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Social-Media-Verbot entschärft Familienkonflikte

Denn es verlagert die innerfamiliären Konflikte auf eine gesellschaftliche Ebene. Eltern können argumentieren, dass bestimmte Dienste nicht zulässig sind und daher auf dem Smartphone der Kinder nicht installiert werden dürfen. Ähnlich ist es mit Handyverboten in Schulen: Wenn es eine landesweite Regelung gibt, müssen sich Lehrer, Eltern und Schüler deswegen nicht in den Haaren liegen.

Ein solches Vorgehen ist durchaus vergleichbar mit dem Verbot, Tabakprodukte oder Alkohol an Kinder zu verkaufen. Niemand hindert Eltern daran, ihre Kinder mal an einem Glas Bier nippen zu lassen. Aber wenn es generell verboten ist, entfällt die Diskussion darüber. Zudem ist es inzwischen nicht mehr möglich, einfach mit einem Geldstück eine Schachtel Zigaretten am Automaten zu ziehen. Bei Erwachsenen wird das Alter inzwischen mit der Giro- oder Kreditkarte überprüft.

Das heißt: Ein Social-Media-Verbot für Kinder lässt sich nicht isoliert von der übrigen Nutzung von Smartphones und anderen Bildschirmgeräten betrachten. Wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung sind reale Interaktionen und Bewegung, beispielsweise beim Sport. Wenn es Anwendungen gibt, bei denen sich Verzicht zur Reduzierung der Bildschirmzeiten anbietet, dann sind es vor allem soziale Medien. Nicht nur wegen des hohen Suchtpotenzials, sondern auch wegen vieler fragwürdiger und schädlicher Inhalte.

Datensparsame Umsetzung erforderlich

Wie ein solches Verbot in Deutschland oder der EU umgesetzt werden könnte, ist noch unklar. Die SPD hat vorgeschlagen , für eine datensparsame Altersverifikation die geplante europäische digitale Identität zu nutzen, die sogenannte EUDI-Wallet. Die EU-Kommission testet eine solche Funktion schon in mehreren Ländern . Diese Verifikation soll es ermöglichen, das Alter von Nutzern anonym zu prüfen, ohne persönliche Daten wie Name oder Geburtsdatum zu speichern. Dafür können neben dem elektronischen Personalausweis auch Dienste wie Onlinebanking infrage kommen.

In Australien kommt ein gestuftes System zum Einsatz, das auf mehreren Verfahren basiert . So kann das Alter nicht nur per Ausweisdaten, sondern auch mit der Analyse des Gesichts, der Stimme oder des Verhaltens erkannt werden. Zudem ist Alterserkennung über Muster in Inhalten, Freundesnetzwerken oder Tageszeiten der Nutzung möglich.

Natürlich wird es immer Kinder und Jugendliche geben, die in der Lage sind, solche Verbote zu umgehen. Das kann aber kein Grund sein, auf eine Regelung zu verzichten. Mit demselben Argument wären Tempolimits sinnlos, weil es immer Raser geben wird. Zudem dürften die sozialen Medien für Kinder uninteressanter werden, wenn nur noch wenige Gleichaltrige diese nutzen. Der Gruppendruck dürfte sich dadurch reduzieren.

Zu guter Letzt bleibt es weiterhin in der Verantwortung der Eltern, das Verbot auf den Endgeräten zu kontrollieren und bestimmte Zugänge in Ausnahmefällen zu erlauben. Wenn eine Gesellschaft ihre Heranwachsenden vor Suchtgefahren schützen möchte, kann sie es aber nicht nur den Eltern und damit gewissermaßen dem Zufall überlassen, ob ein solcher Schutz auch umgesetzt wird. Zudem sollte sie Eltern, die den Schutz befürworten, in ihrem Vorgehen unterstützen. Allerdings ist es leider auch so, dass viele Eltern mit der Smartphone-Nutzung ihrer Kinder kein Problem haben, weil diese dann zumindest irgendwie beschäftigt sind.

Empfehlungssysteme parallel ändern

Parallel wäre es wünschenswert, wenn die Plattformen dazu verpflichtet würden, ihre Empfehlungssysteme zu ändern oder komplett abzuschaffen. Das würde nicht nur Kindern und Jugendlichen, sondern auch erwachsenen Nutzern zugutekommen. Doch das eine schließt das andere nicht aus. Wenn Erwachsene selbst weniger am Handy hängen, sind sie damit schließlich ihren Kindern ein gutes Beispiel. Zudem wäre eine Altersverifikation ebenfalls erforderlich, wenn Einschränkungen nur für Jugendliche gelten sollen.

Aber egal, welche Regel angestrebt werden mag: Sie sollte möglichst schnell kommen. Die technische Umsetzung sollte so gelöst werden, dass sie tatsächlich so datensparsam wie möglich erfolgt und keine personenbezogenen Daten über die Tatsache der erforderlichen Altersschwelle hinaus geteilt werden.

Je länger mit der Umsetzung gewartet wird, desto mehr Jahrgänge wachsen mit einem problematischen Inhaltekonsum auf, dessen langfristige Auswirkungen völlig unklar sind. Es ist daher fast schon zynisch, wenn Snapchat-Chef Evan Spiegel den Social-Media-Bann in Australien als "umfangreiches Experiment" bezeichnet(öffnet im neuen Fenster) . Das wahre Experiment besteht darin, Kinder und Jugendliche einem Dauerkonsum digitaler Inhalte auszusetzen. Die Gehirne ihrer Menschen sind schließlich das wichtigste Gut, das unserer Gesellschaft zur Verfügung steht.


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