Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Kaputtes Lizenzmodell: MPEG-Gründer sieht Videocodecs in Gefahr

Wegen eigener Probleme und der freien Konkurrenz der Aomedia sieht der Gründer der Moving Pictures Expert Group deren Lizenzmodell in Gefahr. Er zieht daraus den abwegigen Schluss, dass damit auch die Weiterentwicklung von Videocodecs gefährdet werde.
/ Sebastian Grüner
107 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Der Gründer der MPEG: Leonardo Chiariglione (Bild: Isabella Chiariglione, Wikimedia)
Der Gründer der MPEG: Leonardo Chiariglione Bild: Isabella Chiariglione, Wikimedia / CC-BY-SA 3.0

"Gute Geschichten haben ein Ende, so dass auch das MPEG-Geschäftsmodell nicht ewig überdauern kann" , schreibt der Gründer der Moving Pictures Expert Group (MPEG), Leonardo Chiariglione, in seinem Blog(öffnet im neuen Fenster) . Als Grund dafür nennt Chiariglione einerseits die derzeit extrem verworrene Lizenzsituation für den MPEG-Codec HEVC alias H.265 und andererseits die sich abzeichnende starke freie Konkurrenz der Alliance for Open Media (Aomedia) mit dem kommenden Internet-Standard-Codec AV1 .

Mit dem Ende der Einnahmen der MPEG-Teilnehmer über das bisherige Modell werde es aber auch mit der MPEG-Organisation selbst zu Ende gehen und damit letztlich auch mit der Weiterentwicklung von Videcodecs, vermutet Chiariglione. Dazu wird es angesichts des breiten Industrie-Interesses wohl aber nicht kommen. Vermutlich werden aber auch die Lösungsvorschläge des MPEG-Gründers nicht mehr zur Rettung der MPEG beitragen. Stattdessen wird sich wohl eher das Open-Source-Modell der Aomedia durchsetzen.

AV1 Videocodec ausprobiert
AV1 Videocodec ausprobiert (01:16)

Die Lizenzierung für den HEVC-Vorläufer AVC alias H.264 ist vergleichsweise einfach. Mit der MPEG-LA gibt es nur ein Konsortium, das die Patente verwaltet. Für Lizenznehmer ist eine Jahreshöchstgebühr festgelegt. Für HEVC gibt es dagegen zusätzlich zur MPEG-LA das konkurrierende Konsortium HEVC Advance , die im vergangenen Jahr gegründete Velos-Media(öffnet im neuen Fenster) , deren Lizenzbestimmungen bisher nicht öffentlich sind, sowie weitere große Unternehmen mit möglichen Patenten an HEVC, die in keinem der Konsortien organisiert sind. Die Kosten für HEVC-Lizenzen sind damit schwer zu kalkulieren. Außerdem sind sie extrem hoch - vor allem im Vergleich zu AVC -, da sie meist auch nicht mehr gedeckelt sind.

Chiariglione schließt daraus: "Endlich wird allen klar, dass das alte MPEG-Geschäftsmodell bankrott ist, dass sich alle Investitionen (zusammen Hunderte Millionen US-Dollar) der Industrie für den neuen Video-Codec in Rauch auflösen werden und dass sich das kostenfreie Lizenzmodell der Aomedia auf andere Geschäftssegmente ausbreiten wird" . Der Informatiker fügt noch an: "Die Situation kann als tragisch bezeichnet werden" .

Zukunft der MPEG steht auf dem Spiel

Als möglichen Ausweg aus dem Dilemma schlägt Chiariglione größere Änderungen an dem bisherigen Vorgehen der MPEG vor. So solle es künftig einen von der Gruppe angebotenen Standard-Codec geben, der zwar lizenzkostenfrei zur Verfügung steht, allerdings weiter an bestimmte weitere Lizenzbedingungen geknüpft sein könnte.

Darüber hinaus sollten die Coding-Werkzeuge der MPEG so gestaltet werden, dass deren Herkunft und Eigentumsrechte klar erkennbar seien. Darauf aufbauend sollte es keine Profile in den MPEG-Standards mehr geben. Die Standards sollten letztlich auch vorsehen, dass bestimmte Coding-Werkzeuge an- und abgeschaltet werden können. Nutzer und Lizenznehmer könnten so relativ leicht sehen, welche Rechte sie verwenden wollen, und dies über die Coding-Werkzeuge steuern. So wäre dann auch klar, bei welchen Konsortien die entsprechenden Rechte lizenziert werden müssten.

Diese Idee wird so ähnlich auch für den freien Codec AV1 der Aomedia umgesetzt. Wie etwa das Aomedia-Mitglied Bitmovin schreibt(öffnet im neuen Fenster) , werden Kodierexperimente in AV1 erst dann standardmäßig aktiviert, wenn daran hängende Immaterialgüterrechte abschließend geklärt sind und die Funktionen so problemlos von der Aomedia verteilt werden können. Für andere Experimente fallen demzufolge vielleicht doch Lizenzzahlungen an, oder es besteht zumindest die theoretische Gefahr, für deren Nutzung verklagt zu werden.

Doch trotz dieser Überlegungen und Lösungsvorschläge betrachtet Chiariglione die Zukunft der MPEG alles andere als gut und befürchtet mit einem Ende der MPEG gar ein Ende der Entwicklung von Videocodecs.

Keine MPEG, keine Codecs

Chiariglione schreibt zu seinen eigenen Ausführungen: "Selbst wenn sich die Industrie dazu entschließen sollte, sich zusammenzuschließen und das Geschäftsmodell der MPEG zu vereinheitlichen, ist zu erwarten, dass die nächste Bedrohung vor der Tür steht. Die MPEG kann aber nicht überleben, wenn sie von einer Krise in die nächste Krise übergeht" .

Zunächst stellt Chiariglione aber fest, dass er persönlich nicht besorgt sei angesichts solcher Überlegungen - obwohl er die MPEG knapp 30 Jahre geleitet hat. Er scheint sich sogar mit einem möglichen Ende der MPEG abgefunden zu haben: "Wenn die MPEG jetzt zu Ende geht, wäre das schade, aber wenn das die Entscheidung der Beteiligten ist - die Industrievertreter in der MPEG - sei es so" .

Besorgt zeigt sich der MPEG-Gründer jedoch darüber, dass mit dem Ende der MPEG die breite Industrie weniger Zugang zu Innovationen bekommen könnte. Auch werde ein möglicher Erfolg der Aomedia den "technischen Fortschritt reduzieren oder gar zu einem Stillstand bringen" .

Die Argumente hierfür stützen sich jedoch sehr auf das bisherige Lizenzmodell, das Chiariglione ja selbst als eigentlich gescheitert beschreibt. "Es wird einfach keinen Anreiz für ein Unternehmen geben, neue Videokompressionstechnologien zu entwickeln, wohl wissend, dass Assets glücklicherweise - und nichts weiter - von der Aomedia für den Einsatz in ihrem Videocodec akzeptiert werden" .

Das habe zur Folge, vermutet Chiariglione, dass Unternehmen ihre Investitionen in Video-Kompressionstechnologien "zusammenstreichen" , was wiederum Tausende von Arbeitsplätzen kosten werde und dass "Millionen von US-Dollar für die Finanzierung von Universitäten gekürzt werden" .

Dass dies aber alles aber wirklich so geschieht, erscheint angesichts der IT-Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte und der Forschungslandschaft sehr unwahrscheinlich.

Open Source rettet den Codec

Auch künftig werden viele Unternehmen, allen voran die Inhalteanbieter von Videos sowie Gerätehersteller und andere Beteiligte, ein Interesse daran haben, Videocodecs ihren Anforderungen entsprechend weiterzuentwickeln. Das zeigt sich etwa an der Aomedia selbst. Immerhin hätten die dort organisierten Unternehmen auch für alle Zeit weiter H.264 oder gar den ebenso lizenzkostenfreien Codec VP9 nutzen können, wenn sie nicht mit den Bedingungen H.265 zufrieden sind.

Nur ist eben genau das nicht eingetreten. Stattdessen haben sich viele unterschiedliche Industrieteilnehmer zu einem Konsortium zusammengeschlossen, um ihre Interessen gemeinsam zu verfolgen und einen alternativen Videocodec zu entwickeln. Und auch in Zukunft wird es wohl weiterhin viele Gründe geben, die dafür sprechen, Kodierverfahren zu verbessern.

Der Erfolg von Linux und den Hunderten daran beteiligten Unternehmen zeigt auch, dass derartige Kollaborationsprojekte mit den Bedürfnissen der Beteiligten wachsen und diese nicht etwa ihre Arbeit bei Fertigstellung einer Version einstellen.

Erprobtes Open-Source-Geschäft

Ebenso gibt es eine Vielzahl anderer Finanzierungsmodelle für Forschungseinrichtungen und -unternehmen, als Patente zu lizenzieren. So werden in der Hardware-Industrie etwa Lizenzkosten für fertige Designs verlangt. Auch für Open-Soure-Software gibt es seit Jahrzehnten erprobte Geschäftsmodelle, die ohne Patentzahlungen auskommen.

Letztlich wird wohl auch die Grundlagenforschung an Universitäten nicht wegen fehlender Zuwendungen zusammenbrechen. So werden Universitäten, zumindest in Europa, nach wie vor zu großen Teilen direkt vom Staat oder von staatlichen Institutionen über Steuergelder finanziert.

Ebenso sind private Universitäten und Forschungseinrichtungen schon jetzt in der Lage, Grundlagenforschung zu betreiben, ohne dass sie direkt an Produkten arbeiten oder ihre Forschung in Patente umwandeln müssten. Möglich machen das etwa Unternehmen, aber auch Privatpersonen, die ein Interesse an derartiger Forschung haben.

Was diese Überlegungen und die Ausführungen von Chiariglione schließlich für die Zukunft der MPEG bedeuten, ist derzeit noch völlig unklar. Theoretisch könnte sich etwa die MPEG von ihrem Lizenzmodell verabschieden. Sie könnte das der Aomedia übernehmen, mit dieser fusionieren und damit langfristig weiter an neuen Videocodecs arbeiten. Oder aber die MPEG geht - wie von Chiariglione prognostiziert - zu Ende und die Aomedia ist künftig das Standardgremium für die Entwicklung von Videocodecs. Damit beide Gremien langfristig überleben, muss die MPEG wohl aber einiges ändern.


Relevante Themen