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Jugendschutz-Software: "Jugendschutzfilter so wichtig wie Virenscanner"

Seit gestern ist die Jugendschutz-Software der Telekom erhältlich. Damit steht der Jugendschutz im Internet vor dem Umbruch – aber fast kein Nutzer weiß, was sich ändert. Bei einer Diskussionsrunde haben Experten über technische Grundlagen und weitere Plattformen gesprochen.
/ Peter Steinlechner
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Expertentreffen bei der KJM in München (Bild: Golem.de)
Expertentreffen bei der KJM in München Bild: Golem.de

Ein bisschen haben sich die Teilnehmer einer Diskussion in den Räumen der Münchner Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM) schon gewundert, dass es in den letzten Monaten so ruhig war um den Jugendschutz im Internet. Lag es daran, dass Themen wie Acta und Kino.to dann doch irgendwie spannender waren?

Dabei tut sich derzeit viel bei den staatlichen Regelungen, mit denen Eltern ihre Kinder vor unerwünschten Inhalten im Internet schützen können. So ist seit dem 29. März 2012 die Filtersoftware der Telekom(öffnet im neuen Fenster) für ihre Kunden als kostenloser Download erhältlich. Ein weiteres Programm bietet der von der Industrie getragene Verein Jusprog(öffnet im neuen Fenster) an – dahinter stecken Spielefirmen wie Electronic Arts, Unternehmen wie die Axel Springer AG und der Bauer Verlag, aber auch Anbieter von pornografischen Inhalten, etwa die Beate Uhse AG. Beiden Programmen gemein: Sie sind offiziell von der KJM anerkannt.

Deshalb ist es kein Wunder, dass Siegfried Schneider, Chef der KJM, der Auffassung ist, dass "seit Anerkennung der beiden Programme ein Stück Land in Sicht" ist für den Jugendschutz im Internet. Und das, obwohl nach dem Stopp der Novelle des Jugendmedienstaatsvertrages selbst Experten lange Zeit nicht wussten, wie Gesellschaft und Politik künftig ihre Jüngsten vor unpassenden Inhalten schützen sollen.

Jugendschutz vorerst nur bis 16 Jahre

Zu tun gibt es trotzdem noch viel: Die beiden Programme sind zwar offiziell anerkannt, aber laut Schneider derzeit nur für Inhalte mit einer Freigabe bis 16 Jahre. Erst ab Juni 2013 sind sie auch für Inhalte mit einer Einstufung "ab 18" anerkannt – allerdings nur, wenn sich die Software bewährt und bestimmte Vorgaben bei ihrer Verbreitung erreicht. Staat und Industrie müssten also dafür sorgen, dass Jugendschutzfilter möglichst schnell so normal wie ein Virenscanner würden, sagt ein Teilnehmer der Diskussionsrunde in München.

Schneider sieht eine Reihe von Herausforderungen auf die Entwickler der Jugendschutzprogramme zukommen. So müssen einige bekannte Probleme behoben werden. Etwa, was das sogenannte Over- und Under-Blocking angeht. Gemeint ist, dass die Software auch die richtigen Seiten sperrt – und nicht, wie im Februar 2012 bei einem Test des Jusprog gezeigt, beispielsweise auch Übersetzungsdienste von Google und Wikileaks.

Stefan Schellenberg, Mitbegründer von Jusprog, räumt bei der Diskussion in der KJM die Probleme ein, sagt aber auch, dass an Lösungen gearbeitet werde. Derzeit gelte eine Vorgabe von 80 Prozent Treffern für die Software – sprich: Von fünf untersuchten Seiten müssen vier korrekt gesperrt oder nicht gesperrt sein. Dazu läuft eine mehrstufige Prüfung ab: Erst arbeitet das Programm die Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) ab, dann checkt es die möglichen individuellen Sperren der Eltern und anschließend eigene Eingaben des Nutzers.

Die Filterliste entscheidet

Als letzter und entscheidender Schritt erfolgt der Abgleich mit einer Filterliste, die laufend aktualisiert wird. Wenn eine Alterseinstufung bis 12 Jahren eingestellt wird, sind alle Webseiten blockiert, die das Programm nicht kennt – ab 12 Jahren ist es genau umgekehrt. Die Vorgabe der 80 Prozent Trefferquote ergibt sich übrigens aus dem, was Experten nach dem aktuellen Stand der Technik für machbar halten – wenn die machbare Quote aufgrund optimierter Algorithmen steigt, wird auch die Vorgabe erhöht, so jedenfalls der Plan.

Eine weitere Herausforderung sieht KJM-Chef Schneider darin, alle relevanten Plattformen zu erreichen. Beide Jugendschutzprogramme stehen derzeit nur für Windows-PC zur Verfügung – vergleichbar anerkannte Lösungen für Linux, Mac OS oder gar für Smartphones und Tablets gibt es derzeit nicht. Insbesondere mobile Endgeräte stellten eine technische Herausforderung dar, sagt Thomas Schiemann von der Telekom. Er halte es für "essenziell wichtig, die Endgerätehersteller mit einzubinden", weil sonst jeder Jugendliche die Software nach ein paar Augenblicken deaktivieren könne.

So sicher wie der große Bruder

Bei den jetzt erhältlichen Versionen für Windows-PC geben sich die Experten ganz zufrieden mit dem Erreichten: Zum einen sei die Software natürlich gründlich geprüft. Zum anderen gehe es gar nicht um hundertprozentige Sicherheit. TV-Sendungen mit zu viel Sex und Crime seien schließlich auch nicht sicher vor Jugendlichen – zumindest, wenn die in der Lage sind, einen Rekorder zu programmieren oder den älteren Bruder in die Videothek zu schicken.

Sehr viel effektivere Hürden werde es auch am PC nicht geben, solange es im Grunde reiche, "einfach eine CD mit Ubuntu" ins Laufwerk zu legen, sagt Friedemann Schindler, Leiter von Jugendschutz.net. Nebenbei macht es nach Darstellung der Diskussionsteilnehmer durchaus einen Unterschied, ob Kinder und Jugendliche einfach so auf pornografische oder gewalthaltige Inhalte zugreifen können – oder ob sie zumindest gefühlt eine Grenze übertreten.

Als dritte große Herausforderung sieht Schneider, der Software möglichst schnell eine große Verbreitung zu verschaffen. Er nennt Umfragen, laut denen 21 bis 27 Prozent der Eltern irgendeinen Jugendschutzfilter installiert haben – der aber, wenn er aus dem angloamerikanischen Raum komme, gerne mal unerbittlich bei Erotik und Pornografie sei, aber bei Gewalt beide Augen zudrücke. Am liebsten wäre es Schneider, wenn Jugendschutzfilter künftig auf jedem Rechner, der ausgeliefert wird, bereits installiert sind, oder wenn die Programme fester Bestandteil von Betriebssystemen sind. Erwachsene könnten sie dann natürlich deaktivieren – ähnlich, wie es jetzt bei den Sicherheitsvorgaben bei Google ist.

Die Jugendschutzlücke wächst

Um die bislang zwei offiziell anerkannten Programme bekannter zu machen, berichtet Felix Barckhausen – im Bundesfamilienministerium zuständig für das Referat Jugend und Medien -, dass er derzeit gemeinsam mit den Ländern eine umfangreiche Kampagne plant; auch die Unternehmen sollen eingebunden werden. Die Kampagne soll in den kommenden Wochen und Monaten allmählich starten, ihr Schwerpunkt liegt auf den neuen Softwareangeboten, aber auch auf der Einbindung von Eltern in den Schutz ihrer Kinder – gerade mal 13 Prozent der Eltern surfen regelmäßig zusammen mit ihren Kindern im Internet, ergab eine aktuelle Studie.

Der Druck auf die Anbieter der Jugendschutz-Sofware ist auch deshalb so groß, schnell für eine Verbreitung ihrer Software zu sorgen, weil die Jugendschutzlücke derzeit wieder wächst. Denn jetzt, wo die Programme erhältlich sind, dürfen beispielsweise die Anbieter von Erotikseiten laut Jugendmedienstaatsvertrag auf bestimmte Alterskontrollen verzichten. Stattdessen haben sie die Möglichkeit, ihre Webinhalte in Deutschland mit dem Age-de.xml zu kennzeichnen, das das bisherige ICRA-Tag ablöst – aber eben entsprechende Filtersoftware voraussetzt. Ein Ansatz, den Friedemann Schindler von Jugendschutz.net für zukunftsweisend hält. Unter anderem deswegen, weil etwa eine Webseite für Erwachsene auch so gestaltet werden kann, dass sie parallel für Kinder geeignet ist.


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