gefordert.

Artikel veröffentlicht am , / dpa
Monty Pythons Das Leben des Brian darf am Karfreitag nicht im Kino laufen, aber auf Netflix.
Monty Pythons Das Leben des Brian darf am Karfreitag nicht im Kino laufen, aber auf Netflix. (Bild: Netflix, Screenshot: Golem.de)

Wenn man am Karfreitag durch die Fernsehsender schaltet, könnte man theoretisch auf den fünften Rambo-Film stoßen oder die Satire Das Leben des Brian. Im Kino aber, da dürften diese Werke gar nicht laufen - denn sie haben keine Feiertagsfreigabe. Auch der Rühmann-Klassiker Die Feuerzangenbowle war lange tabu. Nur mit einer Feiertags-Freigabe dürfen Filme an sogenannten stillen Feiertagen öffentlich aufgeführt werden. Sie gilt für Kinos, aber nicht für TV und Streaminganbieter. Für Kritiker wie auch die Filmwirtschaft klingt das absurd und unzeitgemäß.

Stellenmarkt
  1. Bayerische Versorgungskammer, München
  2. PROSOZ Herten GmbH, Herten (Ruhrgebiet)

"Der Hintergrund sind Regelungen, die noch aus der Weimarer Republik stammen", erklärt Stefan Linz, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) in Wiesbaden. Damals unterlagen stille Feiertage einem besonderen gesetzlichen Schutz. "Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurden diese Regelungen leicht verändert übernommen." Als stille Feiertage gelten je nach Land etwa der Karfreitag, Allerheiligen, Buß- und Bettag, Volkstrauertag und Totensonntag.

Konkret bedeutet das: Beantragt ein Verleih eine Feiertags-Freigabe, entscheidet ein FSK-Gremium darüber. Dabei berücksichtigt die FSK die Ländergesetze - und demnach dürfen an stillen Feiertagen nur solche Filme öffentlich vorgeführt werden, bei denen der "ernste Charakter" dieser Tage gewahrt ist. Laut FSK variiert die genaue Formulierung, verfolgt aber letztendlich eine ähnliche Idee.

Gesetze nur für Kino nicht zeitgemäß

Dass es die Beschränkungen fürs Kino, aber nicht für den Rundfunk oder andere Vertriebswege wie DVDs oder Online-Angebote gebe, sei nur so zu erklären, dass die Gesetze aus einer anderen Zeit stammten und nie angepasst wurden, so die Einschätzung von FSK-Geschäftsführer Linz. "Aus heutiger Sicht ist es nicht mehr nachvollziehbar", sagt er. "Das macht keinen Sinn." Hinzu komme, dass man sich gerade im Kino bewusst für einen Film entscheide, während man beim Zappen im Fernsehen auch ungewollt etwas sehen könne.

Trotzdem bleibt die Regelung bislang bestehen - und sorgt dafür, dass weiterhin Filme keine Feiertags-Freigabe erhalten. Wie zum Beispiel 2019 Rambo: Last Blood. In der Begründung hieß es laut FSK: "Zahlreiche inszenierte Tötungsszenen und insbesondere die Schlussszene stehen dem Ernst der stillen Feiertage entgegen." Auch bei der Agentenkomödie Kingsman - The Golden Circle gab es 2017 wegen der "unzureichenden Berücksichtigung der Perspektive der Opfer der Gewalt" eine Absage.

Regelung spielt nur noch selten eine Rolle

Der umstrittene und nicht wirklich gewaltfreie Film Antichrist von Lars von Trier hingegen erhielt 2009 eine Feiertagsfreigabe. Überhaupt ist die Zahl der Freigaben im Laufe der Jahrzehnte stark gestiegen: In den 1950er Jahren wurden noch 60 Prozent aller Kinofilme als «nicht feiertagsfrei» gewertet. Diese Zahl sank kontinuierlich, etwa auf 50 Prozent in den 70er und 30 Prozent in den 80er Jahren. Seit 2000 erhält im Schnitt nur noch ein Prozent der beantragten Kinofilme keine Feiertagsfreigabe.

Außerdem kann ein Werk später noch einmal neu beurteilt werden - und dann eine Freigabe erhalten. So war es beispielsweise bei Die Feuerzangenbowle von 1944 mit Heinz Rühmann. Der "lustspielhafte Charakter" führte bei der Erstprüfung dazu, dass die FSK einer Feiertags-Freigabe widersprach. 1980 erfolgte eine neue Prüfung, seitdem dürfte die Komödie doch am Karfreitag im Kino laufen.

Oster-Angebote bei Amazon bis zum 31. März.

Ein Film allerdings steht seit langer Zeit auf der Liste: Die überdrehte Satire Das Leben des Brian, in der die britische Komikergruppe Monty Python die Zeit von Jesus Christus aufs Korn nimmt, erhielt 1980 keine Feiertagsfreigabe. Die "Persiflage von biblischen Geschichten" widerspreche dem ernsten Charakter, befand die FSK damals.

Abschaffung gefordert

Die Initiative Religionsfrei im Revier fordert eine konsequente Trennung von Staat und Kirche und wehrt sich unter anderem dagegen, dass bestimmte Filme am Karfreitag nicht vorgeführt werden dürfen. "Für religionsfreie Menschen ist das eine Provokation", findet Martin Budich von der Initiative. An diesem Tag müssten doch nicht alle Menschen traurig sein, sagt er.

Mehrere Jahre lang habe man deswegen am Karfreitag Das Leben des Brian gezeigt. "Der Film ist ein Beispiel, wie Kirchenprivilegien unser Verhalten einschränken", sagt er. Deutschland sei ein pluralistischer Staat. Dass es trotzdem Feiertags-Freigaben für Filme gebe, "ist etwas völlig Absurdes".

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


Anzeige
Hardware-Angebote

berritorre 31. Mär 2021 / Themenstart

Ja, aber ist es richtig, dass Eltern so einen langfristigen "Knebelvertrag" für ihre...

Oktavian 30. Mär 2021 / Themenstart

Naja, man kann noch argumentieren, die Kirche war wahrscheinlich zuerst da. Du wusstest...

wurstdings 30. Mär 2021 / Themenstart

Ach nur Humor ist verboten, dann ist ja alles gut. Nein Beides ist die Einschränkung...

sosohoho 30. Mär 2021 / Themenstart

Klingt nach einem ziemlich spannenden Film; das meine ich tatsächlich ernst. Wenn der...

Enby 29. Mär 2021 / Themenstart

Kommen Sie zu mir! Karfreitag 2022/2023 schauen wir "Heidi in den Bergen", ein ganz...

Kommentieren


Folgen Sie uns
       


Die Tesla-Baustelle von oben (Januar-November 2020)

Wir haben den Fortschritt in Grünheide dokumentiert.

Die Tesla-Baustelle von oben (Januar-November 2020) Video aufrufen
Programm für IT-Jobeinstieg: Hoffen auf den Klebeeffekt
Programm für IT-Jobeinstieg
Hoffen auf den Klebeeffekt

Aktuell ist der Jobeinstieg für junge Ingenieure und Informatiker schwer. Um ihnen zu helfen, hat das Land Baden-Württemberg eine interessante Idee: Es macht sich selbst zur Zeitarbeitsfirma.
Ein Bericht von Peter Ilg

  1. Arbeitszeit Das Sechs-Stunden-Experiment bei Sipgate
  2. Neuorientierung im IT-Job Endlich mal machen!
  3. IT-Unternehmen Die richtige Software für ein Projekt finden

Weclapp-CTO Ertan Özdil: Wir dürfen nicht in Schönheit und Perfektion untergehen!
Weclapp-CTO Ertan Özdil
"Wir dürfen nicht in Schönheit und Perfektion untergehen!"

Der CTO von Weclapp träumt von smarter Software, die menschliches Eingreifen in der nächsten ERP-Generation reduziert. Deutschen Perfektionismus hält Ertan Özdil aber für gefährlich.
Ein Interview von Maja Hoock


    Fiat 500 als E-Auto im Test: Kleinstwagen mit großem Potenzial
    Fiat 500 als E-Auto im Test
    Kleinstwagen mit großem Potenzial

    Fiat hat einen neuen 500er entwickelt. Der Kleine fährt elektrisch - und zwar richtig gut.
    Ein Test von Peter Ilg

    1. Vierradlenkung Elektrischer GMC Hummer SUV fährt im Krabbengang seitwärts
    2. MG Cyberster MG B Roadster mit Lasergürtel und Union Jack
    3. Elektroauto E-Auto-Prämie übersteigt in 2021 schon Vorjahressumme

      •  /