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Jugendschutz: Warum ein Social-Media-Verbot für Kinder sinnvoll ist

In mehreren europäischen Ländern wird über ein Social-Media-Verbot nach dem Vorbild Australiens diskutiert. Das sollte möglichst schnell kommen.
/ Friedhelm Greis
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Ein Social-Media-Verbot für Kinder ist stark umstritten (Symbolbild). (Bild: David Gray / AFP via Getty Images)
Ein Social-Media-Verbot für Kinder ist stark umstritten (Symbolbild). Bild: David Gray / AFP via Getty Images

Es gibt derzeit wohl kaum ein Thema, bei dem sich die Geister so sehr scheiden wie in der Debatte um ein Social-Media-Verbot für Heranwachsende. Während Befürworter sich davon einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor einem ausufernden Medienkonsum versprechen, warnen Gegner vor dem Aufbau einer umfassenden Altersverifikation im Netz und dem Ausschluss Jugendlicher von digitaler Teilhabe. Trotz aller Bedenken wäre ein solches Verbot für Eltern und Kinder aber eine sinnvolle Hilfe im Umgang mit digitalen Endgeräten.

In der Debatte ist nachvollziehbar, dass die Interessen sehr ungleich verteilt sind. Auf der einen Seite finden sich Eltern, die der ausgiebigen Smartphone-Nutzung ihrer Kinder oft hilflos gegenüberstehen. Auf der anderen Seite stehen Netzaktivisten, die im Jugendschutz einen Vorwand sehen, die freie Nutzung von Internetangeboten einzuschränken. Denn ebenso wie bei der umstrittenen Chatkontrolle besteht auch bei Social-Media-Verboten das Problem, dass nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle Internetnutzer von der technischen Umsetzung betroffen wären.

Viel Streit über Handynutzung in Familien

Hilfreich wäre es daher, wenn die eine Seite bei der anderen zunächst um Verständnis für ein solches Verbot werben würde. Wer keine Kinder im entsprechenden Alter hat, sieht das Problem eher aus einer abstrakten Perspektive. Die Frage der Handynutzung ist jedoch ein häufiger Konfliktstoff in Familien und Schulen. Dabei geht es nicht nur um soziale Medien, sondern generell um das Thema Bildschirmzeit. Einer Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom vom September 2025 zufolge(öffnet im neuen Fenster) streiten sich drei Viertel der Eltern mit ihrem Kind über die Art oder Umfang der Smartphone-Nutzung.

Die entscheidende Rolle bei der Handynutzung der Kinder spielen weiterhin die Eltern. Sie bestimmen zunächst, in welchem Alter ihr Kind ein Smartphone bekommt. Ebenfalls können und sollten sie sich darum kümmern, wie viel Zeit das Kind mit dem Gerät verbringt und welche Programme es nutzen darf. Diese Verantwortung bleibt selbst bei einem Social-Media-Verbot bestehen.

Mit Messengern geht es los

Wenn ein Kind heutzutage ein Smartphone erhält, setzt jedoch eine Dynamik ein, die schwer zu kontrollieren ist – vor allem nicht vom Kind selbst. Spätestens ab elf, zwölf Jahren, oft schon früher, wird die Kommunikation mit Freunden über Messengerdienste wie Whatsapp, Signal oder Snapchat eine Selbstverständlichkeit. Damit sind bereits eigene Gefahren verbunden, beispielsweise durch Mobbing im Klassenchat. Bei teilweise hunderten von Nachrichten, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend in diversen Chats oder Chatgruppen eingehen, entwickeln die Kinder eine fast schon symbiotische Verbindung zu den Geräten.

Doch das Smartphone ist weit mehr als ein Gerät zum Telefonieren und Chatten. Zur Standardnutzung gehören Spiele oder Videoeditoren wie Cap Cut. Manche Schulen nutzen zur Kommunikation mit den Schülern Programme wie Untis oder auch Microsoft-Produkte wie Teams. Programme wie Spotify gehören ebenfalls schon zum Standard. Für Hausaufgaben oder andere Recherchen gewinnen KI-Programme wie ChatGPT neben Google an Bedeutung.

Diese Anwendungen alleine reichen schon aus, um Kinder und Jugendliche täglich stundenlang an ihr Smartphone zu fesseln.

Whatsapp am beliebtesten

Weitere Bildschirmzeit ergibt sich durch Fernsehen und vor allem bei Jungen durch Spielekonsolen. Ab einem gewissen Alter kommen bei vielen Kindern noch soziale Medien wie Youtube, Instagram oder Tiktok hinzu. Sie verschaffen einen Einblick in die fabelhafte Welt der Influencer.

Einer aktuellen Jugendstudie der Landesmedienanstalt Baden-Württemberg zufolge(öffnet im neuen Fenster) bleibt Whatsapp mit 84 Prozent die wichtigste Anwendung für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren. Es folgen Instagram (33 Prozent) vor Snapchat (24 Prozent), Tiktok (23 Prozent) und Youtube (20 Prozent).

Kindern fehlt die erforderliche Selbstregulierung

Das Problem an den letztgenannten Angeboten: Sie sind so programmiert, dass die Nutzer möglichst lange in dem Dienst gehalten werden sollen. Das ist schon für viele Erwachsene ein Problem, wie am Beispiel von Elon Musk zu erkennen ist. Doch Kinder sind häufig nicht in der Lage, ihren Konsum selbst zu regulieren.

"Grundschulkinder sind den auf den persönlichen Geschmack abgestimmten vertikalen Kurzvideos bei Youtube, Tiktok, Instagram oder Snapchat völlig ausgeliefert. Denn die Logik dieser im Addictive Design, also einem süchtig machenden Design, entwickelten Apps zielt ja gerade darauf, dass man immer weiterwischt, dabei nebenher immer mehr Werbung ansehen muss – und die Konzerne so immer mehr Geld verdienen", sagt der Pädagoge und Digitaltrainer Daniel Wolff(öffnet im neuen Fenster).

Wie Berge von Kokain

Die Stanford-Psychiaterin Anna Lembke erläutert die Abhängigkeit mit dem Belohnungssystem des Gehirns. "Tiktok-Videos gehen ja nicht aus. Ist eins zu Ende, kommt schon das nächste, zack, neuer Dopamin-Kick, man kann unendlich lang scrollen. Stellen Sie sich mal eine Welt vor, in der Kokain niemals ausginge! Selbst wenn wir gerade nicht aktiv auf Instagram oder Tiktok sind, bekommen wir Benachrichtigungen, die uns zurückholen", sagte sie der Süddeutschen Zeitung(öffnet im neuen Fenster) (Paywall).

Problematischer Konsum bei vielen Kindern

Laut einer Studie der Postbank(öffnet im neuen Fenster) verbringen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren in Deutschland durchschnittlich 65,5 Stunden pro Woche mit verschiedenen Endgeräten von Handy bis Spielekonsole im Internet – also durchschnittlich 9,4 Stunden pro Tag. Auf das Smartphone entfallen dabei 37,5 Stunden, was 5,4 Stunden täglich entspricht.

Einer Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit zufolge(öffnet im neuen Fenster) nutzen Kinder und Jugendliche an einem normalen Wochentag 2,7 Stunden Social Media, am Wochenende 3,3 Stunden. Dabei wird bei einem Viertel die Nutzung als riskant oder sogar krankhaft eingestuft. Im Herbst 2025 wiesen demnach 21,5 Prozent eine riskante Nutzung sozialer Medien auf – nach 21,1 Prozent im September/Oktober 2024. Onlinevideos konsumierten dabei 21,4 Prozent riskant viel, nach 13,4 Prozent im Jahr zuvor. Als suchtkranke Nutzer gelten 6,6 Prozent bei Social Media und 4 Prozent bei Videos.

Den IT-Konzernen ist das Wohlbefinden der Nutzer genauso egal wie der Tabakindustrie die Gesundheit der Raucher (und Passivraucher) oder den Ölkonzernen der Klimaschutz. Dabei spielt es nicht einmal eine Rolle, ob die Kinder altersgerechte oder eher ungeeignete Inhalte zu sehen bekommen. Denn die Apps sind ein weiterer Faktor, die Bildschirmzeit der Kinder hochzutreiben.

Doch leider kommt hinzu, dass viele Inhalte für Kinder nicht zu empfehlen sind.

Zuckerberg wies Bedenken zurück

Die Whistleblowerin Francis Haugen warf ihrem früheren Arbeitgeber Facebook vor, die Probleme von Mädchen mit deren Körperbewusstsein wider besseres Wissen zu verschlimmern. Inzwischen überschwemmt immer mehr KI-Slop die sozialen Medien, der von Kindern vermutlich oft nicht als solcher erkannt wird.

In einem Prozess über die Suchtgefahren sozialer Medien räumte Meta-Chef Mark Zuckerberg in dieser Woche ein(öffnet im neuen Fenster), dass er die Bedenken von Mitarbeitern und 18 Experten hinsichtlich des Wohlergehens von Teenagern zurückgewiesen habe, um das Verbot von Instagram-Schönheitsfiltern aufzuheben. Er habe sich um die "freie Meinungsäußerung" gesorgt, sagte er zur Begründung. Ein Argument, mit die USA jegliche Regulierung von IT-Konzernen gerne abwiegeln und nun sogar in Europa verbotene Inhalte verfügbar machen wollen.

Die Gefahren und Risiken sozialer Medien erklärt die Netflix-Dokumentation Das Dilemma mit den sozialen Medien(öffnet im neuen Fenster) anschaulich. Die Doku wies schon 2020 auf das ungleiche Kräfteverhältnis bei der Nutzung sozialer Medien hin. Auf der einen Seite stehen große IT-Konzerne mit tausenden Mitarbeitern, die darum kämpfen, dass Nutzer möglichst viel Zeit am Smartphone verbringen. Die Kinder auf der anderen Seite der Apps können dem wenig entgegensetzen, da es noch an der erforderlichen Selbstregulierung fehlt. Kein Wunder, dass die Entwickler der Apps ihren Kindern die Nutzung verbieten.

Eltern haben die Verantwortung

Es liegt daher in der Verantwortung der Eltern, den Zugriff ihrer Kinder auf solche Apps zu unterbinden oder stark einzuschränken. Das ist durchaus möglich, wenn entsprechende Tools genutzt werden. Zudem ist es erforderlich, die Smartphones regelmäßig zu kontrollieren. Das gilt zum einen für die Bildschirmzeit, zum anderen für Apps. Diese Kontrolle raubt Eltern viel Zeit, die sie besser für sinnvollere Aufgaben nutzen könnten. Hilfreich ist dabei, wenn der Zugang zu App-Stores per Passwort geschützt bleibt.

Neben einer täglichen Maximaldauer sollte die Handynutzung zu bestimmten Tageszeiten wie abends oder morgens ebenfalls eingeschränkt sein. Sinnvoll ist, wenn sich das Handy nachts nicht im Schlafzimmer der Heranwachsenden befindet. Der Jugendstudie aus Baden-Württemberg zufolge stimmt die Mehrheit der 12- bis 19-Jährigen "der Aussage voll oder weitgehend zu, dass sie häufig mehr Zeit am Handy verbringen, als ursprünglich geplant". Drei von zehn Befragten berichteten, dass sie sich morgens oft müde fühlten, weil sie in der Nacht zu lange am Handy gewesen seien.

Gruppenzwang als starker Faktor

Doch es ist alles andere als leicht, solche Kontrollen, Verbote oder Einschränkungen dauerhaft durchzusetzen. Das Schlagwort lautet Gruppenzwang. Früher oder später gibt es erste Freunde oder Freundinnen, die die sozialen Netzwerke nutzen oder dort selbst schon Inhalte hochladen. Dann quengeln die Kinder, ebenfalls einen Zugang zu erhalten. Dabei können sie so penetrant wie Sicherheitspolitiker bei der Forderung nach neuen Überwachungsmaßnahmen sein. Und einmal gewährte Befugnisse sind bekanntlich kaum noch rückgängig zu machen. Das gilt auch bei der Smartphone-Nutzung der Kinder.

Je mehr Freunde bestimmte Apps nutzen, desto schwieriger wird es, die ablehnende Haltung zu verteidigen. Schließlich wollen Eltern auch nicht, dass ihre Kinder zu digitalen Außenseitern werden.

In diesem Kontext wäre ein Social-Media-Verbot durchaus hilfreich.

Social-Media-Verbot entschärft Familienkonflikte

Denn es verlagert die innerfamiliären Konflikte auf eine gesellschaftliche Ebene. Eltern können argumentieren, dass bestimmte Dienste nicht zulässig sind und daher auf dem Smartphone der Kinder nicht installiert werden dürfen. Ähnlich ist es mit Handyverboten in Schulen: Wenn es eine landesweite Regelung gibt, müssen sich Lehrer, Eltern und Schüler deswegen nicht in den Haaren liegen.

Ein solches Vorgehen ist durchaus vergleichbar mit dem Verbot, Tabakprodukte oder Alkohol an Kinder zu verkaufen. Niemand hindert Eltern daran, ihre Kinder mal an einem Glas Bier nippen zu lassen. Aber wenn es generell verboten ist, entfällt die Diskussion darüber. Zudem ist es inzwischen nicht mehr möglich, einfach mit einem Geldstück eine Schachtel Zigaretten am Automaten zu ziehen. Bei Erwachsenen wird das Alter inzwischen mit der Giro- oder Kreditkarte überprüft.

Das heißt: Ein Social-Media-Verbot für Kinder lässt sich nicht isoliert von der übrigen Nutzung von Smartphones und anderen Bildschirmgeräten betrachten. Wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sind reale Interaktionen und Bewegung, beispielsweise beim Sport. Wenn es Anwendungen gibt, bei denen sich Verzicht zur Reduzierung der Bildschirmzeiten anbietet, dann sind es vor allem soziale Medien. Nicht nur wegen des hohen Suchtpotenzials, sondern auch wegen vieler fragwürdiger und schädlicher Inhalte.

Datensparsame Umsetzung erforderlich

Wie ein solches Verbot in Deutschland oder der EU umgesetzt werden könnte, ist noch unklar. Die SPD hat vorgeschlagen, für eine datensparsame Altersverifikation die geplante europäische digitale Identität zu nutzen, die sogenannte EUDI-Wallet. Die EU-Kommission testet eine solche Funktion schon in mehreren Ländern. Diese Verifikation soll es ermöglichen, das Alter von Nutzern anonym zu prüfen, ohne persönliche Daten wie Name oder Geburtsdatum zu speichern. Dafür können neben dem elektronischen Personalausweis auch Dienste wie Onlinebanking infrage kommen.

In Australien kommt ein gestuftes System zum Einsatz, das auf mehreren Verfahren basiert. So kann das Alter nicht nur per Ausweisdaten, sondern auch mit der Analyse des Gesichts, der Stimme oder des Verhaltens erkannt werden. Zudem ist Alterserkennung über Muster in Inhalten, Freundesnetzwerken oder Tageszeiten der Nutzung möglich.

Natürlich wird es immer Kinder und Jugendliche geben, die in der Lage sind, solche Verbote zu umgehen. Das kann aber kein Grund sein, auf eine Regelung zu verzichten. Mit demselben Argument wären Tempolimits sinnlos, weil es immer Raser geben wird. Zudem dürften die sozialen Medien für Kinder uninteressanter werden, wenn nur noch wenige Gleichaltrige diese nutzen. Der Gruppendruck dürfte sich dadurch reduzieren.

Zu guter Letzt bleibt es weiterhin in der Verantwortung der Eltern, das Verbot auf den Endgeräten zu kontrollieren und bestimmte Zugänge in Ausnahmefällen zu erlauben. Wenn eine Gesellschaft ihre Heranwachsenden vor Suchtgefahren schützen möchte, kann sie es aber nicht nur den Eltern und damit gewissermaßen dem Zufall überlassen, ob ein solcher Schutz auch umgesetzt wird. Zudem sollte sie Eltern, die den Schutz befürworten, in ihrem Vorgehen unterstützen. Allerdings ist es leider auch so, dass viele Eltern mit der Smartphone-Nutzung ihrer Kinder kein Problem haben, weil diese dann zumindest irgendwie beschäftigt sind.

Empfehlungssysteme parallel ändern

Parallel wäre es wünschenswert, wenn die Plattformen dazu verpflichtet würden, ihre Empfehlungssysteme zu ändern oder komplett abzuschaffen. Das würde nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern auch erwachsenen Nutzern zugutekommen. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Wenn Erwachsene selbst weniger am Handy hängen, sind sie damit schließlich ihren Kindern ein gutes Beispiel. Zudem wäre eine Altersverifikation ebenfalls erforderlich, wenn Einschränkungen nur für Jugendliche gelten sollen.

Aber egal, welche Regel angestrebt werden mag: Sie sollte möglichst schnell kommen. Die technische Umsetzung sollte so gelöst werden, dass sie tatsächlich so datensparsam wie möglich erfolgt und keine personenbezogenen Daten über die Tatsache der erforderlichen Altersschwelle hinaus geteilt werden.

Je länger mit der Umsetzung gewartet wird, desto mehr Jahrgänge wachsen mit einem problematischen Inhaltekonsum auf, dessen langfristige Auswirkungen völlig unklar sind. Es ist daher fast schon zynisch, wenn Snapchat-Chef Evan Spiegel den Social-Media-Bann in Australien als "umfangreiches Experiment" bezeichnet(öffnet im neuen Fenster). Das wahre Experiment besteht darin, Kinder und Jugendliche einem Dauerkonsum digitaler Inhalte auszusetzen. Die Gehirne ihrer Menschen sind schließlich das wichtigste Gut, das unserer Gesellschaft zur Verfügung steht.


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